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Fussball

Der linke Rebell Vikash Dhorasoo: Vom Milan-Flop zum Bürgermeisterkandidaten in Paris

Von Francesco Schirru / Stanislav Schupp
Beim AC Mailaind konnte er sich nie durchsetzen - in der Politik schon.

Zweimal französischer Meister, italienischer Pokalsieger, Vize-Weltmeister mit Frankreich: Vikash Dhorasoo hatte während seiner aktiven Laufbahn durchaus nennenswerte Erfolge vorzuweisen, war technisch unheimlich versiert und spielte unter anderem für Olympique Lyon, die AC Milan und PSG.

Trotz der genannten Erfolge lief es für den Franzosen indisch-mauritischer Herkunft oft unrund. In Lyon überwarf er sich einst mit Trainer Jacques Santini sowie einigen Teamkollegen, darunter Gregory Coupet, woraufhin er kurzzeitig verliehen wurde. In Mailand hatte das Mittelfeld Mitte der Nullerjahre mit Kaka, Gennaro Gattuso, Clarence Seedorf, Andrea Pirlo oder Rui Costa Rang und Namen, sodass die Dienste des früheren zentralen Mittelfeldspielers, der zuvor bei OL groß aufgespielt hatte, nahezu nicht gefragt waren. Lediglich 20 Spiele absolvierte er wettbewerbsübergreifend in der Saison 2004/05.

Ähnliches galt für die Equipe Tricolore, wo an Zinedine Zidane kein Vorbeikommen war. Und in Paris wurde Dhorasoo nach etwas mehr als einem Jahr fristlos gekündigt, nachdem er den damaligen Coach Guy Lacombe in einem Interview mit der L'Equipe kritisiert hatte. Und da wäre noch eine kurze Station in Livorne, wo er ebenfalls rausgeworfen wurde, ohne auch nur ein Spiel für die Italiener absolviert zu haben. Der Grund: Dhorasoo soll sich geweigert haben, zur Verbesserung seiner Fitness im Jugendteam zu spielen.

Viel Wirbel, ja. Allerdings lag Dhorasoos tatsächlicher Einfluss ohnehin außerhalb des grünen Rasens.

Fußballintellektueller, VWL-Studium und Poker-Profi: Dhorasoo als der etwas andere Fußballer

Der mittlerweile 48-Jährige galt als der etwas andere Profi. Er begann vor seiner Karriere ein Volkswirtschaftsstudium, galt in Frankreich als Fußballintellektueller und war oft Gast in meinungsstarken TV- oder Radio-Shows. Nach seinem Aus bei PSG 2006 wurde er kurzzeitig professioneller Pokerspieler und verdiente damit knapp 527.000 US-Dollar [ca. 450.000 Euro, Anm. d. Red.].

Doch viel wichtiger: Dhorasoo, der nie einen Hehl aus seiner Herkunft machte, setzte sich stets für die Schwächeren ein, kämpfte gegen multinationale Konzerne und finanzielle Übermächte. Dhorasoo ging in die Politik, rief Programme zur Armutsbekämpfung unter anderem in Frankreich und Indien ins Leben, bekämpft Bigotterie und unterstützte Paris Foot Gay, einen Amateurverein, der sich aktiv gegen Homophobie und anderweitige Diskriminierungen im Sport einsetzte. Zudem kandidierte er für das Bürgermeisteramt in Paris für die Linkspartei La France insoumise (deutsch: das rebellische Frankreich).

Politisch interessiert und vor allem aktiv war er auch schon während seiner aktiven Zeit, bildete sich stets weiter. Dies stieß jedoch vor allem bei Milan nicht bei allen auf Gegenliebe - beispielsweise dem Ex-Präsidenten Silvio Berlusconi.

"Berlusconi steht für alles, wofür ich kämpfe. Er hat den Fußball ausgenutzt, um reich zu werden", sagte er im vergangenen Jahr gegenüber der Sportweek: "Adriano Galliani [ehemaliger Vorstandsvorsitzender bei Milan, Anm. d. Red.] wusste von meinen Aktivitäten und hat mich in Ruhe gelassen. Sie haben mir nur zu verstehen gegeben, dass es vielleicht nicht gut ankommt."

Dhorasoo habe dagegen Fußball wegen seines "Gemeinschaftsgeistes" gespielt. Dies sei auch die Marschroute, die er nach wie vor verfolgt. "Das symbolisiert mein politisches Engagement: Ich kämpfe für andere", führte er aus: "Und im Gegensatz zu Berlusconi sehe ich mich nicht als Vorbild, sondern fordere Menschen auf, mit mir für ihre Rechte zu kämpfen. Die Politik sollte nicht nur einigen wenigen vorbehalten sein."

Dhorasoo: "Das Geld hat mich 'weiß' gemacht"

Gesagt, getan. Dhorasoo ließ seinen Worten Taten folgen und involvierte die Menschen um ihn herum. "Der Bürgermeister der örtlichen Gemeinde wollte auf Wunsch wohlhabender Anwohner, denen die Anwesenheit von Jungen arabischer und afrikanischer Herkunft nicht gefiel, ein Spielfeld entfernen. Also sammelten wir 11.000 Unterschriften gegen 1.000, und am Ende blieb der Platz bestehen", erzählte er: "Ich komme aus einem Arbeiterviertel in Le Havre, bin indischer Abstammung und weiß, was Diskriminierung bedeutet."

Dass Dhorasoo zwar durch seine Herkunft das Schicksal der Menschen nachvollziehen kann, jedoch aufgrund seiner Fußballervergangenheit ganz andere Voraussetzungen mitbringt, ist dem Ex-Profi bewusst. Vielmehr nutzt er seine Möglichkeiten für seine Ziele. "Ich bin reich, ich werde nicht mehr diskriminiert, weil das Geld mich 'weiß' gemacht hat", ergänzte er und zitierte anschließend die Schriftstellerin Toni Morisson: "Die Freiheit dient dazu, jemand anderen zu befreien." Heutzutage müsse man wohlhabend sein, um in Paris leben zu können, "ich möchte Paris allen Parisern zurückgeben."

Für das Amt des Bürgermeisters warf Dhorasoo alles in Waagschale, was er sich in seinen Jahren als Fußballer erarbeitet hatte. Zwar reichte es am Ende nicht, da Anne Hidalgo von der sozialistischen Partei Parti socialiste (seit 2014 im Amt) für eine weitere Amtszeit bestätigt wurde. Doch während er sich in Mailand vielleicht nicht durchweg wohlgefühlt hat, geht er in der Politik auf. Dhorasoo ist hartnäckig, aktiv, schnörkellos und direkt in seinen Aussagen.

Aspekte, die ihm während seiner Karriere als Fußballer womöglich den ein oder anderen Konflikt bescherten, die ihn in der Poltik allerdings weit gebracht haben.

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