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Fussball

Sergen Yalcin: Die verhinderte Weltkarriere des Süper Solak

Von Maximilian Schmeckel
Sergen Yalcin war an guten Tagen einer der begnadetsten Zehner der Welt.

Sergen Yalcin war an guten Tagen einer der begnadetsten Zehner der Welt. Die ganz große Karriere blieb aus, weil ihm der Exzess in die Quere kam. Heute ist er von vielen vergessen.

Im Jahr 2003 herrschte im Westen Londons Euphorie. Roman Abramowitsch hatte den FC Chelsea übernommen und im Sommer fast 170 Millionen Euro investiert - und plötzlich wehte ein Hauch von Glamour durch die Straßen. Es kamen Stars der damaligen Zeit wie Juan Sebastian Veron oder Hernan Crespo, das Ziel war bereits im ersten Jahr der Gewinn der Champions League.

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Am zweiten Spieltag kam Besiktas an die Stamford Bridge - und die Fans wurden nach 24 Minuten plötzlich stiller und verstummten fünf Minuten später ganz. Denn gegen das Starensemble mit Terry, Lampard, Crespo, Desailly, Gallas, Mutu und Veron hatte ein untersetzt wirkender Mann zwei Tore erzielt und die Blues so im Alleingang besiegt. Sein heute fast schon vergessener Name: Sergen Yalcin.

Der heute 48-Jährige gilt als einer der besten türkischen Fußballer aller Zeiten, sein linker Fuß hatte etwas Magisches an sich. An guten Tagen spielte er Pässe aus dem Fußgelenk, hatte er ein Ballgefühl wie kein Zweiter und schoss Freistöße in Perfektion. Der FC Barcelona, AC Mailand und die Bayern waren an ihm interessiert. Und doch blieb die ganz große Karriere aus. Weil Verletzungen dazwischen kamen und vor allem weil Yalcin einer war und ist, der das Leben liebt.

Freistöße wie später nur Beckham

Am 5. November 1972 kam er in Istanbul zur Welt. Früh war allen klar, dass ihm Talent in die Wiege gelegt wurde. Es fiel ihm alles so leicht, Tricks, die andere stundenlang üben mussten, gelangen ihm auf Anhieb. Mit zehn wechselte er zu Besiktas. Auch wenn er in der Jugend mehrfach aneckte, weil er Trainings verschlief oder aufmüpfig war, gelang der Sprung zu den Profis mühelos.

Denn er wurde schon damals Süper Solak gerufen, "Super-Linksfuß", weil er Bälle in den Winkel zwirbeln konnte wie später nur David Beckham oder Juninho. Weil er, obwohl es immer so aussah, als würde er nur traben, Gegenspieler stehen ließ, als würde er auf der Straße gegen Hydranten spielen.

Und seine Pässe erst! Er sah Räume, die anderen verborgen blieben und er hatte schon damals den Mut, sie auch zu spielen. "Er kam mit seinen 19 Jahren zu den Profis und wagte gleich Beinschüsse und Pässe, die kein anderer in diesem Alter gespielt hätte. Alleine aus Respekt", sagte der damalige Trainer Gordon Milne.

Sofort Liebling der Massen

Er eroberte sich einen Stammplatz und die Herzen der Fans sowieso. Denn man konnte ihn 15, 20 Minuten nicht sehen und dann schnappte er sich den Ball, ließ drei Gegenspieler stehen und drosch ihn in den Knick. Dabei zeichnete ihn das immense Gespür für den Moment aus. Er wusste genau, wann er zu roher Gewalt greifen, wann er zirkeln musste und wann Gefühl der Weg ins Glück war.

In 347 Süper-Lig-Spielen schoss er 105 Tore - eine stolze Zahl, wenn man bedenkt, dass er Zehner war, ein Spielmacher und keineswegs ein Torjäger. Und trotz seiner fast hymnisch klingenden Fähigkeiten spielte er nie für einen der besten Klubs der Welt. Stattdessen blieb er sein Leben lang in der Türkei, spielte für alle drei großen Istanbul-Klubs, für Istanbulspor, Jetpaspor, Sekerspor und zuletzt für Eskisehirspor.

An Angeboten mangelte es nie. Die Größen Europas wollten den Freistoßvirtuosen fast alle. Zu einem Wechsel kam es dennoch nie. Zum einen, weil Yalcin sich mehrmals zu ungünstigen Zeitpunkten verletzte. So verpasste er die aus türkischer Sicht grandiose WM 2002 wegen eines Kreuzbandrisses.

Liebe zum Exzess

Zum anderen wurden erste Offerten oft nicht konkretisiert, denn Yalcin galt als schwierig, als einer mit Star-Allüren, dem es an Trainingseifer und Disziplin mangelt. Dabei war es vor allem seine unbändige Lust auf die Vergnügungen. Denn so sehr er sein Trikot mit der Nummer Zehn und den Fußball liebte, so sehr wollte er das Leben auskosten.

Er trieb sich vor Spielen in Nachtklubs herum, feierte Partys auf Yachten, war im Nachtleben Istanbuls eine feste Größe. Er ernährte sich nie nach Plan, liebte hübsche Frauen, Uhren und Autos. Und er verpulverte unfassbare Summen beim Glücksspiel. Hunderennen, Sportwetten. Er war irgendwann spielsüchtig, seine Leistungen schwankten immer mehr.

Dennoch: An seinen guten Tagen legte er sich den Ball behutsam auf den Rasen und zirkelte das Leder mit einer Flugbahn ins Tor, die einst sogar türkische Physiker Berechnungen anstellen ließ.

"Ich bereue nichts"

Und er bereut ohnehin nichts. "Ich hatte tolle Jahre, habe über 100 Tore geschossen", sagte er Hürriyet. "Natürlich habe ich Fehler gemacht, aber sie haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin." Und die Fans liebten ihn immer, weshalb er die Süper Lig als "schönste Liga der Welt" bezeichnete.

Vielleicht hätte ein Wechsel ins Ausland auch gar nicht zu ihm gepasst. Denn in der Heimat ließ man ihn machen. Man wusste um seine nächtlichen Ausschweifungen, aber auch, wie gut er sein konnte - und dass er den Exzess brauchte, dass er zu ihm gehörte.

Denn er wollte immer alles mitnehmen, alles probieren. Hoch pokern, hoch gewinnen. Rausgehen und leben. So war Yalcin, dem alles immer leicht fiel. "Er ist der beste Spieler, den ich je gesehen habe", sagte sein früherer Mitspieler Alpay Özalan. "Es gab nichts, was er nicht konnte. Und es sah immer so leicht bei ihm aus."

Und so ist es. Es gab da bei seiner Show gegen Chelsea eine Szene. Er wurde im Zentrum angespielt, John Terry, heute Legende, einer der besten Verteidiger aller Zeiten, stürmte heran. Mit der Innenseite touchierte Yalcin den Ball, drehte ihn um Terry herum und nahm ihn mit links wieder mit. Terry war stehen gelassen worden wie ein Schuljunge.

Heute in Vergessenheit geraten

Heute ist er Trainer. Derzeit bei Besiktas. Und auch heute, mit über 40, will er noch alles mitnehmen. 2012 und 2013 war er Jury-Mitglied bei der populären TV-Sendung Yetenek sizsiniz, in der er mit seinen Sprüchen für Lockerheit sorgte. Ein geborener Entertainer eben. Zudem schreibt er eine Kolumne.

Und dennoch: Auch wenn er selbst glücklich ist. Sieht man sich seine Leistungen von einst an, seine Traumtore, seine Technik, muss man es einfach bedauern, dass er nie für einen der ganz großen Klubs spielte. Sein Lebensstil, das Nachtleben verhinderten das. Und so ist Sergen Yalcin heute außerhalb der Türkei in Vergessenheit geraten. Dabei hatte er diese Magie, wie an jenem Abend in der Stamford Bridge, die nur ganz wenige haben.

Dieses Leichte der Begnadeten. Ballannahme, ohne auf den Boden sehen zu müssen, ein wie in Zeitlupe ausgeführtes Dribbling, ein kurzer Blick nach oben und ein aus dem linken Bein kommender Schwung unter den Ball ins Tor. Süper Solak, schrieben dann die Medien, die Fans himmelten ihn an. Und er selbst ließ sich in Casinos feiern, trank immer einen zu viel, ging Drogen nicht aus dem Weg. Alles mitnehmen, nichts bereuen.

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