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Fussball

Auswärtsspiel - die SPOX-Kolumne: N'Golo Kante? Wie Dennis Rodman - nur nett

Von Fatih Demireli
N'Golo Kante hat im Champions-League-Finale hervorragend gespielt.

N'Golo Kante nervt damit, dass er keinen Grund liefert, ihn nicht zu mögen. Sein Werdegang und seine Art, Fußball zu spielen, sorgen dafür, dass der Mittelfeldmotor des FC Chelsea fast ausnahmslos geliebt wird. Eine Suche nach Fehlern.

N'Golo Kante muss irgendetwas machen, damit wir ihn nicht mehr mögen. Vielleicht stellt er einer alten Dame, die ihn vorher noch freundlich grüßt, ein Bein. Er könnte auch einem kleinen Fan erst ein Selfie verweigern und sich dann lustig über seine Frisur machen. Möglich wäre auch, dass er bei Instagram ein Foto postet, indem er floydmayweathermäßig mit unzähligen Geldscheinen im Bett liegt, während ihm die Füße massiert werden und er sich mit Ahornsirup übergießen lässt, den andere dann sauberlecken müssen.

Irgendwas muss dieser N'Golo Kante machen, damit er endlich zu diesen Normalsterblichen gehört, bei denen man zumindest einen Grund findet, sie nicht zu mögen. Oder bei denen man zumindest darüber diskutieren kann, warum andere viel cooler sind. Aber nein, dieser 30 Jahre alte Mann aus Paris ist auf einer Beliebtheitsskala von 1 bis 100 bei 1.500 angelangt und er wird immer beliebter.

Das ist erstaunlich in einer Zeit, in der Neid, Gier und Hass die Überhand gewinnen und die Missgunst in der Gesellschaft steigt. Gerade Fußballer stehen da besonders im Fokus. Klar, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind die besten Fußballer der Welt und haben Millionen Fans. Es gibt aber auch Millionen Menschen, die jeden Tag eben gegen jene beiden hetzen. Meistens aus dem Lager der anderen. Nun ist Kante auch einem Lager zugeordnet. Er spielt beim FC Chelsea, der auf einer Beliebtheitsskala die Werte von Kante nicht mal ansatzweise erreicht. Und dennoch wird Kante geliebt und zieht seinen Klub damit ein bisschen hoch.

N'Golo Kante: Die klassische Tellerwäscher-Geschichte

Die Gründe liegen auf der Hand. Da ist die klassische Tellerwäscher-Geschichte. Seine Karriere stand eigentlich vor dem Ende, bevor sie überhaupt begann. Kante war als Jugendlicher ein maximal durchschnittlicher Spieler. In Suresnes, zwölf Kilometer weg von Paris, spielte er mit Freunden auf Amateurniveau. Oft kamen Scouts vorbei; aus Sochaux, Rennes, Lorient, Amiens und Clairefontaine - und manchmal durfte er sogar zur Probe mittrainieren, doch jedes Mal scheiterte er und bekam keinen Vertrag.

Wäre Kante kein Stehaufmännchen, hätte er damals vielleicht schon aufgegeben und sich seiner eigentlichen Liebe gewidmet. "Ursprünglich wollte ich nicht unbedingt Fußballer werden, sondern eher Forscher. Mich hat besonders Erdkunde interessiert", erzählte Kante mal im Socrates Magazin: "Ich wollte entdecken, wie man in Asien lebt, in Afrika und in Südamerika, vor allem wie die Leute miteinander umgehen, wie die Mentalität dort ist." Eine Zeit lang jobbte er dann auch als Buchhalter, bis er doch merkte, dass der Fußball mehr Spaß macht.

In Boulogne-sur-Mer gab man ihm schließlich eine Chance. Dort, wo auch einst Franck Ribery den Sprung zum Profifußball schaffte. Kante war zumindest schon mal an der Türschwelle dorthin, aber der Weg nach oben war immer noch weit weg. Kante erzählt: "Als ich das erste Mal den Boulogne-Trainer über Taktik reden hörte, dachte ich mir: Das wird ja nicht so einfach. Für mich war das ein anderer Fußball. Das Spiel ging schnell von einem Tor zum anderen, man musste viel antizipieren, vieles spielte sich im Zentrum ab und es ging darum, mit maximal zwei Ballkontakten zu spielen."

Doch das war nicht das einzige Problem für Kante: "Als ich dort ankam, war ich verletzt und als ich verfolgte, was meine Mitspieler durchmachen mussten, dachte ich, das würde ich wohl nicht so leicht hinkriegen und ich würde sicherlich Zeit brauchen. Ich habe aus dieser schweren Erfahrung unheimlich viel gelernt. Dort konnte ich mich insofern bestens entwickeln. Von dieser Zeit profitiere ich bis heute noch." Diese Phase nennt Kante "die größte Hürde auf dem Weg zur europäischen Spitze".

N'Golo Kante: "Ein unfassbar geiler Spieler"

Und dieser Weg ist wirklich beeindruckend. 2012 Amateurfußballer, 2013 Zweitliga-Spieler, 2014 Erstliga-Spieler, 2015 der Wechsel in die Premier League zu Leicester City, 2016 Meister in der Premier League, 2017 Meister in der Premier League mit Chelsea, 2018 Weltmeister, 2019 Europa-League-Sieger, 2021 Champions-League-Sieger. Diese Bilderbuch-Karriere, trotz all den Hürden und Problemen, machen diesen N'Golo Kante so nahbar für viele. Er ist einer von ihnen. Einer von uns, der es nach oben geschafft hat. Ohne dafür je in einem Nachwuchsleistungszentrum oder einem teuren Fußball-Internat gewesen zu sein.

Wenn Kante heute auf dem Platz steht, merkt man nichts davon, dass andere Spieler eine behutsamere und perfekt durchdachte Nachwuchsförderung hinter sich haben. Ganz im Gegenteil. "Wenn er in Form ist, hast du eine Chance von 95 Prozent, das Spiel zu gewinnen", sagte mal Eden Hazard über seinen ehemaligen Mannschaftskollegen. Und auch Thomas Tuchel, Kantes Trainer bei Chelsea, weiß, dass "N'Golo für jedes Team auf der Welt Input bringt". Wäre Tuchel nicht Tuchel, würde er sagen: "N'Golo ist ein unfassbar geiler Spieler."

Und da wären wir auch schon beim anderen Grund, weshalb dieser N'Golo Kante so geliebt wird. Er ist mannschaftsdienlich auf einem hohen Niveau. Man würde vielleicht übertreiben, wenn man sagen würde, dass er der einzige Grund war, warum Manchester City im Champions-League-Finale nicht zu seinem Spiel fand. Wobei selbst diese These durchaus Wählerstimmen für sich gewinnen würde.

Gibt es irgendwo auf der Welt einen Ball, den es zu gewinnen gibt, ist N'Golo zur Stelle. Doch es ist auch die Verarbeitung des Ballgewinns, die ihn so besonders macht. Kante gewinnt keinen Zweikampf und drischt den Ball irgendwo hin, um sich schnell einen Applaus zu holen. Ihm gelingt es, diesen Ball gewinnbringend weiterzuspielen. "Er ist der Schlüssel zu allem, er ist zwei Spieler in einem", sagt auch Tuchel.

N'Golo Kante ist wie Dennis Rodman

Kante ist für seine Teamkollegen das, was Dennis Rodman einst für seine Teamkollegen war. Rodman war neben all seinen Skandalen ganz nebenbei einer der besten Defensivspieler der NBA-Geschichte und maßgeblich daran beteiligt, dass die Chicago Bulls zu einer Dynastie wurden. Er spielte hart, aber sehr erfolgreich. Wer "The Last Dance" gesehen hat, weiß, dass Rodman wusste, in welche Richtung der Ball fliegen wird. Das weiß Kante auch. Er antizipiert wie kaum ein anderer und ist deswegen so wertvoll. Verhilft er Frankreich bei der EM zum Titel, hätte er mit der Weltmeisterschaft 2018, dem Champions-League-Titel und der Europameisterschaft seine Karriere endgültig vergoldet.

Spätestens dann würde es so richtig nerven, immer noch keinen Grund gefunden zu haben, diesen jungen Mann mit einer Größe von 1,68 Metern für irgendetwas zu kritisieren. Und wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist.

Moment, da ist ja doch was. Kante ist ein notorischer Zuspätkommer. Ist um 10 Uhr Treffpunkt, ist Kante nicht da. Als er mal zur Nationalmannschaft reiste, stieg er in den falschen Zug und kam mehrere Stunden zu spät an. Wobei auch das wieder Schnee von gestern ist. Um ja nicht wieder zu spät anzukommen und damit unhöflich zu sein, klingelte er 2019 um 6.30 Uhr morgens an der Tür in Clairefontaine, wo sich die Nationalmannschaft Frankreichs immer trifft. Sechs Stunden vor dem eigentlichen Treffpunkt...

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