Fussball

Joe Zinnbauer bei DAZN Diaries: "Ein Sündenbock ist beim HSV immer schnell gefunden"

Von SPOX
Joe Zinnbauer spricht im Interview auch über seine Zeit beim HSV.

Joe Zinnbauer, aktuell Trainer der Orlando Pirates, spricht bei den DAZN Diaries über die Zeit beim HSV und seinen neuen Arbeitgeber. Außerdem beschreibt er die Corona-Situation in Südafrika.

"Hier ist alles wie ausgestorben", erklärt der ehemalige Coach des Hamburger SV im Videochat mit DAZN-Moderator Daniel Herzog.

Zinnbauer, der 2015 nach einer Ausbeute von 24 Punkten aus 23 Spielen in Hamburg entlassen wurde, blickt auch auf die Situation bei seinem Ex-Klub: "Mit Marcell Jansen hat der HSV jetzt hoffentlich die nötige Ruhe, um am Ziel Bundesliga-Aufstieg zu arbeiten."

Joe Zinnbauer über ...

... die Situation in der Corona-Pandemie in Südafrika: "Es wurden dieselben Maßnahmen getroffen wie in Europa auch. Die Supermärkte haben geöffnet, zu den Ärzten und Apotheken darf man, das Joggen in der Umgebung geht auch. Aber wenn ich rausgehe, um zum Beispiel Brötchen zu holen, dann ist fast nichts los. Es ist wie ausgestorben."

... seine Familie: "Kurz bevor die Schule in Deutschland wieder starten sollte, ist meine Familie zurückgeflogen. Hätten wir gewusst, dass die Schulen geschlossen werden, wären meine Frau und mein Kind mit mir hiergeblieben. So konnten sie nicht mehr zurück nach Südafrika."

... seinen täglichen Arbeitsablauf: "Wir Trainer analysieren gerade die Spiele der Saison genauer, erarbeiten die individuellen Pläne für die Spieler und neue Taktiken. Dazu wird die neue Saison schon geplant, welche Systeme wir eventuell hinzunehmen. Die Spieler haben auch in dieser Zeit zweimal am Tag Training. Ich kann mir das alles live mit anschauen, was unsere Fitnesstrainer und die Yoga-Lehrerin mit dem Team machen."

... die Entscheidung für den Job bei den Orlando Pirates: "Ich hatte mich schon ein paar Wochen zuvor intensiver mit Afrika beschäftigt, weil ich als Nationaltrainer im Gespräch war. Das sagte mir aber nicht zu. Wenig später rief mich ein Berater an, dass Orlando Pirates interessiert ist. Der Verein sagte mir was. Ich habe dann um eine Bedenkpause gebeten und ein wenig recherchiert. Dann ging alles ganz schnell. Eigentlich sollte ich erst 2020 anfangen. Aber da die Ergebnisse schlecht waren, wurde ich gefragt, ob ich nicht sofort starten könnte."

... die Verständigung auf Englisch: "Das ist noch schwierig. Aber mein Co-Trainer hat mir bestätigt, dass meine Gestik und Mimik gut ankommen. Und wir haben nur eines von zehn Spielen verloren. Von daher stimmt die Motivation wohl."

... den Grund für seine Fußballpause von gut zweieinhalb Jahren: "Nach meiner Zeit beim Hamburger SV hätte ich eigentlich eine Pause gebraucht. Die habe ich nicht bekommen, weil ich dann gleich nach St. Gallen gegangen bin. Als ältester Klub in Europa (auf dem Festland, Anm.d.Red.) ein Verein mit einer enormen Tradition und dementsprechend auch viel Druck. Danach hatte ich noch Angebote aus Australien und der Türkei. Das, was ich haben wollte, habe ich nicht bekommen. Und das was ich an Angeboten hatte, wollte ich nicht. Vom Gefühl das erste richtig gute Gespräch hatte ich wirklich mit den Orlando Pirates."

... den großen Unterschied zum Fußball in Deutschland: "Das sind die Spieler. (lacht) Wenn ich einen freien Tag gebe, dann wird der auch dementsprechend mit Party ausgelebt. Die Spieler in Europa nutzen das ja eher zum Relaxen mit der Familie. Die meisten Spieler in Südafrika beten auch vor den Trainingseinheiten und den Spielen. Mir als gläubigem Katholiken macht das nichts aus, im Gegenteil. Das sind dennoch Umstellungen."

... die Stärken des südafrikanischen Fußballs: "Man unterschätzt den Fußball in Südafrika. Die Spieler sind alle hochtalentiert. Technisch sind sie sensationell. Ich hatte in den ersten Partien Angst, wenn sie hinten herausspielen wollten, obwohl sie zugestellt waren. Aber die machen das richtig gut. Wenn man das mit guter Taktik schult, dann könnten sie was werden. In den Jugendleistungszentren, die langsam aufgebaut werden, wird darauf geachtet, dass die Kinder schon individualtaktisch geschult werden. Diese Ausbildung fehlt in meiner Mannschaft mit einem Durchschnittsalter von 27 ein wenig. Da muss ich viel im taktischen Bereich arbeiten. Die Gruppendynamik gegen den Ball funktioniert deshalb auch noch nicht so."

... den talentierteste Spieler, den er trainiert hat: "Hakan Calhanoglu. Er durfte beim Karlsruher SC mit 18 Jahren eigentlich noch in der Jugend spielen, hat aber schon maßgeblich zum Aufstieg in die 2. Bundesliga beigetragen. Und auch seine Leistungen beim Hamburger SV, Leverkusen und Mailand sind außerordentlich."

... seine Zeit beim Hamburger SV: "Ich denke gar nicht so viel darüber nach. Viel mehr beschäftigt mich die aktuelle Berichterstattung. Denn ich glaube, dass alle Beteiligten, die zu meiner Zeit schon dabei waren, einen guten Job gemacht haben. Wenn es dann persönlich wird, tut mir das ein bisschen weh. Um einen Neuaufbau zu starten, bedarf es Ruhe und persönliche Differenzen müssen in den Hintergrund rücken. Ein Sündenbock ist beim HSV aber immer schnell gefunden. Da sollte allen mehr Zeit gegeben werden. Zumal der Klub mit Dieter Hecking jetzt einen hervorragenden Trainer hat. Er weiß, wie dieses Geschäft funktioniert."

... die neuen Machtverhältnisse beim HSV: "Mit Marcell Jansen hat der HSV einen neuen Vorstandsvorsitzenden, der das Geschäft ebenfalls kennt und auch weiß, wie es in der Kabine abgeht. Er weiß, welches Potenzial der HSV positiv wie auch negativ mitbringt. Mit ihm hat der Klub jetzt hoffentlich die nötige Ruhe, um am Ziel Bundesliga-Aufstieg zu arbeiten."

... sein erstes Spiel als HSV-Trainer gegen den FC Bayern: "Ich brauche Druck. Der tut mir gut. Es ging ja in den Medien nur im die Höhe unserer Niederlage, ob mit sechs, sieben oder acht Gegentoren. Am Ende hätten wir sogar gewinnen können, auch wenn Bayern überlegen war. Als Trainer ist man hungrig auf solche Spiele. Solche Partien machen einen stark - egal, ob man verliert oder gar gewinnt."

... seine emotionalen Ansprachen: "Motivation gehört schon zu meinen Stärken. Ich möchte mich nicht selbst loben, aber es gab schon Vorstände und Manager in meiner Karriere, die nach meinen Ansprachen sofort die Fußballschuhe anziehen wollten."

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