Fussball

Champions League in Andorra? Gerard Piques Lieblingsbaby lernt laufen

Von Falko Blöding
Gerard Pique hat mit dem FC Andorra Großes vor.

Als Gerard Pique den FC Andorra kaufte, wurde er belächelt. Mittlerweile besteht kein Zweifel mehr daran, welch ehrgeiziges Projekt er verfolgt.

Es waren aufregende Tage beim FC Barcelona in der letzten Woche: Ernesto Valverde wurde entlassen, Legende Xavi sagte ab und Quique Setien wurde direkt aus einem Kuhdorf als neuer Trainer verpflichtet. Zu guter Letzt nannte dann auch noch der sechsmalige Weltfußballer Lionel Messi tatsächlich Stuttgart-Flop Pablo Maffeo als seinen unangenehmsten Gegenspieler ...

Kein Wunder also, dass eine andere Meldung vergleichsweise wenig Beachtung fand. Eine "Anti-Pique-Klausel" werde seit der vergangenen Saison in den Spielerverträgen des spanischen Meisters verankert, berichtete die Tageszeitung ABC . Den Barca-Stars wird mit dieser Klausel verboten, sich mit beruflichen Dingen außerhalb des Profidaseins im Camp Nou zu beschäftigen. Hintergrund sind die umtriebigen Geschäftsunternehmungen Gerard Piques.

Gerard Pique kaufte den FC Andorra Ende 2018

Der Star-Innenverteidiger und seine Kosmos Holding mischen mittlerweile im großen Stile in anderen Sportarten mit, verfolgen Projekte in der Gastronomie und produzieren Sport- und Unterhaltungs-Videoformate. Wenn er nicht gerade den Davis Cup radikal umbaut und dafür eine Menge Kritik einstecken muss, dann kann Kosmos-Präsident Pique dieser Tage erleben, wie sein Lieblingsbaby laufen lernt: der FC Andorra schickt sich an, einen rekordverdächtigen Durchmarsch im spanischen Fußball zu schaffen.

Im Dezember 2018 kauften der Welt- und Europameister und Kosmos den Amateurklub aus Andorra la Vella, der Hauptstadt des Zwergstaates in den Pyrenäen. Ob Pique dazu von seinen ehemaligen ManUnited-Kollegen Paul Scholes, Ryan Giggs, Gary und Phil Neville, die Salford City in England nach oben kaufen, inspiriert wurde, ist nicht überliefert. Pique sagte zu seinem Motiv in der BBC nur, er habe "über Freunde von Freunden" von dem Klub gehört und ein Investment "für eine interessante Möglichkeit" gehalten.

So interessant wirkte die Möglichkeit für Außenstehende auf den ersten Blick allerdings nicht. Den FC Andorra plagten Schulden, er kickte in der 5. spanischen Liga und höher als in der dritthöchsten Spielklasse war der Verein in seiner 66-jährigen Geschichte nie angetreten. Am spanischen Ligasystem nimmt Andorras Spitzenverein ohnehin nur wegen einer Jahrzehnte alten Ausnahmegenehmigung teil. Einziger Titelgewinn war der Sieg bei der Copa Catalunya in der Saison 1993/94. Pique aber war dennoch überzeugt: "Der Unterschied zu anderen Klubs in Spanien ist der, dass hier ein ganzes Land hinter der Mannschaft steht."

Fortan fungierte er als Präsident des FCA und krempelte den Verein sofort um. 600.000 Euro soll er in Schuldentilgung und Umbau des Kaders investiert haben. Seine erste Amtshandlung war die Verpflichtung eines neuen Trainers. Der ehemalige Barca-Profi Gabri kam vom Schweizer Erstligisten (!) FC Sion in die Niederungen des spanischen Fußballs. Freunde und Familie seien von diesem Schritt "überrascht gewesen", gab der Champions-League-Sieger von 2006 in der BBC zu, schließlich habe man "wenig zu gewinnen und viel zu verlieren, wenn man so viele Ligen nach unten geht. Aber Gerard hat mich überzeugt." Neben Gabri heuerte mit Albert Jorquera ein weiterer ehemaliger Barcelona-Spieler in Andorra an. Er wurde Gabris Assistent.

FC Andorra: Auch Lionel Messi und Cesc Fabregas mischen mit

Auch der Kader, der nur knapp oberhalb der Abstiegsregion zu finden war, wurde einer kräftigen Frischzellenkur unterzogen und wieder halfen die guten Verbindungen Piques. Es kamen ehemalige Barca-Spieler wie der heutige Kapitän Fede Bessone oder Marti Rivarola, die in der Barca-Schmiede La Masia mit Pique, Lionel Messi und Co. ausgebildet wurden, bei denen es aber für die ganz große Karriere nicht gereicht hatte.

Trotz der knallharten Personalentscheidungen war es Pique wichtig, für eine Aufbruchstimmung im Klub zu sorgen. Trainer Gabri erinnert sich an die Anfänge: "Er (Pique) versucht, nahe bei der Mannschaft zu sein, mit den Spielern zu sprechen und ihnen Mut zu machen. Am Anfang war es schwierig wegen der vielen Veränderungen, und dann tauchte da Pique bei den Spielen auf. Das sorgte für Druck und Nervosität. Aber wer Gerard kennt, der weiß, dass er Selbstvertrauen einflößt. Nun ist mehr Akzeptanz da."

Pique erklärte: "Wir wollen hier nicht nur ein Investor sein. Wir wollen unseren Teil zum Team beitragen, es verbessern und in höhere Ligen führen." Er sei "ehrgeizig" und wolle seinem Projekt "keine Grenzen" setzen. Da passt es, dass im Januar 2019 seine alten Barca-Spezis Messi und Cesc Fabregas als Aktionäre ebenfalls beim FC Andorra einstiegen.

Der Erfolg stellte sich praktisch über Nacht ein: Dank eines beeindruckenden Saisonendspurts und 18 Partien in Folge ohne Niederlage gelang im Sommer 2019 der Aufstieg in die 4. Liga. Und es sollte noch besser kommen: Der CF Reus musste aus finanziellen Gründen aus der 3. Liga zwangsabsteigen. Es war also ein Platz frei in jener Segunda Division B. Fünf Vereine bewarben sich um den freien Platz und den Zuschlag erhielt - der FC Andorra. Neben einiger weiterer Faktoren war er auch in der Lage, die geforderten 452.022 Euro für die Teilnahme in der Segunda B zu zahlen.

Gerard Pique will mit dem FC Andorra in die Champions League

Piques Engagement wird in Spanien neutral bewertet, Kritik an der forschen Vorgehensweise und dem massiven Einsatz finanzieller Mittel gibt es (noch) nicht, wie Barcelona-Experte Ignasi Oliva von Goal und SPOX berichtet: "Im Moment wird das als Teil seiner Unternehmungen gesehen. Kontrovers wäre es, sollte Pique irgendwann versuchen, durch dieses Engagement in Spanien Steuern zu sparen. Denn Andorra ist, ähnlich wie die Schweiz, ein Steuerparadies."

In rekordverdächtigen sechs Monaten hievte Pique den FC Andorra also aus der fünften in die dritte Liga. Dort werden die Gegner namhafter, es geht unter anderem gegen Barca B und die Espanyol-Reserve. Andorras Stadion, eine kleine, sehenswerte Spielstätte ohne feste Kabinenanlage mit dem Namen Estadi Prada de Moles, ist mit seinen 530 Sitzplätzen regelmäßig gefüllt und wenn Andorra auswärts antritt, übt das große Anziehung aus. Zum Gastspiel in Tarragona kamen mehr als 4.000 Zuschauer, bei Barca B waren mehr als 3000 Fans vor Ort.

Pique selbst schafft es persönlich nicht so oft zu den Spielen, er ist bei Barcas Jagd nach Titeln selbst häufig im Einsatz. Etwa vier bis fünf Spiele schaut er pro Saison, meist in der Länderspielpause, wenn er frei hat. Seine Eltern oder sein Bruder sind dagegen häufiger vor Ort, während er betont, die Ergebnisse aber zu verfolgen. Und was er da in dieser Saison verfolgen darf, dürfte ihn freuen: Mit ein wenig Glück winkt dem FC Andorra der nächste Durchmarsch. Aktuell rangiert die Gabri-Elf auf Rang fünf, punktgleich mit dem vierten Platz, der zur Teilnahme an den Aufstiegsplayoffs berechtigt und der aktuell von Barcelonas Reserve gehalten wird. In der Hinserie war Andorra sogar vier Spieltage lang Tabellenführer.

Selbst einen Aufstieg in LaLiga2 sähe Pique allerdings nur als Durchgangsstation. Er hat für den FC Andorra noch Höheres im Sinn: die Königsklasse. "Eines Tages wird die Champions-League-Hymne in Andorra klingen", versprach er noch vor den Aufstiegen im Frühjahr 2019.

Gimnastic Manresa soll das Farmteam des FC Andorra werden

Bis dahin hat er noch viel vor. Angeblich hat er sich verpflichtet, jährlich mindestens 300.000 Euro in den Verein zu pumpen. Es soll zudem ein neues Stadion gebaut werden, das 15.000 Zuschauern Platz bietet. Und dann übernahm er mit Gimnastic Manresa einen weiteren Amateurverein. Beim kleinen Klub aus den katalanischen Vorpyrenäen gibt es eine hervorragende Jugendabteilung und Manresa soll als eine Art Farmteam für Andorra aufgebaut werden.

So oder so, dem FC Andorra geht es gut wie nie. Dort werden sie auf jeden Fall froh sein, dass es 2018 in Barcelona noch nicht die "Anti-Pique-Klausel" gab.

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