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Fussball

Der 100-stündige Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras: Erst fielen die Tore, dann die Bomben

Von Dennis Melzer
El Salvador und Honduras duellierten sich um ein Ticket für die WM 1970.
© getty

El Salvador siegt im Entscheidungsspiel - dann bricht der Krieg aus

Passend zur Dramatik, die sich bereits im Vorfeld entwickelt hatte, fand sich nach 90 Minuten kein Sieger. Am Ende der regulären Spielzeit stand ein 2:2 auf der Anzeigetafel. In der elften Minute der Verlängerung schlug El Salvador einen langen Ball in die Hälfte der Honduraner, von wo die Kugel letztlich bei Rechtsaußen Pipo Rodriguez landete, der per Grätsche unhaltbar einschob. Honduras hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen. Der Moment, der die vorangegangenen Spannungen der beiden Länder zum Zerreißen brachte. Trotz eines riesigen Polizeiaufgebots gingen Flaggen in Flammen auf, Gegenstände flogen, erneut waren Tote zu beklagen. Wenige Tage später brach der Krieg aus.

Rückblickend wurde Rodriguez' Treffer zum Auslöser des bewaffneten Konflikts hochstilisiert. Tatsächlich aber kam das Entscheidungsspiel für die Regierungen der beiden Staaten zu einem "willkommenen" Zeitpunkt, um schon länger schwelende sozioökonomische Streitereien auf dem Schlachtfeld auszutragen. "Die Spiele haben den Krieg nicht ausgelöst", sagte der Torschütze im Interview mit 11Freunde. "Es waren zwei Sachen, die parallel passierten. Fußball auf der einen und Politik auf der anderen Seite. Wir wurden für politische Zwecke benutzt. Unser Sieg war nur ein Element mehr. Der Krieg war nicht aufzuhalten, er wäre so oder so gekommen."

Wie sich später herausstellte, sollte Rodriguez mit seiner Einschätzung richtig liegen. Die beiden Parteien hatten schon vor dem Entscheidungsspiel paramilitärische Verbände in Stellung gebracht, die sich an den Ausschreitungen in San Salvador und später in Mexiko-Stadt beteiligten. Das metaphorische Fass war somit längst mit Schießpulver gefüllt worden.

Der Grund für den Disput: In den Dreißigerjahren hatte die weltweite Depression El Salvador weitaus schlimmer erwischt als das flächenmäßig fünfmal größere, einwohnertechnisch aber vergleichsweise winzige Nachbarland. Zehntausende Salvadorianer hatten die Missstände in ihrer Heimat als Anlass genommen, nach Honduras überzusiedeln und sich ein neues Leben aufzubauen. Dabei handelte es sich vornehmlich um Kleinbauern, die brachliegendes Ackerland bewirtschafteten. Honduranische Bauern waren den Neuankömmlingen, die bisweilen ganze Dörfer gegründet hatten, traditionell feindlich gesonnen, forderten von der Militärregierung, die ungeliebten Nachbarn zu vertreiben.

Die Staatsgewalt erhörte die einheimischen Landwirte und beschloss in einer sogenannten Bodenreform, dass die Einwanderer Honduras binnen 30 Tagen verlassen müssten. Diese Umgestaltung fiel ausgerechnet in den Zeitraum der Qualifikationsspiele. Insbesondere nach dem Rückspiel, das El Salvador souverän gewann und zwei Honduras-Anhänger das Leben kostete, machten Meldungen von Vertreibungen und Folterungen der salvadorianischen Minderheit in Honduras die Runde.

Berichte über Vergewaltigungen und Deportationen

"Wir konnten uns dem gar nicht entziehen", erinnert sich Rodriguez später und schiebt nach: "Es gab in den Medien kein anderes Thema. Die Zeitungen in El Salvador berichteten von vergewaltigten Frauen, von salvadorianischen Familien, die in Honduras aus ihren Häusern geprügelt und deportiert wurden. Das lasen wir natürlich alle."

"Dabei sind Honduraner und Salvadorianer eigentlich wie Brüder", erklärt Walter Hernandez, ein Dokumentarfilm-Regisseur im Gespräch mit dem ORF. "Wir sprechen nicht nur dieselbe Sprache - es gibt mehr Verbindendes als Dinge, die uns trennen." Allerspätestens am 14. Juli 1969 war alle Brüderlichkeit jedoch begraben worden. Um die Ausweisung seiner emigrierten Bauern zu verhindern, flog das militärisch überlegende El Salvador Luftangriffe gegen den Flughafen in Tegucigalpa, startete zudem eine Bodenoffensive.

Nicht mit dem Bestreben, Honduras dauerhaft zu besetzen, sondern lediglich, um ein Bleiberecht der Salvadorianer zu erwirken. Weil eine Rückkehrwelle das ohnehin schon - aus ökonomischer Sicht - strauchelende Land in noch größere Probleme gestürzt hätte. Nach wenigen Tagen hatten sich die salvadorianischen Truppen ins Landesinnere des Kriegsgegners vorgearbeitet, der sich zwar in Vergeltungsschlägen übte, seine militärische Stärke aber heillos überschätzte. Eine Tatsache, die die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zum Einschreiten bewog. Sie versuchte, den Konflikt mittels Sanktionen gegen das von seinen Nachbarstaaten enorm abhängige El Salvador zu entschärfen.

Die Maßnahme zeigte Wirkung. Nach nur fünf Tagen sah El Salvador von weiteren Aktionen ab. Ohne die genannten Forderungen durchgebracht zu haben, stimmte die Regierung einem Rückzug ihrer Truppen zu. Der 100-stündige Krieg, wie die Schlacht bezeichnet wird, hatte Berichten zufolge zwischen 2000 und 6000 Tote, abertausende Verletzte gefordert. 50.000 Menschen waren obdachlos geworden. Jahrelang wirkte der vergleichsweise kurze bewaffnete Kampf nach. Tausende Immigranten sahen sich gezwungen, Honduras zu verlassen, kehrten nach El Salvador zurück, trieben die Überbevölkerung an und lösten die befürchteten sozialen Spannungen aus, die 1981 in einem Bürgerkrieg mit 70.0000 Todesopfern mündeten.

Torschütze Rodriguez: "Ich würde es nochmal so machen"

Beigelegt wurde der Konflikt der beiden Länder erst 1992, Unstimmigkeiten bezüglich der Grenzen im Golf von Fonseca blieben sogar bis 2006 bestehen. Und was war der sportliche Triumph El Salvadors über den Feind letztlich wert? Die Seleccion Cuscatleca, wie die Mannschaft genannt wird, räumte in einer weiteren Quali-Runde Haiti (auch hier ging es ins Entscheidungsspiel, Anm. d. Red.) aus dem Weg und erfüllte sich den Traum von der WM 1970. Dort schied die Mannschaft um Stürmerstar Rodriguez allerdings als schlechtestes aller Teilnehmerländer sang- und klanglos in der Vorrunde aus, ohne einen einzigen Treffer erzielt zu haben. Zu übermächtig präsentierten sich die Gegner aus Belgien, Mexiko und der Sowjetunion.

Kultstatus genießt Rodriguez dennoch nach wie vor in seiner Heimat. "Die Alten" würden ihn auf der Straße immer noch erkennen, sagt er. "Manchmal bleiben auch Eltern oder Großeltern stehen und sagen dann zu ihren Kindern oder Enkeln: 'Schau, das ist der Pipo Rodriguez, der uns zur ersten Weltmeisterschaft geschossen hat.'" Ob er in dem Wissen über die Tragweite seines Tores noch einmal zur Grätsche ansetzen und den Ball im Netz versenken würde? "Ich würde alles nochmal so machen. Ich war doch Stürmer, das war doch meine Aufgabe."

 

 

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