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Fussball

Mit Autokratie in die Weltgruppe

Von Andreas Inama
Antonio Conte ist seit August 2014 Trainer der italienischen Nationalmannschaft
© getty

Die Erbsünde des Calcios

Italien scheint auch unter dem neuen Trainer seine Kinderkrankheiten nicht ablegen zu können. In Drucksituationen tendiert man immer zur einfachen, aber ineffektiven Lösung, wie den Ball blind lang in die Spitze zu spielen. Die Angst davor, Fehler zu machen, ist ein ständiger Begleiter der Spieler. Das sture Festhalten an der strikt vorgegebenen Taktik hemmt sie in ihrer Kreativität.

Diese Last, die von den Spielern wie eine Erbsünde an die jeweils nächste Generation weitergereicht wird, überträgt sich nicht nur auf die allgemeine Spielweise der Italiener. Auch Spieler der modernen Sorte kämpfen mit der statischen Fußball-Ideologie des Calcios.

Verratti: Schlüsselspieler - und doch nicht

Marco Verratti gilt als der Spieler der Zukunft in Italien, fand aber bisher noch keinen Zugang zum System von Conte. Das liegt aber nicht daran, dass es Verratti etwa an fußballerischen Fähigkeiten mangelt. Der Mittelfeldspieler entspricht nur in keinster Weise dem, was Conte auf der Sechser-Position oder dem Halbfeld erwartet.

Verratti ist ein Kämpfer und Taktiker. Er schreckt vor keinem Zweikampf zurück und befindet sich oft am Rande eines Platzverweises. Außerdem interpretiert er sein Spiel anders als der risikoreiche Pirlo oder ein Spieler von der Dynamik eines Claudio Marchisio.

Verrattis Pässe sind kurz und wohlüberlegt. Er öffnet seinen Mitspielern Räume, gibt ihnen die Bälle mit auf dem Weg nach vorne. Außerdem schaltet er sich selten entscheidend in die Offensive mit ein. Zusammengefasst entspricht er einem Hybrid aus Sergio Busquets und Gennaro Gattuso. Zwei Spielertypen, die auf der Position Verrattis in Contes System total obsolet wären.

Conte hat genaue Vorstellungen seines Mittelfeldes: "Ich brauche dort Spieler wie Vidal, Marchisio oder Pogba, Spieler die in die Tiefe gehen und auch den Abschluss suchen." Speziell Marchisio gilt als deshalb als unantastbar.

Spieler und System nicht vereinbar

Grundsätzlich steht der Nationaltrainer im Zwist mit seinem System und den Spielern, die ihm zur Verfügung stehen. Im Sturm benötigt er spielstarke Spitzen, die sich auch ins Spiel mit einschalten. Seine derzeitigen Stammstürmer, Ciro Immobile und Simone Zaza, weisen dafür zu große technische Defizite auf. Der ideale Kandidat für diese Position hingegen gehört der Kategorie "Dauerverletzte" an: Giuseppe Rossi.

Ebenso gibt es Probleme auf den Flügeln: Darmian und De Sciglio sind zwei exzellente Verteidiger, aber offensiv wirken sie überfordert. Umgekehrt ist Antonio Candreva offensiv eine Waffe, aber in der Rückwärtsbewegung kaum zu gebrauchen.

Contes Ausrichtung stieß daher - mit Ausnahme des Oranje-Spiels - seit seiner Übernahme auf Grenzen, die er zwar selbst ausmerzen könnte, aber nicht will. Sein System hat bisher immer funktioniert und ihn zu einem der erfolgreichsten Trainer in Italien gemacht - bis jetzt gibt es noch keinen Grund für ihn, an seine Art des Fußballs zweifeln.

Mit Struktur und Hierarchie zurück

An sich ist er nicht auf einem falschen Weg: Er will der Mannschaft wieder Struktur und Kontinuität geben sowie durch die klare Vorgabe von Hierarchien dazu beitragen, dass sowohl sportliche als auch menschliche Stabilität bei den Azzurri Einzug finden. Er will eine Mannschaft formen, die sich zu hundert Prozent mit sich selbst, dem Trainer und dem Land, für das sie spielt, identifiziert und individuelle Allüren hinten anstellt. Aber irgendwann wird er nicht drum herum kommen, seine Einstellung anzupassen, sonst könnte die Ära Conte ein jähes Ende finden.

Italien und sein Trainer haben noch einen weiten Weg vor sich. Vielleicht ist er zu lang, um schon 2016 in Frankreich wieder eine große Rolle zu spielen. Aber sollte Conte bleiben, sich flexibler geben und es wird seiner Forderung nach Förderung von italienischen Talenten nachgegangen, so steht einer Rückkehr Italiens vom europäischen Mittelmaß zu den besten Mannschaften der Welt wenig im Weg.

Seite 1: Contes Macht und Dogma

Seite 2: Die Erbsünde des Calcios und der Weg zurück

Antonio Conte im Steckbrief

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