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Fussball

Der qualmende Visionär

Von Andreas Inama
Maurizio Sarri (l.) gilt als eine der größten Überraschungen im italienischen Fußball der letzten Jahre
© getty

Fußball als Wissenschaft

Aber Sarri passt gut in dieses professionelle Umfeld. Er gilt als akribisch, analysiert am PC Gegner und die eigene Mannschaft bis ins letzte Detail. Zu jedem einzelnen Spieler wird jede Woche ein Bericht angefertigt: Wo liegen seine technischen Schwächen, gibt es taktischen Defizite, wie steht es um seine Psyche.

Seine Methoden werden in Italien als "wissenschaftlicher Fußball" bezeichnet. Bis zu 13 Stunden täglich verbringt Sarri mit Fußball. Nichts wird dem Zufall überlassen. Jeder Laufweg, jeder Schritt, jede Bewegung hat seinen Zweck. Es gibt kaum einen Trainer in Italien, dem man seine Handschrift in den Spielen so ansieht wie Sarri.

Pure Offensive mit italienischer Defensivtaktik

Das liegt auch daran, dass nur wenige so eine klare Vorstellung von ihrem System haben: "Ich mochte früher die Dreierkette. Bis mir klar wurde, dass man mit vier Verteidigern offensiver spielen kann, da die Flügelspieler nicht gezwungen sind, sofort auf Defensive umzuschalten. Der Ball soll so kurz wie möglich in einem Bereich des Spielfeldes sein. Daher müssen meine Spieler das Spiel schnell vertikal gestalten oder nach hinten abspielen. Die Außen sollten gemieden werden. Die Flügel müssen in die Räume laufen, während hinter dem Mittelstürmer ein Spieler sein muss, der sowohl Zehner als auch hängende Spitze ist."

War diese Aussage noch auf ein 4-2-3-1 bezogen, hat der Toskaner sein System mittlerweile auf 4-3-1-2 umgestellt und Flügelspieler total aus seiner Spielidee gestrichen. Durch hohes Pressing, einem dominanten Dreiermittelfeld rund um den "Pirlo aus der Provinz", Mirko Valdifiori, und einem enorm schnellen Umschaltspiel erinnert die Spielweise von Empoli an Mannschaften wie Red Bull Salzburg oder nun Bayer Leverkusen unter Roger Schmidt.

Der Punkt, in dem er sich von seinem Vorbild Zeman unterscheidet, liegt in der Ausrichtung der Viererkette, die nach alter italienischer Schule taktisch bestens aufgestellt ist und sich so gut wie gar nicht in die Offensive mit einschaltet.

Die Innenverteidiger dienen nur als erste Station nach dem Torwart und letzte Station, bevor der Ball ins Mittelfeld, meist zu Valdifiori, weitergegeben wird. Die Außenverteidiger haben bei Ballbesitz rein entlastende Aufgaben als dritte mögliche Anspielstation. In der Rückwärtsbewegung muss so nur der Sechser sofort zurückkommen, um das von Sarri geforderte stabile 4+1-Defensivmodell zu bilden.

Ein Mix aus Provinz und Profitum

So hat man Mannschaften wie die Roma, Lazio, Fiorentina, Milan oder Inter besiegt oder an den Rand einer Niederlage gebracht. Dabei verlangt diese Ausrichtung den Spielern ein ungeheures taktisches Verständnis und Laufbereitschaft ab. Sarri verbindet damit den Kampf und die Aufopferung des Provinzfußballs mit der Professionalität und Disziplin der Profis. Seine Spieler folgen ihrem Coach überall hin, sein Wort ist Gesetz.

Große Wertschätzung erfährt Sarri auch dadurch, dass nur rund 35 Prozent seines Kaders aus Legionären besteht. Er ist einer von den wenigen Trainern in Italien, der Spieler vornehmlich aus der eigenen Jugend einsetzt und Empoli so zu einem Sprungbrett für viele junge Kicker aus der Region macht.

Sein erfrischender Fußball begeistert und weckt die Hoffnung, dass es in Italien langsam ein Umdenken bezüglich der Spielweise und vor allem der Förderung der Jugend gibt: "Bei uns spielen viele Toskaner. Wenn man sich mit seinem Umfeld identifizieren kann, funktioniert das auch bei der Mannschaft. Legionäre sollte man nur holen, wenn sie den Unterschied ausmachen."

Mittelfeldspieler Riccardo Saponara war schon beim AC Milan und ist vorerst auf Leihbasis diesen Winter zurückgekehrt, der erst 20-jährige Innenverteidiger Daniele Rugani wurde von Juventus Turin ausgeliehen. Durch seine hervorstechenden Leistungen in Sarris System soll Massimiliano Allegri nach dessen Rückkehr fest mit ihm planen und ihn an die Stammelf heranführen. Die nötige Erfahrung bringen mit Massimo Maccarone und Francesco Tavano zwei altbekannte Haudegen in die Mannschaft.

Riccardo Saponara im SPOX-Porträt

Mit 56 Jahren in den Startlöchern

Sarri selbst sagt man trotz seines Alters noch eine große Karriere voraus. Noch hat er nie angedeutet, Empoli verlassen zu wollen, doch der AC Milan soll ihn schon als Nachfolger von Pippo Inzaghi für die nächste Saison holen wollen.

Bis dahin gilt es aber, Empoli weiter erfolgreich von den Abstiegsrängen fernzuhalten und die italienische Fußballlandschaft weiterhin mit seiner Mannschaft zu begeistern. Denn eine Schublade wird er sich wohl noch gefallen lassen müssen: Sein Fußball ist das Beste, was Italien in den letzten Jahren erleben durfte.

Seite 1: Die Anfänge und eine ganze Menge Schubladen

Seite 2: Das System Sarri

Alle Infos zum FC Empoli auf einen Blick

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