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Fussball

Dinosaurier vor der Zerfleischung

Von Daniel Reimann
Roy Hodgson musste sich nach dem 1:1 gegen Irland reichlich Kritik anhören
© getty

SPOX zeigt alle Testspiele Brasiliens auf dem Weg zur Heim-WM 2014. Am Sonntag ist Brasilien gegen England (21 Uhr im LIVE-STREAM FOR FREE) bei SPOX zu sehen! Bei den Three Lions steht Trainer Roy Hodgson in der Kritik. Seine Taktik sei veraltet und er selbst unflexibel. Doch die Probleme reichen tiefer - und die Angst wächst.

"Gib es zu - du hast mich zu sehr vermisst", zwitscherte Moderator-Ikone Piers Morgan in Richtung Gary Lineker. Dieser hatte soeben erst sein Twitter-Comeback verkündet - und dann kommt ihm ausgerechnet Morgan blöd. Der Morgan, mit dem sich Lineker schon so manch hitzige Twitter-Schlacht geliefert hatte. Natürlich ließ die Retourkutsche nicht lange auf sich warten. "Stimmt. Ich habe es vermisst, dir in deinen außerordentlich fetten Arsch zu treten!"

Auf Linekers Twitter-Account bekommt jeder einmal sein Fett weg. Die Three-Lions-Legende legte sich schon mit Joey Barton an, auch Luiz Suarez und Rio Ferdinand mussten sich Linekers Spitzen gefallen lassen.

Sein jüngstes Opfer ist ausgerechnet die zentrale Figur im englischen Fußball: Nationalcoach Roy Hodgson. Dessen Taktik verteufelte Lineker via Twitter unlängst als einen "Schritt zurück in das dunkle Zeitalter von zwei Viererketten." Es sei "so leicht, dagegen zu spielen". Gegen ein System, das er als "vorhersehbar und überholt" charakterisiert.

Hodgson, der Taktik-Dinosaurier

Anlass zu Linekers Kritik war das magere 1:1 im Freundschaftsspiel gegen Irland, das ein resignierendes Presseecho nach sich zog. "Enttäuschend", "ernüchternd", "stümperhaft" hallte es aus dem englischen Blätterwald, der mit Hodgsons Taktik hart ins Gericht ging.

Der zentrale Vorwurf ist dabei stets der gleiche: Hodgsons 4-4-2-System sei veraltet, ihm fehle es an taktischer Flexibilität. Auch Lineker bläst in dasselbe Horn: "Es geht nicht darum, in Linien zu spielen, es geht darum, zwischen den Linien zu spielen. Tiefe verleiht Flexibilität, Pass-Alternativen und Kreativität."

Tatsächlich wirkte Englands Offensivspiel gegen Irland statisch, die Spielzüge waren für diszipliniert verteidigende Iren leicht auszurechnen. Ein gefundenes Fressen für Hodgsons Kritiker - der "Taktik-Dinosaurier" habe sich einmal mehr vercoacht.

"So wie Borussia Dortmund"

Der Nationaltrainer selbst ließ die Medienschelte nicht gelten und setzte sich zur Wehr. Die Kritik sei "ungerechtfertigt", er "hänge nicht an einem bestimmten System fest", stellte Hodgson klar. Dass er dabei nicht wirklich ernstgenommen wird, liegt auch an seiner zweifelhaften Argumentation.

"Ich finde, wir haben gegen Irland gut gespielt. Was heißt hier dunkles Zeitalter? Wir haben mit zwei Stürmern gespielt, von denen einer im Fall eines Ballverlusts sich fallen lässt und im Mittelfeld aushilft. So wie Borussia Dortmund es im Champions League Finale getan hat. So wie wir es immer getan haben."

Darüber hinaus verlor sich Hodgson in inhaltslosen Phrasen ("Das Wichtige ist, dass wir Spieler haben, die angreifen und verteidigen können") oder führte den schwachen Auftritt der Three Lions auf Personalprobleme zurück. Der Verweis auf die Verletztenproblematik hat zwar seine Berechtigung, doch im Zusammenhang mit der deplatzierten Dortmund-Analogie oder Fußballplattitüden wirkt er lediglich wie Gejammer.

Zu wenig Spielpraxis für englische Profis

Für Hogdson eine höchst unglückliche Situation. Schließlich ist er nicht etwa Alleinverantwortlicher für die taktische und spielerische Armut des englischen Fußballs. Die Probleme liegen tiefer.

Einer der gravierendsten Missstände, der sich auch auf das Niveau der Nationalelf niederschlägt, ist beispielsweise der hohe Ausländeranteil in der Premier League. Laut "Daily Mail" liegt der Anteil einheimischer Spieler in Englands Oberhaus bei lediglich 36 Prozent. Zum Vergleich: Die Bundesliga kommt auf 47, die Primera Division sogar auf 61 Prozent.

Die Folgen: Englische Profis - ob Talente oder Leistungsträger - erhalten nicht ausreichend Spielpraxis, wie auch Hodgson beklagt: "Die englischen Spieler, die wir haben, spielen nicht regelmäßig. Aber wir würden unsere Optionen extrem reduzieren, wenn wir nur Spieler nominieren, die im Verein regelmäßig zum Einsatz kommen."

Kaltstarter Rooney im Tief

Als jüngstes Paradebeispiel für die besagte Problematik dient Wayne Rooney. Dem fehlte es bei Manchester United zuletzt an Einsatzzeit, was sich in seiner Leistung gegen Irland wiederspiegelte. Rooney war nur teilweise ins Spiel eingebunden, es mangelte an Spielwitz und Selbstvertrauen.

Auch in Sachen Fitness und Spitzigkeit schien Rooney nicht auf der Höhe. Kein Wunder, stand er doch bei United die letzten beiden Spiele gar nicht mehr im Kader. Doch gerade für Rooney sind regelmäßige Einsätze elementar, wie auch Sir Alex Ferguson oft betont hatte. "Sky Sports" brachte es süffisant auf den Punkt: "Es ist, wie wenn man bei seinem Auto den Motor laufen lässt. Das bringt es einfacher wieder in Bewegung, als nach einem Kaltstart."

Dass Rooney im Verein zuletzt selten auflief, lässt sich allerdings kaum Trainer Hodgson ankreiden. Genauso wenig trägt er Schuld am bitteren Ausfall von Jack Wilshere und der Verletzung von Daniel Sturridge in Hälfte eins des Irland-Spiels.

Doch Hodgson verpasste es, seine Taktik den Umständen anzupassen. Er hielt stur am alten 4-4-2 fest, mit dem den kompakten Iren allerdings kaum beizukommen war. Fehlende taktische Flexibilität, so die mediale Diagnose.

Zwar trägt Hodgson durch sein altmodisches Fußballverständnis und das hartnäckige Festhalten am ausgestorbenen 4-4-2 gewiss eine Mitschuld an der mangelnden Ästhetik und wohl auch an den unzureichenden Ergebnissen des englischen Fußballs, dennoch ist die öffentliche Kritik an Hodgsons Taktik zu eindimensional.

Hodgson selbst wird es wenig trösten, dass die mediale Breitseite gegenüber Nationaltrainern in England Tradition hat. Auch seine Vorgänger Steve McClaren und Fabio Capello hatten bei Fans und Medien einen äußerst schweren Stand, auch sie wurden oftmals aufgrund ihrer Spieltaktik gescholten.

"Brasilien wird uns verprügeln"

Vor der Partie gegen Brasilien schwenkt die Kritik nun langsam in Angst um. Denn neben den Ausfällen von Wilshere und Sturridge ist auch der Einsatz von Danny Welbeck fraglich, obendrein ist Sturridge-Ersatz Jermaine Defoe noch immer nicht bei 100 Prozent.

"England könnte zerfleischt werden", fürchtet die "Sun", die angesichts der jüngsten Leistung sogar die Qualifikation für die WM 2014 infrage stellt. Und auch Gary Lineker hat sich einmal mehr via Twitter zu Wort gemeldet: "Wenn wir so auflaufen, wird uns Brasilien verprügeln."

England: Alle Termine & Ergebnisse

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