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Fussball

Das Vorbild Alaba

Von Christoph Köckeis
Philipp Hosiner (l.) und Bayern Münchens David Alaba bei Österreichs Fußball-des-Jahres-Gala
© imago

In Deutschland gescheitert, in Österreich umjubelt: Alle 85 Minuten knipst Philipp Hosiner für die Wiener Austria. Der 23-Jährige wird als legitimer Nachfolger von Torjäger-Ikone Hans Krankl hochstilisiert. Dabei stagnierte der Werdegang in den Kinderschuhen. Österreichs heißeste Transferaktie im Porträt.

David Alaba tat es. Marko Arnautovic auch. Im zarten Alter der Heimat entfliehen, die vertraute Umgebung hinter sich lassen. Sie wollten mehr. Mehr sein, als Stars innerhalb der Landesgrenzen, international jedoch nur biederes Mittelmaß.

Schon als Teenager brillierten sie mit ihrem technischen Repertoire, im Ausland erhielten sie den Feinschliff. Der eine stieg bei Branchen-König Bayern München zum hochveranlagten Alleskönner auf. Der andere hob sich in der Talentschmiede Twente Enschedes ab, landete über den Zwischenstopp Inter Mailand in Bremen.

Inzwischen zählen sie beinahe zum Hausrat der Bundesliga, trugen mitunter dazu bei, dass rot-weiß-roter Nachwuchs in Deutschland eine exzellente Reputation genießt. Alaba und Arnautovic haben es geschafft. Sie leben den Traum vieler. Jenen, der einst Philipp Hosiner antrieb.

Er, der in Österreichs höchster Spielklasse nach Belieben bombt, heuerte mit 17 Jahren bei 1860 München an. Von der glanzlosen Provinz Burgenland in die bayrische Metropole - ein Kulturschock.

Stolperstein Sandhausen

"Ich habe zwar den Übergang zu den Erwachsenen geschafft. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir das Ganze einfacher vorgestellt", gesteht er: "Ich war dort einer von vielen. Jeder hatte großes Potenzial, daher musste ich mich erst an das Niveau gewöhnen. Vor allem im Ausdauerbereich waren Defizite aufzuholen."

Privat fand Hosiner bald wichtige Bezugspunkte. Die sportliche Sozialisation beanspruchte einige Wochen, ehe er sich auf seine Vorzüge im Strafraum besinnen konnte. 2007 schoss er die A-Junioren zum DFB-Pokal. Ein Empfehlungsschreiben, das gefiel. Im Folgejahr zu den Amateuren beordert, profilierte er sich in der Regionalliga. Zwölf Tore und acht Vorlagen weckten Begehrlichkeiten.

Statt Geduld walten zu lassen, bei den Löwen auf seine Chance zu warten, folgte der Topscorer nach drei Spielzeiten dem Lockruf aus Sandhausen. "Ich hatte meinen Vertrag sehr früh unterschrieben. Als der Transfer feststand, kaufte der Verein kräftig ein. Sie wollten unbedingt aufsteigen."

Der Personalbestand aufgebläht, der Leistungsdruck groß. Kein Nährboden für aufstrebende Jungstars. Oft reicht es nicht aus, talentiert zu sein. Um im gnadenlos leistungsbezogenen Geschäft zu reüssieren, braucht man auch das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und den unbedingten Willen.

Zwei turbulente Jahre

"Ich habe in München Hoffnungsträger scheitern gesehen, da sie nicht hart genug arbeiteten. Sie ließen es schleifen, wurden den Ansprüchen nicht gerecht und wechselten halbjährlich", sagt Hosiner. Nur den Wenigsten blieb der Karrieresprung vergönnt. "Manche von diesen Jungs haben gänzlich aufgehört. Einer ist sogar Bodybuilder geworden."

Für den Spitzensport müsse man bereit sein andere Aspekte unterzuordnen, betont der zurückhaltende Familienmensch. Die Zeit in Deutschland war eine Schule fürs Leben. "Ich verlor nie die Bodenhaftung, habe die Meinung aus meinem unmittelbaren Umfeld eingeholt. All das ließ mich mental reifen." Eine Sinnkrise durchlebte Hosiner trotz der Begleitumstände in der 3. Liga nicht.

Von der Erfahrung profitiert er noch heute. Er hat gelernt, auf den Körper zu hören, mitunter die Bedeutung von Ernährung und Regeneration erkannt. Nicht zuletzt die physische Entwicklung, die er in Deutschland nahm, trug zum steilen Aufstieg der jüngeren Vergangenheit bei.

Im Sommer 2010 wurde das Kapitel SV Sandhausen geschlossen. Er wollte wieder spielen, regelmäßig. Und wagte bewusst den Rückschritt in die Heimat. Vom Zweitligisten First Vienna FC katapultierte er sich innerhalb kürzester Zeit an die Spitze der Bundesliga-Schützenliste.

Vergangenen August verließ er Europa-League-Starter Admira Wacker, unterschrieb bei der Austria. Sein Abgang stürzte den Ex-Arbeitgeber in den Abstiegskampf - den Wienern scheint acht Monate später der Meistertitel nicht mehr zu nehmen.

Vergleiche mit dem "Goleador"

"Es ist wirklich sehr schnell gegangen. Ich war von meinem Können überzeugt, habe gewusst, dass ich die Klasse besitze, um zu bestehen. Dass ich Tore schießen kann, habe ich davor bewiesen und mein ganzes Leben lang gemacht." Das Bewusstsein in die eigene Stärke verhalf ihm zu einem perfekten Einstand.

Gleich beim Startelf-Debüt bescherte er dem Traditionsverein drei Punkte. Unaufhaltsam pflügte er fortan durch die Abwehrreihen, traf drei Mal im Dreier- und sechs Mal im Doppelpack. Im Schnitt schlägt er alle 85 Minuten zu, eine formidable Quote. 37 Pflichtspieltore, davon 29 im Liga-Alltag - plötzlich standen Vergleiche mit Hans Krankl auf der Tagesordnung.

Jenem Hans Krankl, der sich für Sternstunden in Österreichs Sporthistorie verantwortlich zeichnete. Ob Cordoba 1978. Der Goldene Schuh nach 41 Volltreffern für Rapid Wien. Oder die Pichichi-Trophäe, die spanische Schützenkrone, in Diensten des FC Barcelona.

Vergleiche mit dem "Goleador" schmeicheln, entbehren ob des konträren Stils aber jeglicher Grundlage. Krankl war im gegnerischen Sechzehner beheimatet, ein wahrer Vollblut-Neuner. Hosiner eifert vielmehr seinem Idol nach: Thierry Henry.

Scheu vor dem Rampenlicht

Arsenals Gallionsfigur hat es dem Chelsea-Fan angetan, dessen Innenspann-Schüsse sind für ihn längst Kult. Seit Jahren feilt er am Abschluss, versucht seine Laufwege zu optimieren. "Irgendwann gehen diese Aktionen in Fleisch und Blut über", sagt er. Diese Selbstverständlichkeit attestiert ihm auch Trainer und Förderer Peter Stöger.

"Er hat einen super Abschluss, verfügt über Schnelligkeit, sucht den direkten Weg in die Tiefe und hat ein positives Wesen." Positives Wesen? Torjägerübliche Ego-Trips sind Hosiner fremd. Er behält das Auge für den besser postierten Mitspieler, charakterisiert sich als "Angreifer, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt".

Offensiv wie defensiv nimmt der Jung-Nationalspieler zusätzliche Laufwege auf sich. Der Wirkungskreis macht ihn zu einem äußerst begehrten, modernen Typus im Hochgeschwindigkeitsfußball. Im Rampenlicht wähnt er sich nur widerwillig. Bei Medienterminen macht sich Hosiner gerne rar.

"Generell bin ich niemand, der liebend gerne Interviews gibt. Das würde ich anderen überlassen. Allerdings wird man als Stürmer zwangsläufig zum Mittelpunkt, viel mehr als Verteidiger oder Torhüter. In gewisser Weise habe ich ein schlechtes Gewissen."

Sein Traum: Die Bundesliga

Hosiner wird nicht müde, die Kollegen am Erfolgskuchen teilzuhaben. So auch nach der WM-Qualifikation gegen die Färöer. Erstmals durfte er von Beginn ran, profitierte von der Verletzung des Konkurrenten Marc Janko. Einen Stammplatz zu reklamieren oder große Töne zu spucken, kam ihm trotz zweier Treffer nicht in den Sinn.

Für manch Außenstehenden einfach nur Worthülsen im gehaltlosen PR-Zeitalter. Doch prätentiöse Auftritte wird Hosiner den Journalisten nie offenbaren, das gehört nicht zu seinem Charakter. Obwohl bereits im Winter renommierte Klubs anklopften, übte er sich in vornehmer Zurückhaltung.

"Ich habe eine tolle Zeit bei der Austria, fühle mich wohl und möchte Erfolge feiern." Understatement in Reinkultur - irgendwie authentisch. Dass nach Saisonende der Abflug folgt, ist wahrscheinlich: Ajax sowie die PSV Eindhoven bekunden angeblich Interesse. Borussia Mönchengladbach und der Hamburger SV beobachteten ihn.

"Das Gesamtpaket muss passen: Der Verein, das Umfeld, der Trainer, die Mannschaft, das System. Jeder will sich weiterentwickeln", orakelt Hosiner. Auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft sei er noch lange nicht. Erste Wahl wäre Deutschland. Um es Alaba oder Arnautovic gleichzutun...

Philipp Hosiner im Steckbrief

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