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Fussball

Chelsea-Star Melanie Leupolz im Interview: "Mit welcher Rechtfertigung sollte ich Millionen verdienen?"

Von Maximilian Lotz
Melanie Leupolz spielt seit 2020 für den FC Chelsea.

Trotzdem haben Sie sich 2020 für den Schritt zum FC Chelsea entschieden. Was waren Ihre Beweggründe?

Leupolz: Ich wollte schon immer mal im Ausland spielen. Das war für mich ein guter Zeitpunkt. Ich habe mit meinem Berater gesprochen und Chelsea war der absolute Favorit bei meiner Entscheidung. Ich war sehr froh, dass es geklappt hat. Sie hatten auch großes Interesse und die Verhandlungen liefen gut. Ich finde, dass die englische Liga derzeit die spannendste Liga in Europa ist, weshalb ich auf die Insel kommen wollte. Das war auf jeden Fall der richtige Schritt für mich.

Inwiefern erschwerten der Brexit und die Corona-Pandemie die Eingewöhnung in London?

Leupolz: Das erste Jahr verlief im Lockdown mit allen Restriktionen. Das war nicht einfach. Man konnte relativ wenig nach Hause, die Familie konnte nicht zu Besuch kommen. Man konnte auch gar nicht in die Stadt gehen. Ich habe relativ wenig von London gesehen. Dadurch konnte man sich umso mehr auf den Fußball fokussieren und das alles aufsaugen. Das erste Jahr war sehr beeindruckend. Wir waren auch sehr erfolgreich. Es war sehr cool und spannend, die anderen Mannschaften und die verschiedenen Stadien zu sehen.

Also bereut haben Sie den Schritt nicht, obwohl der Anfang ein bisschen schwierig war?

Leupolz: Nein, auf keinen Fall. Auch wenn es ein bisschen schwieriger war, war es trotzdem ein sehr schönes Jahr.

Was ist in sportlicher Hinsicht generell der größte Unterschied zwischen dem Frauenfußball in England und in Deutschland?

Leupolz: Er ist ein bisschen physischer. Die Schiedsrichterinnen geben weniger Fouls. Ansonsten ist das Spiel einen Tick geradliniger, es gibt auch mal einen langen Ball hinter die Kette. Unsere Mannschaft hat noch immer relativ viel Ballbesitz. Ansonsten ist alles intensiver, auch die Trainingseinheiten. Sie sind kürzer, aber dadurch sehr, sehr intensiv. Man trainiert nur einmal am Tag, aber nach dieser Einheit ist man so fix und fertig, dass man gar nicht ein zweites Mal trainieren könnte.

War das für Sie nochmal eine größere Herausforderung, sich dort zurechtzufinden?

Leupolz: Ich habe relativ schnell reingefunden. Das Körperliche ist eh mein Spiel. Meine Mannschaft hat es mir sehr leicht gemacht. Sie hat mich herzlich willkommen geheißen. An den Fußball habe ich mich sehr schnell gewöhnt. Mir macht es viel Spaß gegen die anderen Topmannschaften zu spielen. Dadurch, dass immer vier bis fünf Mannschaften um den Titel mitspielen, ist die Saison spannender. Man hat nicht so viele Spiele, die man einfach nur abarbeitet.

Das Titelrennen ist ähnlich spannend wie bei den Männern in der Premier League. Verfolgen Sie das auch?

Leupolz: Natürlich schaue ich ab und zu Spiele an, aber ich würde nicht sagen, dass ich das so sehr verfolge. Ich war einmal an der Stamford Bridge und habe die Männermannschaft angeschaut. Grundsätzlich schaue ich aber nicht allzu viel Fußball. Es ist natürlich spannend hier, England ist ein Fußballland. Dass der Fußball hier großgeschrieben wird, merkt man. Deshalb ist es gut, dass die Europameisterschaft nächstes Jahr hier stattfindet. Das wird einen großen Hype geben. Darauf freue ich mich auch schon sehr.

Wie sehr freut es Sie, dass sie jetzt auch wieder vor Fans spielen?

Leupolz: Das ist sehr cool. Darauf hatte ich mich gefreut, als ich mich entschieden hatte, zu Chelsea zu kommen. Wir hatten mit Bayern in der Champions League ein Spiel gegen Chelsea und ich war so begeistert von den ganzen Fans im Kingsmeadow. Es war schade, dass im ersten Jahr keine Fans zugelassen waren, umso schöner ist es, dass sie jetzt wieder da sind. Man nimmt das auch ganz anders wahr.

Stimmt es, dass jede Spielerin im Kingsmeadow ihren eigenen Fansong hat und wie geht Ihrer?

Leupolz: Ich habe ihn ehrlich gesagt noch nicht gehört. Ich bin während des Spiels so fokussiert, dass ich das gar nicht wahrnehme. Aber ich muss mal darauf achten. (lacht)

Wie sehen Sie Ihre Rolle in den Sozialen Medien. Sie sind dort sehr aktiv, sehen Sie sich als eine Art Influencerin für den Frauenfußball?

Leupolz: Für den Frauenfußball vielleicht, aber ich mag dieses Wort "Influencer" nicht. Das hat für mich immer etwas Negatives. Ich versuche einfach, ein Vorbild für junge Mädchen und Frauen generell zu sein. Ich möchte zeigen, wie stark Frauen sind und dass man auch eine große Karriere hinlegen kann in einer Sportart, die man erstmal nicht mit Frauen in Verbindung bringt. Fußball ist nach wie vor ein Männersport, auch wenn sich das gerade wandelt. Damals, als ich angefangen habe, war das total unüblich. Ansonsten nutze ich Instagram hauptsächlich, um den Leuten zu zeigen, wann und wo wir spielen. Ich nutze es als Informationstool, sodass auch meine Leute zuhause sehen, was wir da so tagtäglich machen.

Gibt es eigentlich zwischen Ihnen und Ihrer DFB-Teamkollegin Giulia Gwinn eine Art Wettstreit um die meisten Follower bei Instagram?

Leupolz: Nein, das ist mir ziemlich egal, was da für eine Zahl steht. Ich weiß auch gar nicht, wie da der aktuelle Stand ist. Darum geht es mir nicht. Für mich ist es kein Ziel, dass ich möglichst viele Follower habe. Mein Instagram-Account ist einfach mal so während der Europameisterschaft entstanden, das ist eher eine Plattform für die Fans. Wenn mir Leute folgen wollen auf meinem Weg, freut mich das natürlich, aber das ist kein Wettkampf.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Stellenwert des Frauenfußballs und wie kann er noch weiter gestärkt werden?

Leupolz: In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Der Frauenfußball ist viel professioneller geworden. Aber wir haben da noch sehr viel Luft nach oben, vor allem bei der Berichterstattung und der TV-Präsenz. Das ist ein Rad, das man anschubsen muss. Man muss viel investieren und es kommt erstmal wenig zurück. Aber es lohnt sich. Andere Länder haben das auch gezeigt, zum Beispiel die USA. Die Zukunft bleibt spannend, auch vor dem Hintergrund, dass jedes Jahr ein großes Turnier stattfinden wird. Das wird dem Frauenfußball enorm helfen.

Welche Position vertreten Sie in der Debatte um Equal Pay, also gleiches Gehalt für Männer und Frauen im Fußball?

Leupolz: Ich finde Equal Pay nicht passend, weil man sehen muss, was die Männer an Geld einbringen und was die Frauen einbringen. Bei uns ist es aktuell so, dass Vereine Minus machen für die Frauenmannschaft. Man muss jetzt investieren, damit sich der Frauenfußball in ein paar Jahren selbst tragen kann und Gewinne einbringt. Equal Pay ist daher nicht passend, denn mit welcher Rechtfertigung sollte ich jetzt auch Millionen verdienen? Und am Wochenende spiele ich vor 3000 Zuschauern. Ich würde mir eher wünschen, dass wir auf guten Trainingsplätzen trainieren, in schönen Stadien spielen und dass die Rahmenbedingungen die gleichen sind. Das ist mit geringeren finanziellen Verpflichtungen verbunden und leichter umzusetzen. Dadurch schafft man es auch, dass sich der Frauenfußball selbst tragen kann. Daher geht es nicht um das Gehalt, sondern um die Bedingungen rund um den Frauenfußball.

Wie meinen Sie das konkret?

Leupolz: Es scheitert oftmals schon daran, dass Frauen einen guten Trainingsplatz haben. In Deutschland müssen viele noch arbeiten gehen, während sie in der Bundesliga spielen. Es geht darum, professionellere Rahmenbedingungen zu schaffen. Kein anderer männlicher Profifußballer geht Vollzeit arbeiten und trainiert am Abend um 19 Uhr noch ein bisschen.

Was würden Sie als den größten Erfolg Ihrer bisherigen Karriere bezeichnen?

Leupolz: Das ist schwer zu sagen. Ich kann schlecht nur einen Erfolg rauspicken. Natürlich ist Olympia (Gold 2016, Anm.d.Red.) ein großer Erfolg gewesen, aber auch die Europameisterschaft, die Meistertitel in Deutschland und in England. Ich möchte mich nicht auf ein Ereignis festlegen, weil jeder Titel seine Besonderheit hat. Letztlich finde ich immer den Weg dorthin spannend und nicht nur das Endergebnis. Auch wenn der Ausgang enttäuschend war, war es trotzdem ein Riesenerfolg, dass wir das Champions-League-Finale (2021 mit Chelsea, Anm.d.Red.) erreicht haben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich den ganzen Weg mitnehmen konnte.

Ein Titel fehlt noch: Der Weltmeistertitel. Ist das das große Ziel, das Sie unbedingt noch erreichen wollen?

Leupolz: Letztlich möchte ich jeden Titel gewinnen, aber ich würde nicht sagen, dass ich dann die Sammlung voll hätte. Es ist ein großes Ziel, in ein paar Jahren die Weltmeisterschaft zu gewinnen.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der Karriere, käme etwa ein Trainerschein infrage oder generell ein weiteres Engagement im Frauenfußball?

Leupolz: Ich kann mir nicht vorstellen, Trainerin zu werden. Ich habe gerade meinen Master in Wirtschaftspsychologie, Leadership, Management fertig gemacht. Ob ich dann wirklich im Frauenfußball bleibe, sei mal dahingestellt. Ich denke schon, dass ich etwas mit Sportbezug machen werden, aber so genau weiß ich das noch nicht.

Oder vielleicht doch noch mal Motorsport ...

Leupolz: (lacht) Das glaube ich eher weniger.

Melanie Leupolz: Stationen ihrer Karriere

VereineSpieleTore
FC Chelsea (seit 2020)4112
FC Bayern (2014 bis 2020)9912
SC Freiburg (2010 bis 2014)7513
Jugendvereine TSV Ratzenried, TSV Tettnang
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