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"Frauen sind die besseren Fußballer"

Von Interview: Josef Opfermann
Brasiliens Marta ist die derzeit beste Fußballerin der Welt
© Getty

Matthias Herzog hat als Mentaltrainer im Spitzensport sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Profis gearbeitet. Im Interview mit SPOX und DB Schülerreporter Josef Opfermann gibt er konkrete Einblicke in seine Arbeit und erklärt die psychologischen Unterschiede bei Frauen und Männern im Fußball. Seine Erfahrung: Die eigentlichen Diven sind in Wahrheit die Männer.

SPOX: Matthias Herzog, eine Ihrer Thesen lautet: Frauen sind die besseren Fußballer. Fürchten Sie nicht den heiligen Zorn der "echten" Männer?

Matthias Herzog: Mal ehrlich: Einige Männer sind im Augenblick gar nicht willens oder in der Lage, differenziert über Frauen-Fußball zu urteilen. Bevor die "richtigen Kerle" zu einer sachlichen Wertung kommen, müssen sie in der Regel zunächst mal ihre Rolle bedienen. Um sich selbst als das zu definieren, was sie als männlich erachten, halten sie das andere Geschlecht klein. Und das führt meistens zu völlig belanglosen Urteilen.

SPOX: Dass Frauen weniger athletisch sind und das Spiel entsprechend langsamer zum Beispiel...

Herzog: Richtig, und das ist ja nun wirklich banal. Bezeichnenderweise findet man diese Vergleiche auch nur im Fußball. Dass auch eine Magdalena Neuner bei den Männern natürlich keine Chance hätte, wird nirgends groß diskutiert - und schon gar nicht mit einer vergleichbaren Häme. Das männliche Reviergehabe scheint im Fußball noch deutlich ausgeprägter zu sein.

SPOX: Und weshalb sind Frauen nun die besseren Fußballer?

Herzog: Die These ist natürlich provokant formuliert und sie bezieht sich in erster Linie auf meine Erfahrungen als Motivationstrainer. Wenn man die körperlichen Unterschiede mal außer Acht lässt, stellt man dabei fest, dass Frauen viel unmittelbarer und leidenschaftlicher an Fußball denken. Sie spielen um des Spiels willen und können von der ersten Sekunde an nur Fußballerinnen sein, weil sie darüber hinaus keine Klischees erfüllen müssen. Das macht ihr Spiel deutlich ökonomischer. Männer dagegen vergeuden viel Energie auf psychologischen Nebenkriegsschauplätzen.

SPOX: Sie sprechen also von männlichen Rollenanforderungen, die vom eigentlichen Spiel ablenken. Welche sind das konkret?

Herzog: Die Statistiken zeigen zum Beispiel, dass Männer nach Fouls deutlich länger liegen bleiben als Frauen. Männer müssen sich auf dem Boden wälzen und demonstrativ extrem leiden, um anzuzeigen, dass sie den Zweikampf nur aus einem wirklich triftigen Grund verloren haben: wahnsinnige Schmerzen. Aber glauben Sie, dass sich Filippo Inzaghi zuhause fünf Minuten auf den Boden wirft, wenn er sich das Knie an der Tischkante anschlägt? Natürlich nicht! Das ist nur ein Schauspiel in der Arena der Männlichkeit. Auch das findet man übrigens hauptsächlich im Fußball. Handballer zum Beispiel sind da weit weniger theatralisch. Vom Frauen-Fußball ganz zu schweigen. Die stehen einfach auf und spielen weiter Fußball.

SPOX: Macht es dieser direkte Zugang zum Spiel als solches auch einfacher, mit Frauen im mentalen Bereich zu arbeiten?

Herzog: Absolut. Denn bei Frauen geht es meistens wirklich nur um Fußball. Ich habe im Frauen-Fußball immer über Fußball motiviert. Bei den Männern dagegen spricht man erst über zig andere Themen, um am Ende einen guten Fußballer zu haben, der zuerst an Fußball und an sein Team denkt, bevor er alle anderen Erwartungshaltungen bedient.

SPOX: Mit anderen Worten: Die Frau ist einfach nur Frau und Fußballerin, während der Mann in Wahrheit die Diva ist?

Herzog: Tatsächlich muss man Männer in der Kabine erst auf etlichen psychologischen Ebenen hätscheln, bevor sie überhaupt etwas Sinnvolles zum eigentlichen Spiel sagen oder aufnehmen können. Mal abgesehen davon, dass sie mehr unter Beobachtung stehen, sei es durch Scouts oder Sponsoren, und sich erstaunlich viele Gedanken über ihre neuen Schuhe oder ihre neue Frisur machen, stehen als Motivation häufig noch andere Themen im Vordergrund, noch vor der Leidenschaft und der Freude am Spiel. In erster Linie: Ruhm, Ehre und Euros.

SPOX: Gerade der finanzielle Aspekt spielt bei den Frauen keine Rolle. Selbst in Deutschland verdienen die Spielerinnen im Schnitt nur 800 Euro im Monat.

Herzog: Darunter leiden natürlich die professionellen Strukturen, aber in Sachen Motivation ist das ein Segen. Denn den Spielerinnen geht es tatsächlich um Fußball. Auch in der Bundesliga können die meisten nicht von ihrem Gehalt als Sportlerinnen leben. Dass sie sich diese aufwändige Doppelbelastung aus Job und Fußball trotzdem antun, zeigt die enorme Begeisterung, mit der sie Fußball spielen.

SPOX: Und den Männern geht es wirklich nur ums Geld?

Herzog: Natürlich nicht allen. Um ein wirklich großer Spieler zu werden, muss man auch das Spiel lieben. Ich glaube, Lionel Messi wäre auch für 800 Euro der beste Fußballer der Welt. Aber grundsätzlich muss man als Motivationstrainer im Männerfußball schon sehr häufig Umwege gehen, um irgendwann wirklich beim Spiel selbst zu landen.

SPOX: Welche Rolle spielt mentales Training mittlerweile insgesamt im Profisport?

Herzog: Boris Becker hat einmal gesagt: "Gewonnen und verloren wird immer zwischen den Ohren." Ich weiß nicht, wer ihm diesen schlauen Satz eingeflüstert hat, aber er hat Recht. Gerade im Hochleistungssport sind die körperlichen Möglichkeiten inzwischen so weit ausgereizt, dass der mentale Bereich immer wichtiger wird. Wir arbeiten deshalb an den letzten vier bis fünf Prozent, die in entscheidenden Situationen womöglich den Ausschlag geben können.

SPOX: Wo setzen Sie in Ihrer Arbeit konkret an?

Herzog: Es geht zum Beispiel darum, den Spielern beizubringen, wie man mit Ängsten umgeht. Bedenken und Selbstzweifel sind ein nicht zu unterschätzender Faktor im Fußball. Dabei kommt es im Sport speziell darauf an, möglichst einfache Techniken und Argumente zu benutzen. Einem Fußballer brauche ich nicht mit abstrakten wissenschaftlichen Details zu kommen. Er braucht Techniken, die er schnell und einfach anwenden kann.

SPOX: Können Sie eine der Techniken an einem konkreten Beispiel erläutern?

Herzog: Ich benutze als Einstieg gerne eine Übung mit einem Tischtennisball. Der kleine Ball liegt oben auf einer geöffneten Wasserflasche. Die Spieler sollen dann aus fünf Metern Entfernung zunächst auf die Flasche zugehen und den Tischtennisball im Vorbeigehen mit dem Finger von der Flasche schnippen. 90 Prozent der Teilnehmer scheitern.

SPOX: Nur einer von zehn kann einen Ball von einer Flasche schnippen?

Herzog: Dafür gibt es verschiedene Gründe: Manche verdecken in der Bewegung mit dem Unterarm den Ball und verlieren dadurch ihr Ziel aus den Augen. Eine einfache Metapher. Viele scheitern aber auch, weil sie Angst haben, die Flasche zu treffen und sich dabei wehzutun oder die Flasche umzuwerfen. Die schnippen dann über den Ball. Interessanterweise schneiden bei dieser Übung wieder die Handballer überdurchschnittlich gut ab. Weil die einfach entschlossener rangehen und zur Not eben auch die Falsche kaputt machen. Auch bei den Frauen des VfL Wolfsburg gab es eine Stürmerin, Shelly Tompson, die immer die ganze Flasche umgeworfen hat. Sie sagte, ihr sei es egal, ob es wehtut, und hat einfach den Flaschenhals anvisiert. Und das konnte man eins zu eins auch auf ihr Verhalten vor dem Tor übertragen.

SPOX: Mit welchen Spielern haben Sie sonst noch als Mentaltrainer gearbeitet?

Herzog: Ich darf natürlich keine konkreten Namen nennen, auch um die Privatsphäre der einzelnen Spieler zu schützen. Aber auf Mannschaftsebene habe ich viel im Hockey- und Handballbereich gearbeitet, zum Beispiel bei THW Kiel oder der SG Flensburg-Handewitt. Und zuletzt eben auch mit den Frauen des VfL Wolfsburg.

SPOX: Auch zur Gruppendynamik in Mannschaften haben Sie eine These formuliert: "Männer gewinnen auf dem Platz, Frauen in der Umkleidekabine".

Herzog: Es ist ja keine große Neuigkeit, dass Männer in der Regel weniger und schlechter kommunizieren. Frauen dagegen tragen ihre Konflikte frühzeitig, offen und direkt miteinander aus. Die schreien sich in der Kabine auch mal an - aber danach ist die Situation bereinigt. Man muss sich nur mal angucken, wie reflektiert Birgit Prinz im Augenblick mit ihrer Situation, mit sich selbst und mit Silvia Neid umgeht.

SPOX: Zwischen Michael Ballack und Joachim Löw lief das deutlich komplizierter...

Herzog: Männer verschleppen solche Konflikte häufig und kommunizieren entweder gar nicht oder im Extremfall nur über die Medien. Und das kann zu sehr belastenden Konstellationen innerhalb einer Mannschaft führen und tatsächlich auch die Leistung hemmen. Nehmen Sie das Beispiel des FC Bayern. Der gefeierte Louis van Gaal wurde doch nicht im Sommerurlaub plötzlich ein fachlich schlechterer Trainer. Irgendetwas hat aber in der Kommunikation mit der Mannschaft und dem Vorstand nicht mehr gepasst. Und die Konflikte wurden nicht offen ausgetragen. Stattdessen wurde er dann einfach entlassen.

Matthias Herzog gilt als führender Experte für persönliche Bestleistungen. Er ist Wirtschaftisngenieur und hat Sportwissenschaft studiert. Als Lehrbeauftragter unterrichtet er u.a. an den Pädagogischen Hochschulen Wien und Klagenfurt. Darüber hinaus unterstützt er Spitzensportler, Nationalmannschaften und Bundestrainer als Mentaltrainer. Weitere Informationen unter: http://www.matthiasherzog.com/

Josef Opfermann (17) begleitet als DB Schülerreporter die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011. Während der WM berichtet er vor Ort von den Spielen in Wolfsburg.

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