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Fussball

Vom DFB-Verbot bis zum ersten Titel

SID
TuS Wörrstadt wird 1974 nach einem 3:0 gegen Gelsenkirchen-Erle erster deutscher Frauen-Fußballmeister
© Imago

Heute ist der Frauenfußball eines der Aushängeschilder im Deutschen Fußball-Bund. Kaum zu glauben, wenn man sich die ersten Schritte in Erinnerung ruft. Lange kämpften Spielerinnen im Untergrund gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Erstaunlich lange hielt der DFB auch sein grundsätzliches Frauenfußballverbot aufrecht.
 

"Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Sittlichkeit und Anstand." Was klingt wie eine Satire auf den männlichen Chauvinismus des 18. und 19. Jahrhundert ist in Wahrheit die Realität des 20. Jahrhunderts. Der DFB begründete 1955 so sein offizielles Verbot für Frauenfußball in Deutschland.

Und der Beschluss war mehr als eine kuriose Schrulle von ein paar eingestaubten Herren im Nachkriegsdeutschland. Fußballspiele wurden teilweise mit Polizeigewalt beendet, Spielerinnen verspottet, bespuckt und geschlagen.

Dem Männerklub im DFB war es geradezu bierernst mit dem Verbot. Vereine durften keine Frauenteams aufnehmen und keine Plätze zur Verfügung stellen, Schiedsrichtern war es verboten, Frauenfußballspiele zu leiten.

Ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Stellung

Bis 1954 durften verheiratete Frauen in Deutschland nicht im öffentlichen Dienst arbeiten. Vor 1958 galt das sogenannte Lehrerinnenzölibat.

Bis Ende der 60er durfte eine Frau nur mit Genehmigung ihres Ehemanns ein Konto eröffnen, das Vermögen der Gattin war laut BGB "der Verwaltung und Nutznießung des Mannes unterworfen." Bis 1977 durfte der Herr im Haus seiner Frau sogar verbieten, selbst arbeiten zu gehen, wenn sie dadurch ihre "Haushaltspflichten" vernachlässigte.

Erst 1957 wurde der § 1354 aus dem BGB gestrichen - nach zähem Ringen. Der sogenannte Gehorsamsparagraph im Wortlaut: "Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung."

1953 veröffentlichte der - damals durchaus renommierte - niederländische Psychologe und Anthropologe Frederik Jacobus Johannes Buytendijk eine Studie, in der er tatsächlich mit Sätzen wie diesen argumentierte: "Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen, wohl aber Korbball, Hockey, Tennis und so fort. Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich."

Erst im Lauf der 60er Jahre änderte sich langsam die gesellschaftliche Rolle der Frau. Die finanzielle Gleichstellung galt rechtlich allerdings erst ab 1976. Und auch der Fußball blieb in der Breite bei seiner diskriminierenden, männerbündlerischen Haltung gegenüber Frauen. Das Verbot hatte bis 1970 bestand.

Stilblüten der Prohibition

Trotz des Verbots spielten einige Frauen in Deutschland schon kurz nach dem Krieg organisiert Fußball. Und schrieben dabei zum Teil groteske Anekdoten. Schon 1951 wurde Rolf Warschun, Abteilungsleiter von Blau-Weiß Oberhausen, aller DFB-Ämter enthoben und auf Lebzeiten gesperrt, nachdem er ein Damenspiel in Oberhausen stattfinden ließ.

1957 legte sich DFB-Funktionär Dr. Georg Xandry öffentlich mit dem Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer an, der ein inoffizielles Länderspiel gegen die Niederlande erlaubt hatte.

In einem Brief ließ er Wimmer in bezeichnender Rhetorik wissen: "Mit der in Frage stehenden Veranstaltung sind Sie uns in unserem Kampf gegen den Damenfußball gleichsam in den Rücken gefallen, was dem bisher guten Verhältnis zwischen der Stadt München und uns nicht dienlich sein kann."

Und trotzdem begann sich der Frauenfußball zu organisieren und zu entwickeln. Eine der Pionierinnen war Christa Kleinhans, die - inspiriert durch den Weltmeistertitel der Männer 1954 - insgesamt 150 (inoffizielle) Länderspiele während der Zeit des Verbots absolvierte.

Zuerst Maulwurfshügel platt machen

Sie erzählt von den Umständen: "Ständig wurde ich mit meinen Kolleginnen von Fortuna Dortmund von den Trainingsplätzen vertrieben, und wir mussten auf irgendwelche Wiesen oder in größere Privatgärten ausweichen, wo wir vorher noch die Maulwurfshügel platt machen mussten."

Immer wieder schlichen sich die Frauen am Abend auch heimlich auf  Plätze, während ihre Partner mit Autoscheinwerfern das Spielfeld ausleuchteten. Kleinhans' Lebensgefährte allerdings untersagte ihr das Fußballspielen.

Sie entschied sich daraufhin, nicht zu heiraten: "Ich wollte mir ums Verrecken nicht das Fußballspielen verbieten lassen, weder vom DFB noch von meinem Partner."

Am 23. September 1956 findet das erste inoffizielle Länderspiel statt: Vor 18.000 Zuschauern in Essen, ein 2:1-Sieg gegen die niederländische Auswahl. Lotti Beckmann erzielt das erste Tor. Der Kern des Teams besteht aus Spielerinnen des reinen Frauenfußballvereins DSV Fortuna Dortmund, für den auch Christa Kleinhans spielt.

1965 löst sich Fortuna Dortmund auf, zum Teil altersbedingt, zum Teil weil die Spielerinnen heiraten und eigene Familien gründen. Damit enden vorerst auch die Länderspiele - nach rund 150 Auswahlpartien.

1968 beginnen die Ehefrauen aus dem Frankfurter Männerschützenverein Niederräder Schützengesellschaft Oberst Schiel zunächst zum Spaß mit Fußball. Bald entsteht ein regulärer Trainingsbetrieb - und später ein wichtiger Wegbereiter für den Frauenfußball in Deutschland. Immer mehr Frauenabteilungen entstehen - und beginnen sich zu organisieren.

Am 30. Oktober 1970 wird das Verbot vom DFB aufgehoben. Allerdings mit zwei Gegenstimmen - und wohl eher aus Angst der Funktionäre vor einem Konkurrenz-Verband.

Meilensteine nach der Aufhebung des Verbots

1972 gibt es in Deutschland bereits 1788 Frauen-Fußballteams.

1973 gründet der Unternehmer Fips Scheid in einer Privatinitative eine inoffizielle Meisterschaft. TuS Wörrstädt wird Meister, die Kampagne ein voller Erfolg. Der DFB verspricht daraufhin die Gründung einer echten Meisterschaft.

1974 hält der DFB Wort und richtet die erste offizielle Meisterschaft aus. Im Finale am Mainzer Bruchweg trifft Bärbel Wohlleben zum 3:0 für TuS Wörrstadt gegen Eintracht Gelsenkirchen-Erle. Ihr Distanzschuss in den Winkel wird später von den Sportschau-Zuschauern zum Tor des Monats gewählt.

Gründung der ersten Nationalmannschaft

Die Schützin erinnert sich: "Ich habe viel später erst gemerkt, dass das ein Meilenstein für uns Frauen war. Durch den Wirbel rund um diese Ehrung haben die Menschen in Deutschland erstmals zur Kenntnis genommen, dass wir ernsten Sport betreiben und eine Frau in der Lage ist, aus 20 Metern ins Tor zu schießen."

1977 wird Hannelore Ratzeburg Frauenfußballbeauftragte im DFB. Vier Jahre später wird der DFB-Pokal gegründet. 1995 wird Ratzeburg als erste Frau auch in den DFB-Vorstand gewählt werden.

Auf ihre Initiative hin wird 1982 die erste offizielle Nationalmannschaft gegründet. Am 10. November findet auch das erste offizielle Länderspiel statt. Ein 5:1-Sieg gegen die Schweiz, damals noch in zwei Mal 35 Minuten.

Keine Bundesliga, keine Sichtung

Der erste Bundestrainer war der Fußballlehrer und DFB-Ausbilder Gero Bisanz, der die Nationalmannschaft bis 1996 betreute. Er erinnert sich an die Anfänge: "Ich hatte im Vorfeld Probleme, Spielerinnen zu finden, die auf einem angemessenen Niveau spielen. Es gab damals keine Bundesliga, in der eine strukturierte Sichtung möglich gewesen wäre. Wir benötigten Verbesserungen und beim DFB hatte man dafür ein offenes Ohr. Es wurde viel getan."

Und so gab es einen Moment, in dem Bisanz sich "dazu entschieden hatte, alles, was ich geben kann, in diese Sache zu investieren. Weil ich das Gefühl bekam, es besteht ein Verständnis dafür, dass man im Fußball über Training, Fleiß und Leistungsbereitschaft etwas bewegen kann. Wir sind damals durch die ganze Republik gereist, um Sondertraining anzubieten. Die Spielerinnen haben das begeistert angenommen. Da habe ich gemerkt, dass die Mädels wirklich wollen. Das hat mich dazu bewogen zu sagen, das packen wir richtig an."

Der schnelle Erfolg

Der Erfolg stellte sich schneller ein als erwartet: Ein 4:1 im Finale gegen Norwegen vor bringt 1989 den ersten EM-Titel - vor 22.000 Zuschauern in Osnabrück. Der Elfmeter-Krimi gegen Italien im Halbfinale war zuvor das erste Frauen-Länderspiel, das live im deutschen TV zu sehen war.

Ein Durchbruch für den Frauenfußball in Deutschland. Zur Belohung gab es für die Spielerinnen ein Teeservice. Es folgten sechs weitere EM-Titel, zwei Triumphe bei den Weltmeisterschaften 2003 und 2007, sowie drei Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen.

2007 blickte DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger mit Stolz zurück auf 25 Jahre Frauenländerspiele: "Frauenfußball ist im DFB ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Fußballfamilie. Der Mädchen- und Frauenfußball ist das seit Jahren am stärksten wachsende Segment in der Mitgliederstatistik des DFB. Mittlerweile sind fast eine Millionen Fußballerinnen in Vereinen gemeldet."

Und der nächste Höhepunkt steht vor der Tür: Die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Mit Zwanzigers Worten: "2011 wird das Jahr der Frauen!"

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