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Tiki-Taka in Zahlen: ¡Viva la Revolucion!

Von Johannes Raif
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© getty

Mit Beginn der Europameisterschaft 1980 analysierte Opta alle Spiele bei EM-Endrunden. Die gesammelten Daten lassen aussagekräftige Quervergleiche von Stars und Spielweisen von heute und früher zu. In der EM-Serie wird SPOX in den kommenden Tagen einige Einblicke in die Zahlen geben. Heute: Tiki Taka in Zahlen.

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Der europäische Fußball wurde in den vergangenen Jahren dominiert von Spanien. Neben den Seriensiegen spanischer Top-Klubs in der Champions League triumphierte die spanische Nationalmannschaft bei den vergangenen beiden Europameisterschaften und der Weltmeisterschaft 2010. Insbesondere beim Turnier 2012 in Polen und der Ukraine setzte La Roja spielerische Rekordwerte und wurde zum Rollenmodell einer ganzen Fußball-Ära. Die Zahlen zeigen, wie erfolgreich sich die Iberer durch das Turnier kombinierten.

Zwei Kugeln, über eine Schnur verbunden, die mit einer Pendelbewegung der Hand zusammengestoßen werden und Klack-Geräusche von sich geben. In Spanien Tiki-Taka genannt. Es war ein Kinderspielzeug aus den 1970er Jahren, das Pate für die Spielweise stand, die Spanien in ihre erfolgreichste Ära führte.

Mit langen Passstafetten und Kombinationsfußball prägte die spanische Nationalmannschaft die vergangenen beiden EM-Endrunden und konnte als erste Nation überhaupt den EM-Titel verteidigen. 2012 im Finale gegen Italien feierte La Roja ganz nebenbei noch den höchsten Sieg der EM-Historie in einem Endspiel.

EM-Marke verdoppelt

Spaniens spielerische Dominanz bei den vergangenen beiden EM-Endrunden lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Mit durchschnittlich 758 Ballaktionen pro Spiel stellte Spanien 2008 einen Rekord auf, den sie 2012 wieder pulverisierten (898 Ballaktionen pro Spiel). Bei den Pässen pro Partie gelang es La Roja, ihren EM-Rekord von 2008 (529 Pässe pro Partie) beim Turnier vier Jahre später mit 720 Pässen pro Spiel noch einmal zu überbieten. Zum Vergleich: Deutschland wurde 1980 Europameister und spielte sich dabei den Ball nur gut halb so oft zu (382).

Auch was die Präzision angeht, war Spanien tonangebend. 2008 stellte die Spanier mit 86,9 Prozent die bis dato beste Passgenauigkeit der EM-Historie auf. 2012 schraubten sie die Quote hoch auf 88,5 Prozent , wurden aber noch von den Niederlanden überboten (88,7 Prozent). In des Gegners Hälfte steigerten sie den eigenen EM-Rekord von 2008 (80,5 Prozent Passgenauigkeit) bei der Titelverteidigung 2012 auf nie dagewesene 86,0 Prozent - eine Quote, die vor der EM-Endrunde 2012 noch keine Nation auf dem kompletten Feld erreichte (und auch nur Deutschland, Frankreich und die Niederlande 2012 erreichten).

Gleich vier Spanier ganz vorne

Um diese Spitzenwerte zu erreichen, brauchte Spanien entsprechend technisch geschultes Personal. Größtenteils rekrutiert aus den Reihen der spanischen Vorzeige-Klubs FC Barcelona und Real Madrid drückten spanische Spieler den vergangenen beiden Europameisterschaften ihren Stempel auf.

In der Top Ten der Spieler mit den meisten Pässen bei einer Endrunde stehen sechs spanische Europameister von 2012, darunter in Xavi (595), Xabi Alonso (585), Sergio Busquets (455) und Andres Iniesta (454) die ersten Vier. Bei den meisten Ballaktionen bei einer Endrunde sind ebenfalls vier Spanier an der Spitze (Xavi, Xabi Alonso, Jordi Alba und Andres Iniesta).

Xavi pulverisiert Rekorde

Ganz vorne also immer Xavi, der Taktgeber der spanischen Passstafetten, der in den vergangenen Jahren mit Spanien und dem FC Barcelona alle großen Titel gewann, die es zu gewinnen gibt. Auf das Konto des zentralen Mittelfeldspielers gehen noch weitere Passrekorde bei Europameisterschafts-Endrunden. Am 2. Spieltag der Vorrunde 2012 spielte Xavi beim 4:0 über defensiv eingestellte Iren 136 Pässe, 127 davon fanden den Weg zum Mitspieler - beide Werte sind Rekord für ein EM-Spiel.

Auch beim 4:0 über Italien im Finale brachte es Xavi auf 81 erfolgreiche Abspiele, dies ist unerreicht in einem Endspiel der Europameisterschaft. In der gegnerischen Hälfte spielte Xavi bei der EM 2012 insgesamt 443 Pässe bei einer Passquote von 92,1 Prozent. Na klar, EM-Rekord.

Ein Gegentor im gesamten Turnier

Und während vorne so lange kombiniert wurde, bis sich eine Chance ergab, hielt hinten eine starke Defensive gegnerischen Kontern stand. 2008 kassierten die Spanier nur drei Gegentore - weniger waren es bei einem Europameister letztmals 1972, als die deutsche Nationalmannschaft aber auch nur zwei Spiele zu absolvieren hatte. Noch beeindruckender war die Defensivleistung bei der Titelverteidigung 2012.

Frei nach dem Motto, wenn man selber den Ball hat, kann der Gegner keine Tore schießen, hielten die Spanier ihre Gegner mit Ballbesitz-Fußball vom eigenen Tor entfernt. In ihrem Auftaktspiel traf Italiens Antonio Di Natale gegen die Spanier in der 60. Minute, es sollte das einzige Gegentor bei der Endrunde bleiben. Iker Casillas hielt seinen Kasten in den weiteren 510 Minuten im Turnierverlauf sauber, es ist die längste Serie eines Keepers ohne Gegentor bei einer Europameisterschaftsendrunde.

Doch wird sich Spanien auch durch die kommende Europameisterschaft kombinieren? Wohl kaum. Bei der Weltmeisterschaft 2014 erlebte La Roja ihr Waterloo, als defensiv gut eingestellte Gegner ihr Tiki-Taka entschlüsselt hatten. Schon nach dem zweiten Vorrundenspiel stand das Aus für Spaniens große Generation fest.

Nur 28 Prozent der Pässe nach vorne

Ähnlich erging es dem deutschen Vorzeige-Klub Bayern München, der von Pep Guardiola das Tiki-Taka eingeimpft bekam und in den vergangenen drei Jahren jeweils trotz hoher Ballbesitzwerte in den entscheidenden Halbfinals ausgekontert wurde.

Die Effektivität der endlosen Passstafetten wird ohnehin schon lange in Frage gestellt. Selbst bei der Europameisterschaft 2012 lag der Anteil der nach vorne gespielten Pässe bei Spanien bei nur 28 Prozent, anteilig der "schwächste" Wert aller Teams bei der Endrunde.

Je beeindruckender die Dominanz der Spanier anhand statistischer Werte also ablesbar wurde, desto weniger wurde La Roja auch von den Fans bewundert. Langeweile machte sich beim Betrachten des Ballbesitzfußballs breit. Klick-Klack-Kugeln waren ja irgendwann auch aus den Kinderzimmern dieser Welt verschwunden.

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