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Fussball

Ganz und gar nicht italienisch

Chiellini, Giaccherini und Eder feiern den Treffer zum 1:0 gegen Spanien
© getty

Statt mit purer Verteidigungskraft schaltete Italien Spanien im EM-Achtelfinale mit einer erstaunlich kreativen, offensiven und zielstrebigen Spielweise aus. Trainer Antonio Conte formte aus einem stark beschränkten Spielermaterial ein Team, das größer ist als seine Einzelteile zusammen. Deutschland erwartet am Samstag im Viertelfinale (21 Uhr im LIVETICKER) einen Angstgegner mit neuer Ausrichtung.

Sie wären am liebsten alle in den Himmel über Paris geklettert, so groß war die Freude der Italiener über Graziano Pelles Treffer zum 2:0, der in der Nachspielzeit den Sieg gegen Spanien und den Einzug der Squadra Azzurra ins Viertelfinale besiegelte. Trainer und Kapitän, die Führungsfiguren dieses Teams, gingen bei diesem hehren Kletter-Unterfangen vorbildlich voran.

Antonio Conte und Gianluigi Buffon wollten sich über die Dächer ihrer Arbeitsplätze dem Himmel nähern. Wirklich weit kamen sie dabei aber nicht. Schreiend und jubelnd scheiterte Conte beim Versuch, die Konstruktion über seiner Trainerbank zu erklimmen; Buffon baumelte wenig später lediglich an seiner Torlatte.

Dieses vermeintliche Scheitern, das ja eigentlich kein Scheitern war, da es sich am Boden wohl ähnlich gut jubeln lässt wie in der Luft, war wohl das einzige, was Italien an diesem Abend nicht gelang. Mit einer überzeugenden Leistung beförderte Italien in den vorangegangenen 90 Minuten mit Spanien einen der größten Titel-Favoriten aus dem Turnier.

Pique ahnte Schlimmes

Dass es schwierig werden könnte, das ahnten die Spanier schon vor dem Anpfiff. Und zwar schlicht wegen der geographischen Herkunft ihrer Kontrahenten. "Italien spielt diesmal sehr wie Italien", philosophierte Gerard Pique, "und das könnte gefährlich werden." Und das wurde gefährlich. Gefährlich aber nicht nur, weil Italien eben wie Italien spielte, sondern weil Italien teilweise auch spielte, wie Italien eigentlich nicht so oft spielt. Die Squadra Azzurra präsentierte sich offensivstark und kreativ; sie brachte letztlich mehr Schüsse aufs Tor als ihre prominenten Gegner.

"Wir haben gezeigt, dass Italien nicht nur Catenaccio ist", sagte Antonio Conte nach dem Spiel und hatte mit dieser Ansicht absolut Recht. Entwickelt wurde diese neue Ausrichtung kontinuierlich, abgeschlossen ist sie noch nicht. "Es ist ein Prozess, der vor zwei Jahren begonnen hat", sagte Leonardo Bonucci, "dieses Nationalteam ist dabei, einen neuen Spielstil zu entwickeln."

Urheber Antonio Conte, der das Nationalteam nach dem Turnier in Richtung FC Chelsea verlassen wird, ist laut Bonucci "ein Meister auf diesem Gebiet". Das Beeindruckende an dieser Metamorphose ist, dass Italien eigentlich keine Spieler für eine andere Ausrichtung als den traditionellen Catenaccio hat. Das neue System funktioniert trotzdem.

Altbekanntes Juve-Bollwerk

Italien verfügt über eine unfassbar sichere und eingespielte Defensive, das ist hinlänglich bekannt. Da steht der ewige Buffon zwischen den Stangen und davor sein Verteidiger-Triumvirat, mit dem er auch bei Juventus Turin zusammenspielt. Wüsste man es nicht besser, man würde doch tatsächlich glauben Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini grätschten und köpften Seite an Seite bereits Bälle aus ihrem Strafraum, als Fußballspiele noch in Schwarz-Weiß übertragen wurden.

All das war schon vor diesem Turnier klar - und auch vor all den vorherigen, in denen Buffon und sein ganz eigenes BBC-Trio aufliefen. Äußerst erstaunlich aber ist, wie Conte eine funktionierende Offensivabteilung formte. Erstaunlich deshalb, weil Conte dafür beinahe kein entsprechendes Spielermaterial zur Verfügung stand.

Keine großen Namen, keine großen Karrieren

Nachdem sich mit Marco Verratti der einzige wirkliche Hoffnungsträger Italiens vor dem Turnier verletzte, herrschte Resignation. Conte aber kreierte aus einer Reihe relativ unbekannter Spielern, die ob ihres fortgeschrittenen Alters nicht einmal als formbare Talente durchgehen, eine effektive Offensive.

Lazios Marco Parolo und Bolognas Emanuele Giaccherini bilden etwas vor Daniele De Rossi das Herz des Teams. Sie sind beide 31 Jahre alt, haben noch keine 30 Länderspiele absolviert und spielen für Vereine, die in der Tabelle der italienischen Liga regelmäßig dieselben Position bekleiden wie Parolo und Giaccherini auf dem Feld: Das Mittelfeld. Davor stürmen Graziano Pelle und Eder. Der eine ist 30 Jahre alt und steht beim FC Southampton unter Vertrag, der andere 29 und bei Inter Mailand.

Keine großen Namen, keine großen Karrieren und im Nationalteam spielt das Duo auch erst seit einigen Monaten. Trotzdem harmoniert es im blauen Trikot in einer beeindruckenden Manier. Pelle macht die Bälle mit dem Rücken zum Tor fest oder leitet sie direkt auf den quirligen Eder weiter. Ein Musterbeispiel für diesen Spielzug wurde in der Partie gegen Spanien in der 55. Minute abgeliefert. Die Krönung blieb jedoch aus, Eder scheiterte letztlich an De Gea.

Conte erschaudert

Zu diesem Zeitpunkt stand es erst 1:0 für Italien, zu diesem Zeitpunkt wusste Joachim Löw noch nicht, ob er mit seiner DFB-Elf im Achtelfinale auf seinen Angstgegner 1a oder 1b treffen würde - welcher dabei welcher ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Fest steht nur: Bei jedem Turnier, bei dem Löw seit Beginn seiner DFB-Tätigkeit 2004 auf eine dieser beiden Nationen traf, scheiterte er.

35 Minuten und ein bisschen später wusste Löw, dass es diesmal Italien wird: Die DFB-Eliminatoren von 2006 und 2012 also. "Deutschland gegen Italien - man erschaudert davor", ließ Conte wissen. Löw reagierte etwas weniger erschaudert und eher nüchtern, analytisch auf das nun feststehende Duell. "Die beiden bislang besten Mannschaften" treffen laut dem Bundestrainer aufeinander. Ob er mit diesem überzeugenden Turnier-Auftritt der Italiener gerechnet hat? Wohl eher nicht: "Es ist schon imponierend, wie Italien spielt", gab Löw zu, "sie spielen klasse nach vorne."

"Vendetta!"

Im Auftaktspiel dominierte Italien das hochgelobte Belgien, im Achtelfinale mit Spanien den EM-Titelverteidiger. "Wir haben versucht, sie nicht ins Spiel kommen zu lassen", sagte Chiellini, der Torschütze zum 1:0, nach dem Abpfiff und grinste dabei verschmitzt. Italien verschanzte sich nicht wie durchaus erwartbar am eigenen Strafraum, Italien hielt offensiv dagegen - und beglich letztlich viele offene Rechnungen.

Seit 1994 konnte die Squadra Azzurra Spanien in sieben Spielen nicht besiegen. Damit das auch ja keiner vergisst, titelte Spaniens führende Sportzeitung Marca vor dem Duell: "Spanien - bricht italienische Herzen seit 22 Jahren." Jetzt tönt es von der apenninischen Halbinsel in Richtung iberischer: "Vendetta!"

Vor dem Viertelfinale gegen Deutschland darf nun von den italienischen Gazetten munter getitelt werden: "Italien - bricht deutsche Herzen seit Anbeginn der Fußballgeschichte." Noch nie gewann Deutschland in einem Pflichtspiel gegen Italien. Am Samstag bekommt der deutsche Fußball in Bordeaux seinen neunten Versuch, Joachim Löw persönlich seinen dritten. Auch Deutschland hat Rechnungen zu begleichen.

Italien - Spanien: Die Daten zum Spiel

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