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Fussball

Auswärtsspiel - die SPOX-Kolumne: Wie Italien und Spanien aufdecken, dass Deutschland kein Top-Team mehr ist

Von Fatih Demireli
Italien trifft im EM-Halbfinale auf Spanien.

Mit Italien und Spanien stehen sich im EM-Halbfinale (21 Uhr im LIVETICKER) zwei Teams gegenüber, die sich in den letzten Jahren - dank ihrer Trainer - neu erfunden haben. Ein Wandel, der dem deutschen Fußball verwehrt wird. Daher hat Deutschland den Anschluss zu den Top-Teams auch längst verloren.

Thomas Müller ist einer der beliebtesten Sportler Deutschlands. Nicht nur, weil er seit Jahren auf konstant hohem Niveau Top-Leistungen abruft, sondern auch weil er auf und neben dem Platz eine Frohnatur ist.

In der Gegenwart von Müller fühlt man sich wohl, die Atmosphäre ist angenehm und eigentlich kann man ihm ewig zuhören, ohne dass es einem langweilig wird. Mit seinen guten Sprüchen kriegt man inzwischen Bücher voll. Doch all das bedeutet nicht, dass Müller wie ein Teletubbie den ganzen Tag jedem zuwinkt und nicht auch mal anders kann. Müller kann anders.

Wie damals, als Müller scheinbar nicht im Plan A von Trainer Niko Kovac beim FC Bayern war. Er habe die Degradierung nicht verstanden, sagte Müller damals öffentlich: "Es war seltsam für mich, sechs Wochen hintereinander aus der Startelf raus zu sein. Einige Spieler waren müde, ich war fit, habe hart gearbeitet und war trotzdem nicht dabei."

Deutschland hat den Anschluss verloren

Dass Müller auch anders kann, bewies er nun nach der EURO 2020. In einem persönlichen Newsletter zog der Offensivspieler ein Fazit und schrieb: "Uns hat die nötige Effektivität an beiden Enden des Platzes gefehlt. [...] Mit unserer Bestrebung, durch eine eher abwartende, kompakte Defensivstrategie ohne Gegentor zu bleiben, sind wir de facto gescheitert."

Blickt man zurück, ist es wohl die deutlichste Kritik aus dem Kreis der Nationalmannschaft seit Jahren. Ungeschminkt und ohne Kompromisse sprach Müller das aus, was viele dachten, aber sich vielleicht nicht trauten, es so offen auszusprechen. Viele waren vielmehr damit beschäftigt, ihre Dankbarkeit für Joachim Löw für 15 Jahre Bundestrainer-Job auszusprechen.

Als Deutschland beim 0:2 in England die nächste Turnier-Blamage besiegelte, hatte man den Beweis: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist derzeit kein europäisches Top-Team mehr. Das hat weniger mit dem Personal zutun, auch wenn das DFB-Team durchaus seine Schwachstellen hat. Vielmehr hat Deutschlands wichtigste Fußball-Mannschaft aufgehört, sich weiterzuentwickeln und hat den internationalen Anschluss verloren.

Keine taktische und strategische Entwicklung

Müller hat also recht. Es ehrt ihn, von einer Strategie zu reden. Denn abzuwarten und darauf zu hoffen, kein Gegentor zu bekommen, ist maximal ein Vorhaben. Aber keine Strategie. Nicht für eine Mannschaft, in der Spieler wie Toni Kroos, Ilkay Gündogan, Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Kai Havertz, Serge Gnabry, Leroy Sane und eben Thomas Müller spielen.

Spieler, die es gewohnt sind, in ihren Mannschaften das Spiel zu dominieren. Sie bestimmen, wie das Tempo der Partie ist. Sie bestimmen, wer das Sagen hat. Dass das bei der EURO 2020 nun anders war, lag nicht an der plötzlichen Angst von Jogi Löw, viele Tore zu kassieren, sondern vielmehr an einer Alternativlosigkeit. Fast alle Mannschaften, mit denen sich Deutschland international misst, haben eine taktische und strategische Entwicklung genommen, die dem DFB-Team verwehrt wurde.

Wenn Italien und Spanien sich am Dienstagabend im Wembley-Stadion gegenüberstehen, wird wenig davon zu sehen sein, was man von Italien und Spanien eigentlich kennt. Beispiel Italien: Dort steht das schöne Spiel wieder im Vordergrund: Ballbesitz-Fußball und Spielfreude sind zurückgekehrt.

"Mancini hat Enthusiasmus zurückgebracht"

Die Italiener machen das Spiel, sie diktieren, wie es läuft und sorgen ganz nebenbei für große Unterhaltung. "Wir versuchen, eine andere Art von Fußball zu spielen", erklärte Robert Mancini vor dem Turnier die neue Art und Weise des italienischen Seins. Er ist der Grund für diese Wandel.

Mit jedem Spiel unter seiner Führung wuchs die Überzeugung, dass es das Richtige ist. Nicht nur bei den sonst so kritischen Fans, sondern auch bei den Spielern: "Wir spielen einen modernen Fußball mit viel Ballbesitz, es ist ein offensives Spiel, das wir alle mögen", sagte Chelseas Außenverteidiger Emerson Palmieri, der nach dem Ausfall von Leonardo Spinazzola gegen Spanien den Part auf der linken Seite übernehmen wird.

Das Herzstück der Squadra Azzurra ist nicht die Abwehr, wie so oft in der Geschichte des italienischen Fußballs, sondern das Mittelfeld. Der Nationaltrainer hat schnell auf das Trio Jorginho (Chelsea), Marco Verratti (Paris Saint-Germain) und Nicoló Barella (Inter) gebaut, das eine besondere Chemie entwickelt hat.

"Mancini hat Enthusiasmus zurückgebracht", sagte Verratti der Gazzetta dello Sport. Im Turnier ist auch Manuel Locatelli phasenweise in das Prunkstück hineingewachsen und nahtlos ein Teil des Spektakels geworden.

Nicht bis zum Erbrechen zu tikitakern

Auch Gegner Spanien hat sich verändert. Seit 2012 qualifizierte man sich nicht mehr für das Viertelfinale eines großen Turniers. Dass man jetzt im Halbfinale steht, war für viele Experten vorhersehbar, weil Trainer Luis Enrique dem spanischen Nationalmannschaftsfußball ein Update verpasst hat, um in der heutigen Zeit zu bestehen. Er verwarf eine Fußball-Idee, die Spanien 2008 zum Europameister und 2010 zum Weltmeister machte.

Die Basis ist sicherlich immer noch ein gepflegtes Passspiel - das ist einfach in der DNA verankert, aber eben nur anders. Das Passspiel ist nun mit einem Raumgewinn verbunden. Die Bälle werden nicht mehr nur zum Nebenmann gespielt, der ihn dann zu seinem Nebenmann spielt, sondern auch mal lang, tief, schnell und möglichst mit viel Raumgewinn, um in Tornähe zu kommen.

Früher zermürbte man den Gegner mit vielen Pässen. Tikitaka halt, aber Luis Enrique gewöhnte es seinen Spielern ab, bis zum Erbrechen zu tikitakern und lässt sie auch mal vertikal agieren. In Spanien erntete der Trainer dafür einst viel Kritik, wie auch schon beim FC Barcelona, als er die Statik des Spiels veränderte.

Deutschlands Hoffnungsträger heißt Hansi Flick

Doch der Erfolg gibt ihm recht und der Erfolg ist auch nicht mit Namen verbunden. Spaniens Nationalmannschaft hat keine Stars, sondern Figuren, die funktionieren. Wenn Spieler von Real Madrid da nicht reinpassen, werden sie halt nicht eingeladen.

In Deutschland dagegen sprach man seit dem WM-Aus fast nur über Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller. Ohne wirklich zu erwähnen, warum sie so wichtig für die Entwicklung der Nationalmannschaft sind. Die Argumente, sie seien guten Anführer und ihre Erfahrung helfe weiter, ziehen natürlich, reichen aber nicht aus, wenn die Mannschaft dadurch nicht besser Fußball spielt.

Löw wollte nach dem WM-Aus 2018 eine Nationalmannschaft ohne Stars entwickeln, also fast wie Luis Enrique. Ihm eine Idee auszusprechen, wäre übertrieben. Doch in der Umsetzung scheiterte Löw und so verlor Deutschland den Anschluss zu seinen internationalen Top-Konkurrenten.

Dass auch Größen wie Frankreich bei der EM früh rausflogen, ist kein Trostpflaster für Deutschland. Alleine das Spielermaterial, das den Franzosen zur Verfügung steht, macht sie zum Favoriten in jedem Turnier. Bleiben die Franzosen konzentriert und lassen die Streitereien mal außen vor, setzten sie ihre Spielstrategie auch auf hohem Niveau durch. Deutschlands Hoffnungsträger heißt Hansi Flick, der hoffentlich bessere Ideen hat als sein Vorgänger.

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