EM

"Özil ist ein Weltklasseverteidiger"

Von Interview: Haruka Gruber / Daniel Börlein
Mesut Özil bekämpft Klaas-Jan Huntelaar im Gruppenmatch gegen die Niederlande (2:1)
© Getty

Spanien entdeckt das echte Ich, Italien verlangt nach Gegentrends - und Deutschland? SPOX-Experte Frank Wormuth, Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung und Coach der deutschen U-20-Nationalmannschaft, über Jogi Löws Probleme und "Weltklasseverteidiger" Mesut Özil.

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SPOX: Spanien verteidigt den EM-Titel und wird nach dem Finale allseits gelobt. Im vorherigen Turnierverlauf überwog die Kritik ob des vermeintlich einschläfernden Kurzpassspiels. Waren Sie ebenfalls gelangweilt von Spanien und wurden erst im Finale unterhalten?

Frank Wormuth: Die spanische Spielweise war uns allen bereits vor dem Turnier bekannt. Entsprechend waren die Erwartungen. Überraschenderweise spielten sie nicht in der ballbesitzenden Penetranz vergangener Tage. Es mag sein, dass das pfeifende Publikum nach den ersten Tiki-Taka-Ballpassagen die Spieler verunsicherte und sie deswegen sehr schnell den Risikopass spielten. Vielleicht waren die Spanier ein wenig überspielt, denn dieses Jagen des Balles nach Ballverlust in Gegners Hälfte, genauso wie das Investieren in Läufen aus der Tiefe in die Tiefe wie beim Tor von Jordi Alba im Endspiel, kostet eine Menge Kraft. Es könnte aber ebenso sein, dass das erste Spiel gegen die Italiener die Spanier verunsicherte. Dennoch bleibt es Fakt: Spanien zeigte im Endspiel das wahre Gesicht. Von daher ein absolut verdienter Europameister.

SPOX: Eine zugegeben hypothetische Frage: Hätte Deutschland besser ausgesehen als Italien?

Wormuth: Eine meiner Lieblingsfragen, denn auf diese Art der Fragen kann ich nur antworten: keine Ahnung. Um trotzdem einen zweiten Satz anzufügen: Ich glaube ja. Denn seit Jahren wird der spanische Spielstil von den Verantwortlichen der A-Nationalmannschaft analysiert und mit den Erfahrungen der letzten Begegnungen hätte man sicherlich bessere Maßnahmen getroffen als im Spiel gegen die "unbekannteren" Italiener.

SPOX: Welche Fehler beging Italien? Im Auftaktspiel sah Italien im 3-5-2 gegen Spanien wesentlich besser aus. Unter anderem hatte der im Finale überragende spanische Linksverteidiger Jordi Alba große Probleme gegen Italiens rechten Flügelspieler Christian Maggio, der im Finale nur auf der Bank saß.

Wormuth: Ich glaube, dass der einzige Unterschied zwischen den beiden Spielen im Verhalten der Spanier lag. Die spanischen Spieler standen mit einer ganz anderen Einstellung auf den Platz. Von der ersten Sekunde an hatte ich das Gefühl, dass sie wieder in Laufwege investierten. Und genau das ist das Geheimnis der Spanier: Immer den Gegner beschäftigen, nie zur Ruhe kommen lassen. Den Gegner mit Ball jagen, die Läufe in die Schnittstellen der Ketten der Italiener forcieren, auch wenn man umsonst läuft. Nicht nachdenken, sondern rennen und passen, passen, passen. Und in der Handlungsschnelligkeit sahen wir wieder die alten Xavis und Iniestas. Allein der Pass zu dem bereits erwähnten Jordi Alba, der zum Torabschluss kam, war das Eintrittsgeld - zumindest für den Ausbilder - wert.

SPOX: Das Finale war die mit Abstand beste Leistung der Spanier. Nicht nur wegen der spektakulären Offensive, sondern auch wegen der Defensive. War es das perfekte Gegenpressing?

Wormuth: Zunächst sollte man das Wort "Gegenpressing" definieren. Dieser Begriff stimmt nur, wenn ein Team gepresst wird, es dann den Ball verliert und unmittelbar danach den Ball wieder durch Pressing erobern will. Diese Art des Fußballs kommt seltener vor, doch im Endspiel sahen wir in der Tat öfters ein Gegenpressing und es war die beste Turnierleistung der Spanier. Aber: In vergangenen Tagen war ihr Gegenpressing schon bedeutend besser. Die Spieler wurden nun mal älter und hatten eine lange Saison hinter sich.

SPOX: Auffällig war, dass die Italiener weit vom Tor weggehalten wurden und so niemand für Pirlo abgestellt werden musste.

Wormuth: Es ist in der Spielphilosophie der Spanier verankert, dass sie in der Offensive durch einrückende Außen und nachrückende Innen eine Überzahl, mindestens eine Gleichzahl hinter ihrer Spitze herstellen. Bei Ballverlust in dieser Region, im letzten Drittel, ist der Weg zum Ballführer damit sehr kurz und sie können unter anderem Pirlo sofort durch den am nächsten stehenden Spieler unter Druck setzen.

SPOX: Vom Finale mit zwei Vorlagen abgesehen, fiel Xavi bei der EM wesentlich weniger auf als sonst. Man hatte den Eindruck, dass seine wichtigste Aufgabe darin bestand, als erster Pressingspieler den Gegner beim Spielaufbau zu attackieren. Was sagen Sie zur Bedeutung von Xavi bei der EM?

Wormuth: Xavi steht sinnbildlich für die überspielten Spanier. Er war nicht mehr in der Verfassung vergangener Tage und dennoch so stark, dass er zu den Besten gehörte. Aufgrund seiner Position im vorderen Bereich und des Spielkonzepts der Spanier muss er einer der ersten sein, der den verlorenen Ball sofort wieder zurückerobert. Das ist die taktische Marschroute nach Ballverlust im letzten Drittel. Und das hat er hervorragend gemacht.

SPOX: Sie zeigten sich während der EM begeistert von Pirlo. War er Ihr Spieler des Turniers? Genauer gefragt: Wer hat Ihnen vor allem defensiv-taktisch besonders gefallen?

Wormuth: Es fällt mir schwer, irgendjemanden hervorzuheben. In jeder Mannschaft gibt es Spieler, die unauffällig und zugleich effektiv für das Team arbeiten. Wenn ein Sechser die Passwege, also die Räume, ständig durch seine hohe Laufbereitschaft zustellt und der Ball gar nicht gespielt werden kann, fällt er nicht auf, obwohl er den Spielaufbau des Gegners zerstört. Manchmal sind die Aktionen ohne Ball viel wertvoller. Sami Khedira hat mir sehr gut gefallen, der hat in beide Richtungen richtig gut gearbeitet. Wenn er noch das ein oder andere Tor geschossen hätte, wäre er mein Mann des Turniers gewesen. Und wir Deutschen im Endspiel.

SPOX: Eine der großen Stärken von Spanien und Italien war die taktische Variabilität. Nicht nur in der Grundordnung, sondern in den Verhaltensweisen. Fast mühelos schien Spanien sich auf ein Spiel mit oder ohne echte Keilspitze anpassen zu können. Italien spielte mal abwartend im 3-5-2, mal angriffslustig im 4-4-2-Raute. Sehen Sie das ähnlich?

Wormuth: Ja. Bei den Spaniern ist man es gewohnt, dass sie in der Positionstaktik variabel sind. Die Italiener setzten noch einen drauf. Ihre Rückkehr zu der alten 3-5-2-Grundordnung gepaart mit der Ballorientiertheit im modernen Fußball war richtig angenehm anzuschauen. Natürlich ist das alles nichts Neues, es spiegelt das Verlangen des Trainers nach Veränderung oder nach Gegentrends wieder. Also keine Innovation, sondern eher eine Neuinterpretation früheren Verhaltens. Aber bei allem Lob: Ich bin immer noch ein Verfechter davon, dass am Ende die individuelle Qualität der Spieler in der taktischen Ausrichtung auschlaggebend für Sieg oder Niederlage ist, und nicht die Veränderung in einer Grundordnung.

SPOX: Dennoch eine Nachfrage: Ist diese angesprochene Variabilität die Fähigkeit, die den Deutschen noch abgeht?

Wormuth: Nein, wir hatten sie schon einmal bei der WM 2010 in Südafrika. Allerdings war die Vorbereitung auf die EM keine besonders gute für das Training der Variabilität. Wir wissen alle, ab welchem Zeitpunkt Jogi Löw seine komplette Mannschaft auf dem Platz hatte. Beziehungsweise so auf dem Platz hatte, dass sie richtig arbeiten konnte. Selbst als alle zusammen waren, lag auf der Thematik Regeneration eine größere Bedeutung als das Einstudieren von Variabilität. Das kostet einfach Zeit, die nicht zur Verfügung stand.

SPOX: Wie bewerten Sie die Leistung der Deutschen gegen Italien? Hat aus taktischer Sicht etwas nicht funktioniert? Oder waren die Gründe woanders zu suchen?

Wormuth: Heißes Thema, zumal ich ja ein wenig in die Gedanken und Vorbereitungen durch mein Scouting eingebunden war und die letzte Analyse des Trainerstabs noch nicht abgeschlossen ist. Sie sind so akribisch, dass sie sich mit dieser Thematik in Ruhe und mit der nötigen Distanz beschäftigen werden - trotz Offensichtlichkeit der Problematik für den gemeinen Zuschauer. Fakt ist, dass die taktischen Vorstellungen Gründe hatten, die wir von außen nicht beurteilen können, weil wir nicht in den Trainingseinheiten und den persönlichen Gesprächen zwischen dem Spieler und dem Trainer dabei waren. Den Prozess kann kein Außenstehender, kein Experte und kein Ex-Nationalspieler, ohne Wissen der internen Dinge detailliert nachvollziehen.

Teil II: Wormuth über die Kroos-Kritik und sein Aufruf an die SPOX-Gemeinde

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