Fussball

Bayern Münchens Amateure in die 2. Liga? Warum die Angst vor Herbert Hainers Visionen unbegründet ist

Die zweite Mannschaft des FC Bayern München feiert: Sportlich gesehen hätte das Team den Aufstieg in die 2. Liga verdient gehabt.

Bayern Münchens Präsident Herbert Hainer möchte eine Debatte über einen Aufstieg der zweiten Mannschaft in die 2. Liga anstoßen. Zwar ist die Sorge vor einer drohenden Übernahme der finanzstärksten Bundesligisten unbegründet, aber der FCB könnte die Ausnahme von der Regel sein. Die Fußball-Kolumne.

Ähnlich groß wie der Jubel der zweiten Mannschaft des FC Bayern über die Meisterschaft in der 3. Liga war danach auch das Bedauern. Die mit einem Durchschnitt von 22,2 Jahren mit Abstand jüngste Mannschaft ist der erste Aufsteiger aus der Regionalliga, der auf Anhieb Meister wurde - dank einer überragenden Rückrunde, nachdem das Team von Trainer Sebastian Hoeneß nach der Hinserie noch auf Platz 15 stand. Doch als Zweitvertretung eines Profiklubs werden die Münchner um den sportlichen Lohn gebracht.

"Es ist schade, dass sie nicht in die 2. Bundesliga aufsteigen können - verdient hätten sie es", meinte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. "Ein Leistungssportler strebt nach dem Maximum - und will aufsteigen, wenn er aufsteigen kann", ergänzte FCB-Präsident Herbert Hainer mit Verweis auf die Tatsache, dass dies in anderen Ländern ja auch möglich sei: "Ich denke, dass man sich da in Deutschland durchaus mal Gedanken machen sollte. Es ist verständlich, dass nicht zwei Mannschaften von einem Klub in einer Liga spielen dürfen. Aber beispielsweise in Liga eins und zwei - warum denn nicht?"

3. Liga: Die Tabelle nach dem 38. Spieltag

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
1.Bayern München II3876:601665
2.Würzburger Kickers3871:601164
3.Eintracht Braunschweig3864:531164
4.FC Ingolstadt3861:402163
5.MSV Duisburg3868:482062
6.FC Hansa Rostock3854:431159
7.SV Meppen3869:571258
8.1860 München3863:54958
9.Waldhof Mannheim3852:47556
10.1. FC Kaiserslautern3859:54555
11.SpVgg Unterhaching3850:53-355
12.FC Viktoria Köln3865:71-651
13.KFC Uerdingen 053840:54-1448
14.Magdeburg3849:42747
15.Hallescher FC3864:66-246
16.FSV Zwickau3856:61-544
17.Chemnitzer FC3854:60-644
18.SC Preußen 06 Münster3849:62-1340
19.Sonnenhof Großaspach3833:67-3432
20.FC Carl Zeiss Jena3840:85-4523

Zweitliga-Aufstieg für Reserveteams nur in Spanien und Italien

Schaut man auf die großen europäischen Ligen, gibt es eine solche Regelung nur in Italien und Spanien. Dort schaffte das Reserveteam des FC Barcelona im vergangenen Jahrzehnt sogar zweimal (2011 und 2014) als Dritter der Segunda Division A die Qualifikation für die Aufstiegs-Playoffs in die Primera Division, durfte aber nicht daran teilnehmen. 2018 jedoch stieg Barca B als letzte Zweitvertretung aus der zweiten Liga ab, wie zuvor schon die B-Teams von Real Madrid (2014) und Athletic Bilbao (2016).

In Italien hingegen gibt es diese Möglichkeit erst seit Sommer 2018 als Folge der verpassten WM-Teilnahme, nachdem bis dahin nur eine eigene Runde für Reserveteams gespielt worden war (Campionato Primavera). Doch bislang spielt keine zweite Mannschaft in der Serie B und aktuell nur die U23 von Juventus Turin im Tabellen-Mittelfeld der Serie C.

In Frankreich müssen alle Profivereine eine zweite Mannschaft für die Reservespieler melden, diese dürfen aber höchstens in der vierten Liga spielen. Und in England gibt es lediglich eine geschlossene Meisterrunde der Reserverteams aller Profiklubs, seit 2012 als "U21 Premier League".

Eine solche Meisterschaft für die U-23-Mannschaften wird nach Hainers Vorstoß auch wieder als Gegenvorschlag von vielen deutschen Fans präsentiert. Dahinter steckt die Sorge, dass eine Öffnung der Aufstiegsregelung durch die DFL in der 2. Liga dazu führen würde, dass die Bundesligisten dank ihrer höheren Budgets die kleineren Vereine herausdrängen und auch das Unterhaus dominieren würden.

Die meisten Zweitvertretungen der Bundesliga-Klubs spielen in der vierten Liga

Doch nicht nur der Blick ins Ausland zeigt, dass diese Befürchtung derzeit unbegründet ist. Vielmehr finden sich die meisten Zweitvertretungen ähnlich wie in Italien, Spanien und Frankreich seit Jahren in der Viertklassigkeit wieder. Die "Bayern-Amas" selbst mussten nach ihrem Abstieg in die Regionalliga 2010 neun lange Jahre auf die Rückkehr in die 3. Liga warten. Seitdem sind sie die einzige Zweitvertretung, weil unter anderem der Nachwuchs des VfL Wolfsburg gleich dreimal als Meister der Regionalliga Nord in den Aufstiegsspielen scheiterte (2014, 2016, 2019), genauso wie die Reserve von Borussia Mönchengladbach 2015 an Werder Bremen II. Die Hanseaten stiegen 2018 aber wieder ab, sodass vor der Bayern-Rückkehr in der Saison 2018/19 erstmals gar keine zweite Mannschaft in der 3. Liga spielte.

Seit deren Gründung 2008 spielten neben Bayern und Bremen ohnehin in Mainz 05, Borussia Dortmund und VfB Stuttgart nur weitere drei U23-Mannschaften mit, von Dominanz also keine Spur. Die Stuttgarter konnten sich am längsten halten, ehe sie 2016 zeitgleich mit dem Bundesligateam abstiegen - und vergangene Saison sogar in die Oberliga Baden-Württemberg abstürzten. Am grünen Tisch gelang den "Jungen Wilden" nun der Wiederaufstieg, somit spielen in der neuen Spielzeit zwölf Zweitvertretungen der Bundesligisten in den fünf Regionalligen.

Nachwuchsproblem? Fünf Bundesligisten haben ihre U23 abgemeldet

Fünf Klubs allerdings haben ihre U23 komplett vom Spielbetrieb abgemeldet. Den Anfang machte 2014 ausgerechnet das in der Nachwuchsarbeit so erfolgreiche Bayer Leverkusen. "Wir mussten erkennen, dass unseren Top-Talenten der Sprung in die Bundesligamannschaft nicht über eine zweite Mannschaft in der vierten Liga gelingen kann", erklärte Sportdirektor Rudi Völler damals. Das Niveau in der Regionalliga sei demnach nicht hoch genug, sodass die Entwicklung stagniere und die bei Bayer gut ausgebildeten Spieler dann mangels Aussicht auf einen Aufstieg zu den Profis den Verein verließen.

Ähnlich argumentierte RB Leipzig beim Rückzug 2017, als die U23 immerhin auf Platz 3 der Regionalliga Nordost stand. Auch Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld und Union Berlin haben ihre zweite Mannschaft abgemeldet, wobei hier auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle spielten. Zumindest bei der Eintracht hat allerdings ein Umdenken eingesetzt, ab der neuen Saison soll eine U23 in der Oberliga Hessen spielen. Weil man dadurch eben doch mehr Spielpraxis für hoffnungsvolle Youngster ermöglichen kann.

Nach Ansicht von U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz ist der Verzicht auf zweite Mannschaften durch einige Erst- und Zweitligisten ein Grund für die Nachwuchsprobleme im deutschen Fußball. "Uns gehen Talente verloren, weil die Förderung nach der U19 nicht mehr optimal ist. Es ist kontraproduktiv, wenn U23-Mannschaften abgemeldet werden, während in Spanien viele Vereine eine zweite Mannschaft in dem Bereich aufmachen", sagte er Anfang des Jahres und verwies darauf, dass nur 19 Prozent der U19-Spieler sofort in die Bundesliga aufsteigen.

Nachwuchsförderung: FC Bayern II als Ausnahme von der Regel

Als Paradebeispiel für den DFB dient auch hier der FC Bayern, weil Talente wie Christian Früchtl, Lars Lukas Mai, Chris Richards, Oliver Batista-Meier, Sarpeet Singh, Leon Dajaku, Fiete Arp und Joshua Zirkzee bei den Profis trainieren und sich in der zweiten Mannschaft die Spielpraxis holen. Schaut man auf das Potenzial und die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Rekordmeisters, könnte die Bayern-Reserve - als Ausnahme von der Regel - vermutlich sogar in der 2. Liga oben mitspielen und damit allen Kritikern Recht geben.

Einige vergleichen das aktuelle Teams bereits mit der bei Bayern-Fans legendären zweiten Mannschaft, die unter Hermann Gerland 2004 souveräner Meister in der damals drittklassigen Regionalliga Süd wurde. Unter anderem standen Zvjezdan Misimovic, Paolo Guerrero (beide mit 21 Toren Torschützenkönige), Piotr Trochowski, Andreas Ottl, Christian Lell, Patrick Ochs und Georg Niedermeier im Kader. Aufsteigen durften die Bayern-"Amateure" aber auch damals nicht.

Aktuell ist ein Zweitliga-Aufstieg ebenso kein Thema, dazu ist die Zahl der Gegner nicht nur bei den Fans, sondern auch im organisierten Fußball zu groß. Schließlich handelt es sich schon jetzt faktisch um Wettbewerbsverzerrung, dass Spieler mit Bundesliga- und Champions-League-Erfahrung wie Michael Cuisance per Zweitspielrecht in der 3. Liga spielen dürfen.

Den damit begründeten Forderungen nach einer Verbannung aller Zweitvertretungen aus der Drittklassigkeit werden DFB und DFL aber mit Blick auf die Nachwuchsproblematik nicht nachkommen. So bleiben Hainers Visionen ein interessantes Gedankenspiel, mehr aber auch nicht.

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