Cookie-Einstellungen
Fussball

Terrence Boyd im Interview: "100 Meter von mir entfernt wurde einer abgeknallt"

Terrence Boyd spielte vor seinem Wechsel nach Wien für Borussia Dortmund.

 

Dann kam das Angebot des SK Rapid Wien.

Boyd: Das anzunehmen, war eine super Entscheidung. Rapid ist ein Hammerklub und Wien eine tolle Stadt. Ich konnte mich mit Rapid direkt identifizieren und kann behaupten, seitdem kein einziges Kleidungsstück gekauft zu haben, auf dem die Austria-Farbe violett zu sehen ist.

Was ist Ihnen von der Zeit in Wien abseits des Platzes in Erinnerung geblieben?

Boyd: Da fallen mir sofort zwei Treffen mit Polizisten ein. Einmal habe ich bei der Parkplatzsuche auf einer mehrspurigen Straße gewendet, woraufhin ich angehalten wurde. Als mich der Polizist sah, sagte er: "Fußballspielen können Sie nicht. Autofahren können Sie nicht. Was können Sie eigentlich?" Wie sich herausstellte, war er Rapid-Fan und ziemlich angepisst, weil wir am Tag zuvor das Derby gegen die Austria verloren hatten.

Und die andere Geschichte?

Boyd: Am Anfang meiner Zeit bei Rapid war ich mit einigen Kollegen nach einem Spiel ordentlich feiern und kam gegen fünf Uhr morgens angeschlagen nach Hause. Als ich vor der Tür stand, bemerkte ich, dass mein Schlüssel weg war. Ich musste ihn im Taxi verloren haben. Zum Glück fuhr gerade ein Polizeiauto vorbei. Ich habe es angehalten und den Beamten mein Problem erklärt. Die waren Rapid-Fans, haben zack-zack-zack herumtelefoniert und nach ein paar Minuten war das Taxi mit meinem Schlüssel zurück.

Boyd bei RB Leipzig: "Sind gefühlt jede Woche im Club gelandet"

Gehört es als Profi dazu, dass man mit seinen Mitspielern auch mal was Trinken geht?

Boyd: Wenn es Grund zum Feiern gibt, sollte eben gefeiert werden. In der Aufstiegs- und in der ersten Bundesligasaison mit RB Leipzig haben wir eigentlich nur gewonnen und sind deshalb gefühlt jede Woche spontan im Club gelandet. Da waren immer alle dabei, von den Spielern bis zum Greenkeeper. Im Club L1 hatten wir sogar unseren eigenen abgesperrten Bereich. Mittlerweile habe ich aber eine Frau und Kinder und langsam genug vom wilden Feiern. Manchmal kommen Mitspieler mit ihren Frauen zu mir und wir trinken ein bisschen was und spielen Karten. In Clubs gehe ich kaum noch.

Nach zwei Jahren bei Rapid wechselten Sie 2014 zu RB Leipzig. War das ein Fußball-Kulturschock?

Boyd: Die Emotionalität der Fans ist sehr verschieden. Bis das in Leipzig so ist wie bei Rapid, dauert es vielleicht noch Jahrzehnte. Ich habe gerne für Traditionsklubs wie Dortmund oder Rapid gespielt, habe aber auch kein Problem mit professionellen Vereinen wie Leipzig. RB oder auch die TSG Hoffenheim beleben die Bundesliga mit ihrer guten Arbeit.

Wegen eines Kreuzbandrisses und Folgeverletzungen absolvierten Sie in zweieinhalb Jahren lediglich acht Pflichtspiele für Leipzig, eineinhalb Jahre fehlten Sie komplett. Wie ging es Ihnen damals?

Boyd: Ich hatte viele dunkle Momente. Das schlimmste war die permanente Ungewissheit. Vor der letzten Operation habe ich recht konkret überlegt, meine Karriere zu beenden. Als ich das meiner Mutter erzählte, hat sie mich gefragt: "Was machst du dann?" Und ich habe ihr geantwortet: "Keine Ahnung." Zu dieser Zeit war gerade meine erste Tochter auf dem Weg und ich wusste nicht, wie ich nach einem Karriereende meine Familie ernähren soll. Das waren Existenzängste. Aber es gibt keine andere Möglichkeit, als weiterzukämpfen. All diese Erfahrungen haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Hat sich der Klub damals entsprechend um Sie gekümmert?

Boyd: Ja und dafür bin ich bis heute dankbar. Ralf Rangnick ist persönlich zu mir gekommen und hat angeboten, dass ich bei einem möglichen Karriereende einen Job im Klub bekomme. Das fand ich beachtlich. Es standen auch Mentaltrainer zur Verfügung, aber die habe ich nicht in Anspruch genommen. Ich wollte das mit mir selbst ausmachen.

Terrence Boyd: "Die Berater labern mir alle zu viel"

Zu dieser Zeit begannen Sie ein Fernstudium der Medien- und Kommunikationswissenschaften. Haben Sie den Abschluss gemacht?

Boyd: Nein. Als ich wieder spielen konnte, hatte ich keinen Bock mehr auf die Hausarbeiten.

Können Sie sich vorstellen, nach dem Karriereende in der Medienbranche zu arbeiten?

Boyd: Damals hat mich das interessiert, aber mittlerweile weiß ich, dass ich im Fußball bleiben will. Es würde mich reizen, als Trainer mit jungen Spielern zusammenzuarbeiten. Der Beraterjob wäre dagegen nichts für mich. Die Berater labern mir alle zu viel. Darauf komme ich mit meiner direkten Art nicht klar. Außerdem geht es nur um Zahlen - und in Mathe war ich keine "Leuchte".

Nach Ihrer Zeit in Leipzig spielten Sie erst beim SV Darmstadt 98 und dann ein halbes Jahr beim FC Toronto in der nordamerikanischen MLS.

Boyd: Als Deutsch-Amerikaner war es mein großes Ziel, einmal in der MLS zu spielen. Ich habe mich auf ein Abenteuer für die ganze Familie gefreut, aber leider ist meine Frau kurz vor meinem Wechsel zum zweiten Mal schwanger geworden und die Ärzte meinten, dass sie besser nicht fliegen soll. Dann war ich von Februar bis Juli allein in Kanada. Ich habe meine Familie sehr vermisst, das hat mich kaputt gemacht. Da hat auch Facetime nicht geholfen.

Boyd vergleicht Klinsmann-Tagebuch mit Nazi-Vorwürfen gegen Xavier Naidoo

Haben Sie auch schöne Erinnerungen an Ihre Zeit in der MLS?

Boyd: Natürlich war es toll, das Land meiner Vorfahren zu erkunden. Oft sind wir schon einige Tage vor einem Auswärtsspiel in die entsprechende Stadt geflogen und hatten Zeit, sie uns in Ruhe anzuschauen. Einmal waren wir fünf Tage in Los Angeles und bekamen noch dazu täglich 85 Dollar Taschengeld. Das war wie ein Kurzurlaub. Geil war auch das Essen nach den Spielen: In Deutschland gibt es immer nur gesunde Nudeln, dort wurden Burger, Pizza und Chicken Wings ins Hotel geliefert.

Allzu leistungsfördernd ist das wohl nicht. Gibt es weitere Gründe, warum die MLS noch immer den europäischen Top-Ligen hinterherhinkt?

Boyd: Die Liga hat viel Potenzial, steht sich mit ihren Strukturen aber selbst im Weg: Das Draft- und Trade-System sowie das Fehlen von Auf- und Abstieg sind große Entwicklungsbarrieren. Außerdem ist die Jugendförderung in den Colleges deutlich schlechter als bei den Klubs in Europa. Die sportlich talentiertesten Kinder entscheiden sich dort aber ohnehin nicht für den Fußball, sondern für die wichtigen US-Sportarten.

Zwischen 2012 und 2016 spielten Sie für die US-amerikanische Nationalmannschaft, Trainer war damals Jürgen Klinsmann. Wie haben Sie ihn erlebt?

Boyd: Klinsmann ist Rangnick sehr ähnlich. Beide sind innovative und akribische Perfektionisten. Ihr Ziel ist es, mit einem perfekten Umfeld für Bestleistungen auf dem Platz zu sorgen. Menschlich war Klinsmann absolut top. Obwohl er mich kurz vor der WM 2014 aus dem Kader gestrichen hat, konnte ich ihm nicht böse sein. Wir stehen bis heute in Kontakt. Nach dem Anschlag in Halle hat er mir beispielsweise direkt geschrieben und mich gefragt, wie es mir geht.

Was sagen Sie zu seiner unrühmlichen Zeit bei Hertha BSC und seinem jetzt schon legendären Tagebuch?

Boyd: Mit dem Klinsmann-Tagebuch ist es wie mit den Nazi-Vorwürfen gegen Xavier Naidoo: Es scheint zu stimmen, aber ich kann es trotzdem nicht glauben.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung