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Ex-Dortmund-Talent Marian Sarr im Interview: "Ich habe nicht aus Zufall beim BVB gespielt"

Marian Sarr spielte von 2013 bis 2016 beim BVB.

Von 2013 bis 2016 spielte Marian Sarr bei Borussia Dortmund und feierte beim BVB sein Debüt in einem enorm wichtigen Champions-League-Spiel. Dann erwischten den heute 24-Jährigen zwei böse Verletzungen - und die Karriere des Innenverteidigers bekam einen Knick. Heute spielt Sarr in der 3. Liga beim FC Carl Zeiss Jena.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Sarr über die Zeit beim BVB, seine schweren Verletzungen, die Gründe für den Karriereknick, seinen Eigentor-Rekord und die kürzliche Versetzung in die Oberliga.

Herr Sarr, es gibt ein Video bei YouTube, das in 2:14 Minuten Dauerschleife zeigt, wie Sie als 18-Jähriger im Trikot von Borussia Dortmund eine Ohrfeige von Jürgen Klopp bekommen. Über 4500 Aufrufe hat es schon generiert. Kennen Sie das?

Marian Sarr: Nein. (lacht)

Klopp scheint einigermaßen zünftig zugeschlagen zu haben.

Sarr: Es war schon recht ordentlich. Ich war auch erst leicht irritiert, musste dann aber trotzdem lachen. Es war ja nett gemeint von ihm und mehr ein Klaps auf die Wange. Einem Jürgen Klopp kann man so etwas ohnehin nicht übelnehmen.

Zugetragen hat sich diese Szene im Dezember 2013. Ohne jemals zuvor für die Profis gespielt zu haben, mussten Sie damals aufgrund von Personalproblemen in der Champions League bei Olympique Marseille ran - gleich über 90 Minuten und in einem Spiel, das der BVB unbedingt gewinnen musste, um das Achtelfinale zu erreichen. Wie weit weg ist der 2:1-Sieg für Sie mittlerweile?

Sarr: Es ist noch ziemlich präsent, weil es einfach ein geiles Erlebnis war und ich immer wieder darauf angesprochen werde. Ich finde es cool, dass einen die Leute immer noch mit diesem Spiel in Verbindung bringen. Es war ein Highlight - nicht nur für mich, sondern für den gesamten Verein, denn durch den späten Siegtreffer kamen wir auch noch als Gruppenerster weiter.

Anfang 2013 waren Sie von Bayer Leverkusen zum BVB gewechselt und wurden vorrangig in der A-Jugend eingesetzt. "Keiner kann sich vorstellen, was das für eine Anspannung bedeutet", sagte Klopp anschließend über Ihr Debüt. Wie erinnern Sie sich denn an diesen Tag?

Sarr: Mein Einsatz hatte sich angedeutet, da Koray Günter und ich die einzigen fitten Innenverteidiger waren. Es wurde dann quasi ein Stechen zwischen uns. Ich erfuhr davon, als der Trainer beim Anschwitzen am Tag des Spiels die Leibchen für die A-Elf verteilt hat und ich auch eines bekam. Ich war überglücklich. Wir haben dann noch ein paar Spielzüge eingeübt, Jürgen Klopp hat auch nicht mehr großartig mit mir gesprochen.

Wie groß war die Anspannung?

Sarr: Ich war nicht wirklich aufgeregt, sondern habe mich einfach auf das Spiel gefreut. Jürgen Klopp und Michael Zorc, aber auch jeder aus der Mannschaft, haben mir gesagt, ich soll es genießen, mein Spiel durchziehen und das Beste daraus machen. Kurz nervös war ich dann, als die Champions-League-Hymne lief. Ganz früher durfte ich als kleiner Junge für diese Spiele länger aufbleiben und dann stehe ich auf einmal selbst dort auf dem Platz. Als der Anpfiff ertönte, war es aber fast ein Fußballspiel wie jedes andere.

Nach Ihrem Debüt in der Königsklasse durften Sie in der Bundesliga gleich zwei Spiele in Folge machen. Bei Ihrem zweiten und bislang letzten Bundesligaspiel verlor der BVB zu Hause mit 1:2 gegen Hertha BSC. Ihnen unterlief ein grober Fehler, den die Berliner zum zweiten Tor nutzten. Zur Pause wurden Sie ausgewechselt. Wie haben Sie das damals aufgenommen?

Sarr: Es war ein Wechselbad der Gefühle, an dem ich auch zu knabbern hatte. Ich habe damals nicht so darauf reagiert, wie ich es heute machen würde. Kurz vor der Halbzeit holte ich mir noch eine unnötige Gelbe Karte ab und war mit den Gedanken komplett fernab vom Spiel. Es war die richtige Entscheidung, mich zur Pause runter zu nehmen. Fehler passieren einfach, man darf nicht groß darüber nachdenken und muss die richtigen Lehren daraus ziehen.

Klopp nannte Sie ein "Jahrhunderttalent" mit einem "wahnsinnigen Potenzial". Wie bewerten Sie das heute rückblickend?

Sarr: Ich habe den Hype um mich gar nicht wahrgenommen. Meine Eltern und mein gesamtes Umfeld haben mich immer am Boden gehalten. Ich habe von diesen Aussagen zwar gehört und fand sie auch cool, aber habe mir nichts darauf eingebildet. Ich hatte ein Champions-League- und zwei Bundesligaspiele gemacht - da dachte ich nicht, ich hätte es schon geschafft. Es kann aber sein, dass ich danach unbewusst fünf Prozent weniger gegeben habe, die entscheidend dafür sind, ob man am Wochenende im Kader steht. Gerade später habe ich mir schon manchmal Gedanken gemacht, ob ich in der einen oder anderen Trainingseinheit nicht hätte mehr Gas geben können.

Wann haben Sie zuletzt von Klopp gehört?

Sarr: Das war noch zu Dortmunder Zeiten. Seitdem habe ich zu ihm und anderen der damaligen Profis keinen Kontakt mehr. Dafür habe ich immer noch einen guten Draht zu ein paar Jungs aus der zweiten Mannschaft.

Vor allem aufgrund von Verletzungen ist Ihnen der große Durchbruch bisher verwehrt geblieben. Aktuell spielen Sie für Carl Zeiss Jena in der 3. Liga. Wie denken Sie an die damalige Zeit zurück?

Sarr: Es schmerzt nicht, daran zu denken. Ich hatte die Chance und hätte sie ohne den Fehler gegen Hertha vielleicht noch besser nutzen können, so dass ich auf weitere Einsätze gekommen wäre. Natürlich hatte ich damals die Hoffnung, dass ich nach der Winterpause noch einmal spielen darf. Es wurde auch überlegt, mich in die 2. Liga zu verleihen, doch dann kamen die Verletzungen dazwischen.

Und zwar im Oktober 2014, Sie fielen ein halbes Jahr aus. Es war nicht Ihre erste, aber die bis dato schwerste Verletzung.

Sarr: Genau, ein Ermüdungsbruch im Schienbein, mit dem ich zuvor noch rund zwei Monate gespielt habe. Wie das passiert ist, ob mir mal jemand dagegengetreten hat, das weiß ich nicht. Ich hatte dann zwar bei Belastungen häufig eine Reaktion am Knochen, so dass das Schienbein dick geworden ist und ich nicht mehr richtig auftreten konnte. Ich dachte mir aber: Beiß' auf die Zähne.

Sie sind nicht sofort zum Arzt gegangen?

Sarr: Nein. In jungen Jahren sagt man sich wohl noch eher, dass man nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Physiotherapeuten rennen möchte. Ich hatte die Hoffnung, dass es nicht schlimm ist. Es wurde aber von Mal zu Mal dicker. Ich habe es dann kommuniziert und nach dem MRT stand die Diagnose schnell fest. Das ist zu dem Zeitpunkt einfach sehr blöd gelaufen.

Wie hat die Zeit in der Reha auf Sie gewirkt, Sie waren ja von der Mannschaft quasi isoliert?

Sarr: Das hat sich enorm seltsam angefühlt. Solche sechs Monate gehen nicht spurlos an einem vorbei. Man sieht die Teamkollegen ständig beim Training oder am Wochenende beim Spiel und man selbst kann kein Stück mitwirken. Als drei Monate vorüber waren, dachte ich nur: Wow, ich habe gerade einmal die Hälfte geschafft. Es war letztlich aber auch eine lehrreiche Zeit, da ich meinen Körper besser kennengelernt habe und besser wusste, was es braucht, um ihn noch gezielter auf den Profifußball vorzubereiten.

Marian Sarr: Die Leistungsdaten seiner Karriere

VereinPflichtspieleToreAssistsSpielminuten
Bayer Leverkusen II (2012)1000828
Borussia Dortmund (2013-2016)300225
Borussia Dortmund II (2013-2016)37102774
VfL Wolfsburg II (2016-2018)38123089
VfR Aalen (2018-2019)15101114
FC Carl Zeiss Jena (seit 2019)600510
FC Carl Zeiss Jena II300252

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