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Fussball

Kolumne: Warum man auf Länderspiele verzichten könnte

Die Fernsehkamera hält drauf - aber immer weniger schauen zu: Die Nationalmannschaft befindet sich in der Krise.

Die deutsche Nationalmannschaft hatte schon vor der Corona-Pandemie ein erhebliches Imageproblem, doch wohl nie zuvor war das Interesse so gering wie jetzt. Warum eine radikale Lösung vermutlich die beste wäre, aber dennoch nicht kommen wird, erklärt die Fußball-Kolumne.

Es ist eigentlich keine neue Erkenntnis, dass das Interesse an der Nationalmannschaft außerhalb der großen Turniere stark rückläufig ist. Viele Fans nutzten die Länderspielpause seit Jahren auch zur mentalen Pause von der täglichen Beschäftigung mit dem eigenen Verein, der entsprechend wenig interessante Nachrichten produziert.

Das merken auch die Onlinemedien, bei denen die Reichweite in dieser Zeit deutlich zurückgeht, und die Fachmagazine, die einen signifikanten Auflagenverlust verbuchen. Nicht ohne Grund findet man etwa beim kicker die aktuelle Berichterstattung über die DFB-Auswahl immer häufiger erst in der Mitte der gedruckten Ausgabe, weil die ersten Seiten trotz Spielpause analog zum Leserinteresse mit Meldungen aus der Bundesliga gefüllt werden.

Der DFB hat diesen über die Jahre anhaltenden Bedeutungsverlust sehr lange sehr professionell ignoriert. Die sportliche Leitung um Oliver Bierhoff und Joachim Löw machte lange weiter, als wäre man nach wie vor und auf ewige Zeiten Deutschlands liebstes Kind.

Immerhin konnte man ja als Weltmeister auf ein zweistelliges Millionenpublikum am Fernseher und die ausverkauften Stadien verweisen. Was sich spätestens mit der WM-Blamage 2018 änderte. Das Image der Mannschaft war komplett ramponiert, die Heimspiele waren nicht mehr ausverkauft. Die Spieler mussten nach dem sportlichen Abstieg aus der Nations League Pfeifkonzerte des enttäuschten Rest-Publikums über sich ergehen lassen.

Nationalmannschaft: Fanforscher kritisiert Bierhoff

"Nach dem WM-Titel 2014 sind einige extrem abgehoben, viele Spieler wurden zu sehr hofiert. In diesem Erfolg haben sich viele zu sehr und zu lange gesonnt. Aber was die Spieler machen, ist etwas, das ihnen auch ein Stück weit von der Führung vorgegeben wird: Distanz zu den Fans", kritisierte der Fanforscher Gunter A. Pilz damals in der Tageszeitung Die Welt.

Pilz nannte auch den Hauptverantwortlichen: "Bierhoff war die Triebfeder für die Abschottung der Nationalmannschaft. Er predigt ja jetzt wieder, wie wichtig Fannähe ist. Aber es wird lange dauern, bis man Vertrauen und Sympathie zurückgewonnen hat. Da müssen die Verantwortlichen geduldig sein. Es ist gut, dass Bierhoff, der einer der Maßgeblichen für die Entwicklung war, der Distanz forciert hat, erkennt, dass er Fehler begangen hat. Man muss ihm die Chance geben, das zu korrigieren."

Doch der erhoffte Neustart lässt bis heute auf sich warten, was nur bedingt an Bierhoff liegt. Immerhin dreimal bestritt das DFB-Team im Jahr nach der WM ein öffentliches Training, doch Bierhoffs Versprechen von weiteren Einheiten vor Fans wurde schon vor Corona nicht eingehalten - offiziell aus Zeitgründen in der Endphase der EM-Qualifikation.

Nationalmannschaft: Kein Stimmungsumschwung nach WM-Debakel

Hinzu kommt die bleierne Schwere, die über den Auftritten der Nationalelf liegt. Die Entscheidung, trotz des historischen Debakels in Russland am seit 2004 für den DFB tätigen Löw festzuhalten, konnte der 60-Jährige seitdem nur in Ansätzen rechtfertigen. Zwar führte die Verjüngung seiner Mannschaft zu einigen Lichtblicken wie dem 3:2 in den Niederlanden, aber weitgehend stagnierte die Leistung. Nur eine überzeugende EM-Endrunde 2020 hätte wohl zu einem Stimmungsumschwung führen können. Doch stattdessen kam Corona über die Welt, sodass die Nationalmannschaft zehn Monate lang gar kein Spiel mehr absolvierte.

Nun geht es der "Cashcow" des DFB so wie vielen wirtschaftlichen Betrieben: Wer vor dem Ausbruch der Pandemie schon in der Krise war, für den ist Corona ein Brandbeschleuniger. Man kann Löw sicherlich viel vorwerfen, vor allem seine fragwürdige und teilweise nicht nachvollziehbare Nominierungspraxis, aber an den meisten Problemen kann er gar nichts ändern.

Das DFB-Team und Corona: Aktuell braucht niemand Länderspiele

Wenn man ehrlich ist, braucht aktuell eigentlich niemand Länderspiele. Für die Spieler wäre es angesichts des extrem engen Spielkalenders besser, wenn sie mal eine Verschnaufpause bekämen. Das Herumreisen sämtlicher Nationen durch die Weltgeschichte zu völlig unwichtigen Testspielen und pseudo-wichtigen Nations-League-Spielen ist zudem das komplett falsche Signal in Lockdown-Zeiten, in denen die normale Bevölkerung möglichst zu Hause bleiben soll.

Wie zum Beweis verkommen die meisten Länderspiele sportlich zu einer Farce, weil sich immer mehr Profis anstecken. Beim Duell zwischen Dänemark und Schweden fehlten insgesamt 20 Spieler, der Kroate Domagoj Vida spielte gegen die Türkei ohne sein Wissen positiv getestet auf Covid-19.

Auch mit Bezug auf die aktuellen Infektionsfälle bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft ist es vermutlich hauptsächlich Glück, dass es bei der DFB-Auswahl noch keinen positiven Test gab. Gleichwohl bleibt die logische Konsequenz eine maximale Abschottung nach außen, jegliche Fannähe ist auch in den leeren Stadien derzeit unmöglich.

DFB-Team: Löw experimentiert und schaut nicht auf Ergebnisse

Die einzige Chance also, für wohlwollende Schlagzeilen zu sorgen, hätte die Mannschaft durch herausragende Leistungen auf dem Platz. Doch das ist einerseits kaum möglich, weil der Bundestrainer angesichts der Dauerbelastungen ständig seine Startformation neu zusammenstellt und dabei nicht erst beim mühsamen 1:0 gegen Tschechien auf eine B-Elf setzen musste. Sondern auch, weil sich Löw das nachvollziehbare, aber aktuell eben kaum vermittelbare Recht herausnimmt, die wenige Zeit mit seinen Auserwählten zum Experimentieren zu nutzen und dabei der Qualität der Auftritte ebenso wie den Ergebnissen keine größere Bedeutung zuschreibt.

Vermutlich hätten alle Beteiligten mehr von einem reinen Lehrgang ohne sinnfreie Länderspiele, die im schlimmsten Fall zu Verletzungen wie beim Gladbacher Jonas Hofmann führen, der mit einem Muskelbündelriss mehrere Monate ausfallen dürfte. Trotzdem muss gespielt werden, weil der finanziell angeschlagene DFB jeden Cent der TV-Gelder für Länderspiele benötigt - und die Sender auf die Austragung der ihnen zugesagten Partien pochen, nachdem sie schon im Frühjahr auf vier abgesagte Begegnungen und die um ein Jahr verschobene EM-Endrunde verzichten mussten.

Trödel statt DFB-Team: "Horst Lichter schlägt Jogi Löw"

In der Konsequenz führt das dann zu unansehnlichem Fußball vor unansehnlicher Geisterspiel-Kulisse, den nur noch die absoluten Hardcore-Fans konsumieren. Gegen Tschechien wurde ein historischer Tiefstwert von 5,4 Millionen TV-Zuschauern verzeichnet, sodass die bessere Quote der parallel laufenden Trödelsendung "Bares für Rares" für zahlreiche spöttische Bemerkungen sorgte. "Horst Lichter schlägt Jogi Löw", titelte sogar die sonst so trockene FAZ.

Zuvor hatte schon Oliver Bierhoff vor allem in den sozialen Medien viel Spott über sich ergehen lassen müssen, weil sein vermutlich als eine Art Ruckrede an die Fußball-Nation gedachter Auftritt am Montag eher als Klagelied wahrgenommen wurde. In einem gut 15-minütigen Monolog beschwerte er sich über die negative "Tonalität" und dass "eine dunkle Wolke über die Mannschaft geschoben wird".

Diese Wolke allerdings hängt eben schon sehr viel länger über der DFB-Auswahl und nun ist es angesichts der äußeren Umstände beinahe unmöglich, schnell wieder für gut Wetter zu sorgen. Die Nationalmannschaft spielt in der aktuellen Lage einfach keine Rolle für die übergroße Mehrheit der Fußballinteressierten und daran wird sich frühestens bei der EM im nächsten Sommer etwas ändern - falls das Turnier überhaupt stattfindet.

Radikallösung: Nationalmannschaft nur für WM und EM

Die Radikallösung, der inzwischen vermutlich sogar eine Mehrheit zustimmen würde, wäre, die Nationalmannschaften nur noch einmal im Jahr am Saisonende praktisch als krönenden Höhepunkt zu einer WM oder EM zusammenkommen zu lassen. Das wäre natürlich völlig konträr zu den Ideen von FIFA-Chef Gianni Infantino, der die Welt ja am liebsten mit noch mehr sportlich fragwürdigen Turnieren überziehen möchte.

Ein Teilzeit-Trainer für solch ein Projekt würde sich sicher finden lassen, vielleicht sogar Hansi Flick. Im Gegensatz zu Deutschland hat es das bei anderen Nationen schon sehr häufig gegeben, oft auch erfolgreich. Etwa beim späteren HSV-Meistermacher Ernst Happel, der als Coach des FC Brügge die Niederlande erst richtig nach der Saison 1977/78 übernahm und dann ins WM-Finale führte.

Zwar würde ein solches Teilzeit-Modell die Suche nach einem neuen Bundestrainer erleichtern, wenn der "ewige" Löw irgendwann aufhören sollte. Doch allein aus finanziellen Gründen wird sich der DFB nicht auf dieses Gedankenspiel einer Nationalelf als reiner Turniermannschaft einlassen, weil dadurch pro Länderspiel mehrere Millionen an Einnahmen in der leeren Verbandskasse fehlen würden.

Daher wird der stetig Erosionsprozess in die Bedeutungslosigkeit sehr wahrscheinlich weitergehen. Auf dem Papier wird es die Nationalmannschaft weiter geben, aber außerhalb der Turniere werden sich noch mehr Fußballfans abwenden. Und angesichts der Umstände sind Löw und Bierhoff die Hände gebunden, diesen rasanten Imageverlust aufzuhalten.

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