Fussball

Jürgen Klinsmann im Interview: "Alle Welt schaute auf den Kaiser. Das nahm uns Spielern den Druck"

Von Naim Beneddra
Klinsmann und Beckenbauer wurden 1990 in Rom Weltmeister.

Im exklusiven Gespräch mit SPOX und Goal spricht Ex-DFB-Coach Jürgen Klinsmann anlässlich des 30. Jahrestages des WM-Finales von 1990 am 8. Juli über das Turnier, Franz Beckenbauer und den Einfluss seiner früheren Trainer auf sein eigenes Coaching.

 

Jürgen Klinsmann (56) über ...

... die Bedeutung des WM-Titels 1990 für ihn:

"Ich glaube für einen Fußballer ist es das Größte, bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Wenn du dann noch den Titel gewinnst, bleibt das natürlich für immer in Erinnerung. In diesem Moment denkst du aber nicht darüber nach, was gerade passiert ist. Du willst einfach nur Party machen und feiern. Erst nach der aktiven Karriere, und wenn dich Menschen aus anderen Ländern immer wieder auf diesen Erfolg ansprechen, realisierst du, dass das etwas ganz Besonderes war. Es ist eine Auszeichnung, wenn du erkannt oder daran erinnert wirst."

... die Tatsache, dass Deutschland beide vorherigen WM-Finals (1982 & 1986) verloren hatte:

"Franz Beckenbauer hatte dem Team zur WM 1990 ein komplett neues Gesicht gegeben. Jede Weltmeisterschaft schreibt ihre eigene Geschichte. Selbstverständlich hat es uns geholfen, dass Beckenbauer schon 1986 DFB-Trainer gewesen ist. Dadurch konnte er Dinge, die damals nicht so gut gelaufen waren, anders machen. Für uns als Team war es natürlich trotzdem besonders, weil wir das erste Mal als vereintes Deutschland eine WM bestritten. Auch wenn Spieler aus den neuen Bundesländern noch nicht mitspielen durften, hatten wir das Gefühl, dass ganz Deutschland wieder zusammen war. Es war ein Titel für das gesamte Land."

... den Moment, als die Mannschaft realisierte, dass sie Weltmeister werden könnte:

"Wir sind sehr selbstbewusst ins Turnier gegangen und haben uns sehr gut gefühlt. Das Eröffnungsspiel gegen Jugoslawien war dann der Startpunkt, mit dem wir ein Ausrufezeichen setzten, auch für andere Teams. Wir signalisierten damit, dass wir bereit waren und den Titel gewinnen wollten. Dieses Selbstbewusstsein hat uns dann durch das gesamte Turnier getragen."

Jürgen Klinsmann: "Ich habe das Spiel gegen die Niederlande sehr genossen"

... das Achtelfinalspiel gegen die Niederlande:

"Das war natürlich ein besonderes Spiel, in dem wir uns für die Halbfinal-Niederlage bei der EM 1988 revanchieren konnten. Wir reden hier von einem Team rund um Spieler wie Ronald Koeman, Ruud Gullit, Marco Van Basten oder Frank Riijkard. Das Problem war, dass die Niederlande ihre Gruppe nicht gewannen und deshalb schon im Achtelfinale auf uns trafen. Dieses Spiel hätte ohne Frage auch das Finale sein können. Am Ende hatten wir einfach das Glück auf unserer Seite, die Holländer hatten am Anfang zwei, drei Riesenchancen, dann veränderten die Roten Karten gegen Frank Rijkaard und Rudi Völler (Rijkaard hatte Völler angespuckt, die Red.) die Dynamik des gesamten Spiels: Zwei Spieler weniger auf dem Feld, ich war plötzlich alleine in der vordersten Reihe und viele in Deutschland sagen, dass dies mein bestes Spiel für die deutsche Nationalmannschaft gewesen ist. Ich hatte so viel Platz für meine Läufe und ich liebte es als Spieler einfach, zu rennen. Ich habe dieses Spiel wirklich sehr genossen. Wir gewannen 2:1, kamen ins Viertelfinale. Aber klar ist: Dieses Spiel hätte einen späteren Zeitpunkt im WM-Turnier verdient gehabt."

Klinsmann: "Niemand kann Beckenbauer und Pele das Wasser reichen"

... Beckenbauers Rolle beim WM-Triumph:

"Franz Beckenbauer war damals und ist heute noch die größte deutsche Fußball-Legende und ein fantastischer Trainer. International kann ihm lediglich Pele das Wasser reichen. Nach wie vor sind diese beiden die außergewöhnlichsten Spieler der Geschichte. Natürlich können wir über Ronaldo und Messi sprechen, natürlich wären da noch Maradona und Johan Cruyff: Aber für mich persönlich kann keiner von ihnen Beckenbauer und Pele das Wasser reichen als Botschafter des Spiels. Sie haben den Fußball geprägt und beeinflusst wie sonst niemand. Beckenbauer gewann nicht nur als Spieler den WM-Titel, er führte uns auch als Teamchef zum Triumph. Später brachte er Deutschland die WM 2006 und war unser weltweiter Botschafter. Bis heute ist Beckenbauer eine beeindruckende Persönlichkeit.

Als Trainer war er sehr detailverliebt, und war immer sehr gut vorbereitet auf die Gegner, gab uns sehr genaue Informationen über die Stärken unserer Gegenspieler und ihrer taktischen Ideen. Auch seine zwei Assistenten Holger Osieck und Berti Vogts waren geradezu versessen auf Details. Wir wussten daher immer, dass wir sehr gut vorbereitet sein würden, egal, gegen wen es gehen sollte.

Dazu kam, dass alle Welt auf Franz, den Kaiser, blickte und auch die Medien sich vor allem auf ihn stürzten. Dadurch nahm er durch seine Persönlichkeit viel Druck von uns Spielern. Wir als Mannschaft konnten so weitgehend im Hintergrund sein und uns erholen: immer, wenn vor unseren Mannschaftsquartier zu viele Kameras und Journalisten waren, waren sie für Franz da. Es war wirklich eine wundervolle Erfahrung, Franz Beckenbauer als Teamchef gehabt zu haben."

Klinsmann: "Während der WM 2006 wurde Menotti fast zum Deutschland-Fan"

... den Einfluss des Titelgewinns 1990 auf sein Coaching bei der Heim-WM 2006:

"Ich habe definitiv viel von Franz Beckenbauer oder später Berti Vogts gelernt. Während jedem Turnier kann man den eigenen Trainer, seinen Staab und alle anderen Abteilungen genau beobachten. Du siehst wie die Trainer mit all diesen Dingen umgehen und ein Team durch so eine Weltmeisterschaft führen. Ich hatte das Glück, in sechs Turnieren, drei Welt- und drei Europameisterschaften mitspielen zu dürfen. All diese Erfahrungen haben mir, als ich dann selbst Coach der Nationalmannschaft war, definitiv geholfen.

Ich habe auch während meiner gesamten Trainerkarriere immer erfahrenere Trainer nach ihrer Meinung gefragt. Als ich zum Beispiel die USA trainiert habe, hatte ich immer Berti Vogts an meiner Seite. Während der WM 2006 besuchte mich sogar Cesar Luis Menotti in München und wir hatten eine zweistündige Diskussion über Taktik. Er schrieb sogar alles auf ein Blatt Papier und wurde fast zum Deutschland-Fan, weil wir sehr Attraktiven und angreifenden Fußball spielten. Noch heute schaue ich während der Champions League Trainern wie Pep Guardiola, Carlo Ancelotti oder Jose Mourinho zu und frage mich, was sie anders machen, was sie verändern, welche Probleme sie haben.

Du bleibst auch als Trainer immer ein Studierender des Spiels und du versuchst immer, weiterzulernen. Während meiner Karriere habe ich außergewöhnliche Trainer wie Giovanni Trapattoni, Osvaldo Ardiles, Cesar Luis Menotti, Beckenbauer, Aarie Hahn, Arsene Wenger oder Otto Rehhagel, gehabt und auch diese habe ich immer wieder um Rat gefragt. Als ich die Gelegenheit bekam, die DFB-Elf trainieren zu dürfen, sind all diese Erfahrungen in mein eigenes Coaching eingeflossen und ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Unglücklicherweise waren wir 2006 nicht in der Lage den Titel zu gewinnen. Dennoch denke ich, dass wir viele Fans in Deutschland stolz gemacht haben."

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