Der lange Weg nach Kiew

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Bundestrainer Joachim Löw (M.) setzt weiter auf die Jugend
© Getty

Tolle Testspielgegner, Ressourcen wie noch nie und die nächste Verjüngung auf Rezept: Die deutsche Nationalmannschaft geht bestens gerüstet in die EM-Saison.

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Wenn die deutsche Nationalmannschaft am Mittwoch (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) die neue Saison gegen Rekord-Weltmeister Brasilien einläutet, dann beginnt streng genommen auch schon der Countdown zur Europameisterschaft im nächsten Sommer in Polen und der Ukraine.

In der EM-Qualifikationsgruppe A liegt Deutschland fast uneinholbar vorn, lediglich ein Sieg aus drei Spielen fehlt noch zu Platz eins und der damit verbundenen direkten Qualifikation für das Endturnier. Bereits in vier Wochen, nach dem Heimspiel gegen Österreich, könnte es so weit sein.

Eine sehr komfortable Situation für Bundestrainer Joachim Löw, der lieber heute als morgen ohne den ganz großen Wettbewerbsdruck an der Weiterentwicklung der Mannschaft feilen will. Das Quartier in Polen ist bereits gefunden, im Danziger Stadtteil Sopot direkt an der Ostsee wird der DFB-Tross wohl unterkommen.

EM-Tickets werden ab jetzt vergeben

Der Rahmen scheint perfekt, ab sofort geht es für rund 40 Spieler darum, sich bis Mai nächsten Jahres in Stellung zu bringen. Und für den Bundestrainer darum, die tollen Voraussetzungen für das ganz große Ziel zu nutzen: Den EM-Titel 2012. Auf dem beschwerlichen Weg dorthin bedarf es aber noch einiger Korrekturen.

Obwohl Deutschland letztes Jahr in Südafrika schon die drittjüngste Mannschaft aller Teilnehmer stellte, wird die Altersschnitt des Teams bis zum Auftaktspiel am 8. Juni 2012 wohl nochmal nach unten korrigiert.

Eine handvoll hoffnungsvoller Talente hat die letzte Saison genutzt und sich in den Fokus gespielt, andere haben den Sprung in die Mannschaft fast schon geschafft. Mats Hummels etwa, oder Benedikt Höwedes. Sie verdrängen die nur unwesentlich ältere Generation von Spielern wie Heiko Westermann oder Andreas Beck für's Erste.

Dahinter lauern bereits Ilkay Gündogan, Sven Bender, Marco Reus, Mario Götze, Andre Schürrle oder Kevin Großkreutz. Sie sind die Protagonisten des schleichenden Umbruchs, der sich bisher geräuschlos vollzieht, dessen glückliches Ende für die Kandidaten aber noch lange nicht feststeht.

Serdar Tasci, Marcell Jansen, Piotr Trochowski, Marko Marin oder Stefan Kießling sind derzeit zwar keine Option für den Kader, aus dem Gedächtnis des Bundestrainers aber noch längst nicht gestrichen. Im Konkurrenzkampf gegenüber den jüngeren Emporkömmlingen sind sie jetzt aber in der Bringschuld.

Überraschungen sind möglich

"Ich lasse die Tür lange offen", sagt Löw. Sicher erinnert er sich an die tückische Vorbereitung auf die WM im letzten Jahr, als Löw quasi im Wochentakt ein Spieler nach dem anderen verletzungsbedingt wegbrach und die Mission einen denkbar ungünstigen Auftakt erlebte.

Zudem will er auch Spieler nicht jetzt schon vor größtenteils vollendete Tatsachen stellen, die derzeit noch gar nicht im Dunstkreis der Nationalmannschaft gehandelt werden, unter Umständen aber noch enorm wichtig werden können. Zum Beispiel der sehr interessante Torhüter Marc-Andre ter Stegen oder Schalkes Hoffnung Julian Draxler.

Der DFB-Formcheck: ter Stegen macht Druck

"Die Erfahrung hat gezeigt, dass gerade in Turnierjahren Spieler auf sich aufmerksam machen, die man vor Saisonbeginn gar nicht so im Blickfeld hatte", sagt Löw.

Neue Schwerpunkte

Die Verjüngung auf Rezept geht für den Bundestrainer einher mit der Justierung der Spielausrichtung. Deutschland soll lernen, noch dominanter aufzutreten. Und es muss sich in den nächsten Monaten auch das letzte Quäntchen wieder erarbeiten, das weit weniger talentierte deutsche Mannschaften bis ganz nach vorne gebracht hat: Die Mannschaft braucht in den entscheidenden Phasen die gewisse Siegermentalität.

Vor lauter Jugend- und Personen-Hype scheint die grundlegende Tugend etwas in Vergessenheit. "Wir müssen intern die Schwerpunkte neu ausrichten. Und ein Schwerpunkt ist die mentale Stärke", mahnte auch Sportdirektor Matthias Sammer jüngst im Interview mit SPOX.

"Momentan klopfen uns zu viele auf die Schulter für unsere Spielweise. Früher haben sie uns auf die Schulter geklopft, weil wir Titel gewonnen haben. Wir müssen da einen guten Mittelweg finden."

Die Blockbildung aus großen Teilen von Münchenern und Dortmunder Spielern, die fast alle schon Meister waren und Erfahrung in der Champions League gesammelt haben beziehungsweise bald sammeln werden, kann da von Vorteil sein.

Bei der Niederlage der Bayern gegen Mönchengladbach standen acht potenzielle deutsche Stammspieler in der Anfangsformation, dazu kämen im besten Fall fünf Dortmunder Spieler - was deutlich mehr als 50 Prozent der Kaderstärke entspräche.

Ähnlich wie bei Welt- und Europameister Spanien, dessen Gros des Teams aus Spielern vom FC Barcelona und Real Madrid besteht.

Ziel: Der EM-Titel in Kiew

"Insgesamt hat sich die personelle Situation für mich in den letzten zwei, drei Jahren erheblich verbessert", sagt Löw und setzt sich damit selbst unter Druck. Er hat die Verantwortung dafür, dass aus dem vermutlich facettenreichsten Reservoir aller Zeiten am Ende die beste Mannschaft Europas geformt wird.

Die nächsten Monate müssen auch Antworten auf ein paar konkreten Fragen bringen: Wer spielt rechts in der Viererkette, wie sieht die Innenverteidigung aus? Behauptet Miroslav Klose seinen Platz im Sturm und braucht die Mannschaft neben dem bewährten 4-2-3-1 noch ein anderes eingespieltes System für bestimmte Spielsituationen?

Immerhin hat auch Teammanager Oliver Bierhoff so gut wie noch nie vorgearbeitet. Gesetzt den Fall, Deutschland qualifiziert sich als Gruppenerster und umgeht damit die Playoffs Mitte November, haben es die feststehenden Gegner bis Februar in sich.

Nach Italien und Uruguay, gegen die die Mannschaft in diesem Jahr schon ran durfte, warten auch noch die Niederlande und Frankreich, dazu noch die beiden ambitionierten EM-Gastgeber Polen und die Ukraine zu Testzwecken. Und natürlich am Mittwoch die Brasilianer.

"Mit großen Nationen als Gegner bieten wir unseren Spielern eine höhere Motivation und einen anderen sportlichen Stellenwert", erklärte Bierhoff bereits im Januar gegenüber SPOX die Politik, die Qualität statt Quantität vorsieht.

Die Voraussetzungen sind allesamt erfüllt für eine erfolgreiche Saison. Am 1. Juli nächsten Jahres soll sie beim Finale in Kiew ihre Erfüllung erfahren.

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