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Fussball

FC Bayern München schlägt Dynamo Kiew: Ansichten der Familie aus Frankfurt

Beim dominanten 5:0-Sieg des FC Bayern München gegen Dynamo Kiew wurden Leroy Sane und Niklas Süle von den Fans mit Sprechchören gefeiert. Das unterstrich die beachtliche Entwicklung der beiden - und zeigte außerdem, was während der Geisterspiele gefehlt hat.

Als das Champions-League-Spiel gegen Dynamo Kiew längst gewonnen war und die Frage nur mehr lautete, wie hoch der Sieg denn nun ausfallen würde, da dachten etliche Fans des FC Bayern in der Allianz Arena an den tief gestürzten Stadtrivalen. Voller Inbrunst sangen sie kurz vor Schluss das allseits beliebte Lied von der Bayernliga und den Giesinger Bauern, die dort mit der S-Bahn aufs Land fahren würden.

Faktisch korrekt ist das natürlich nicht mehr, ihnen sei gesagt: Der TSV 1860 spielt längst wieder in der professionellen 3. Liga, am vergangenen Samstag stand sogar eine Auswärtsreise ins ferne Verl (Nordrhein-Westfalen) an. Abgesehen von diesen Frotzeleien lieferten Bayern-Fans im Rahmen des beeindruckend dominanten 5:0-Sieges gegen Dynamo Kiew aber auch durchaus rührende Momente.

25.000 Zuschauer waren in der Allianz Arena zugelassen, erstmals bei einem Champions-League-Spiel in München seit Dezember 2019. Seit fast zwei Jahren! Durchgängige Gesänge, Getrommel und Gehüpfe gab es wie bei den bisherigen drei Bundesliga-Heimspielen nicht. Hauptverantwortlich dafür wären bekanntlich die Ultras, die noch nicht in ihre Südkurve zurückgekehrt sind.

Die anwesenden Fans zeigten stattdessen zwei Spielern ihre Zuneigung, denen das nach harten Zeiten ganz besonders gut getan haben dürfte: Leroy Sane und Niklas Süle. Die Huldigungen bestätigten die beiden als Protagonisten des Abends - und damit machten sich die Fans ein kleines bisschen selbst zu Protagonisten. Es wurde deutlich, wie sehr das Konzept der Sofort-Rückmeldung von den Rängen an die Spieler während der Geisterspiele gefehlt hat. Pfiffe, Applaus und Sprechchöre von Fans können Entwicklungen beeinflussen und sogar Themen setzen.

Leroy Sanes erstaunliche Entwicklung seit dem Köln-Spiel

Und damit zum Spiel: In der 6. Minute eilte Leroy Sane nach dem Fehler eines Kollegen engagiert zurück und erkämpfte den Ball. Szenenapplaus! In der 37. holte er mit einem seiner vielen tollen Dribblings einen Freistoß heraus. "Leroy! Leroy!"-Sprechchöre. Später bereitete er Serge Gnabrys 3:0 stark vor und besorgte mit einer missglückten Flanke das 4:0 selbst. Wieder: "Leroy! Leroy!" Sane war der auffälligste Spieler des FC Bayern, mit seinen Ideen ein steter Aktivposten.

Die Reaktionen von den Rängen scheinen ihn in seinem Tun bestätigt zu haben, genau wie ihn die Pfiffe im August wohl zum Nachdenken gebracht haben. Beim 3:2 gegen den 1. FC Köln wurde er ausgepfiffen und zur Halbzeit ausgewechselt, es war damals das erste Bundesligaspiel in München mit Fans seit Pandemiebeginn. Für Sane waren die Pfiffe nicht nur die Rückmeldung für eine schwache Einzelleistung, sondern auch zusammenfassend für seine durchwachsene Premierensaison. Mangelhaftes Abwehrverhalten wurde ihm genauso vorgeworfen wie generelle Lustlosigkeit.

Seit diesem Köln-Spiel habe Sane laut seinem Trainer aber "absolut die richtigen Schritte unternommen". Julian Nagelsmann selbst trug dazu bei, indem er Sane von rechts nach links beorderte. Außenverteidiger Alphonso Davies hält dort regelmäßig die Position an der Linie, weswegen Sane als Freigeist vermehrt ins Zentrum stoßen kann. Innerhalb kürzester Zeit mauserte sich Sane vom ausgepfiffenen Sündenbock zum besungenen Publikumsliebling. Eine Dramaturgie, die es ohne Fans nicht gegeben hätte.

Niklas Süle überzeugte in ungewohnter Rolle

Mit Niklas Süle wurde die Sprechchor-Ehre am Mittwoch noch einem zweiten Spieler zuteil, der harte Zeiten hinter sich hat. Nach dem im Herbst 2019 erlittenen Kreuzbandriss suchte er schier endlos nach Topform, Fitness und Stammplatz. Wiedergefunden hat er all das erst unter seinem alten und neuen Trainer Nagelsmann.

In der aktuellen Saison spulten bisher nur Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Thomas Müller mehr Pflichtspielminuten als er ab. Süle ist der große Gewinner des Trainerwechsels. Bisher kam er stets als zuverlässiger Innenverteidiger zum Einsatz, gegen Kiew testete ihn Nagelsmann erstmals als so etwas wie einen Rechtsverteidiger.

Als echten Rechtsverteidiger hatte ihn in der vergangenen Saison vereinzelt auch schon Hansi Flick eingesetzt. Gegen Kiew agierte Süle aber nur bei kontrolliertem gegnerischem Ballbesitz als Rechtsverteidiger. Und dazu kam es äußerst selten. Ansonsten baute er entweder in einer Dreierkette mit Dayot Upamecano und Lucas Hernandez das Spiel auf - oder stürmte selbst nach vorne.

Anders als Pendant Davies auf links hielt Süle dabei aber nicht die Linie, sondern zog diagonal in die Mitte Richtung Sechzehner-Ecke. Außen schuf er damit Räume für Flügelstürmer Gnabry, innen ließ er seine technischen Fähigkeiten aufblitzen. Ab und an bewegte er seinen 1,95 Meter großen Körper ins Dribbling, zweimal schloss er ab und in der 56. streichelte er den Ball mustergültig zu Leon Goretzka, der dann aber drüber schoss.

Manuel Neuer: Niklas Süle? "Die Fans mögen ihn"

Als wollte Nagelsmann alle Beteiligten auf diese Vorstellung einstimmen, hatte er Süle schon vor dem Spiel als "herausragenden Fußballer" gepriesen. Er erzählte die Geschichte, wie Süle einst als "gelernter Zehner" aus Frankfurt zur TSG Hoffenheim gekommen war, wo er ihn dann höchstpersönlich zum Innenverteidiger umschulte. "Das Zehnergen" habe Süle aber immer noch in sich, gegen Kiew bewies er diese Abstammung zur Genüge.

Die Fans würdigten seine Leistung mit Sprechchören, in der Schlussphase und auch noch einige Minuten nach Abpfiff. Süle klatschte beseelt zurück, gerechnet hatte er damit wohl genauso wenig wie sein Trainer. "Das kam schon überraschend", meinte Nagelsmann. "Aber Niki hat gesagt: Das war alles Familie aus Frankfurt."

Kapitän Neuer wusste nichts von der angeblichen Großfamilie, angesprochen auf die Sprechchöre erklärte er: "Die Fans mögen ihn und wollen, dass er weiter Spieler von Bayern bleibt. Und wir sind froh, dass wir ihn hier haben." Somit machte Neuer aus den Huldigungen der Fans gewissermaßen eine Botschaft an die Klubführung - denn Süles aktueller Vertrag läuft im kommenden Sommer aus.

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