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Thomas Tuchel bei PSG: Erst der Beste, jetzt der Einsamste

Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Thomas Tuchel.

Ein Ausscheiden im Champions-League-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund (Mittwoch, ab 21 Uhr im LIVETICKER und im RE-LIVE auf DAZN) könnte das Aus für Thomas Tuchel bei Paris Saint-Germain besiegeln. Viele Argumente für eine Weiterbeschäftigung über den Sommer hinaus hätte er aber wohl auch bei einem erfolgreichen Ausgang des Spiels nicht mehr auf seiner Seite.

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Es ist gar nicht lange her, da kam Nasser Al-Khelaifi gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus, als er über Thomas Tuchel redete. "Wir haben den besten Trainer der Welt", sagte der Präsident und Eigentümer von Paris Saint-Germain im September 2019 beim TV-Sender Telefoot. Tuchel hatte damals gerade erst sein fünftes Ligaspiel nach seinem Amtsantritt hinter sich gebracht. Mehr als die maximale Punktausbeute imponierte dem Katarer die Arbeitsweise des Nachfolgers von Unai Emery. Die Akribie, mit der Tuchel zu Werke gehe, mache Lust auf mehr.

Heute, etwas mehr als eineinhalb Jahre später, ist wenig übrig von dieser Euphorie. Al-Khelaifi spricht zwar selten mit der Presse, er hätte dieser Tage aber wohl auch nicht viel Positives über Tuchel zu erzählen. Der hoch gelobte Trainer wirkt bei PSG mittlerweile ziemlich einsam. Schenkt man der französischen Sportpresse Glauben, gibt es nur wenige Spieler im Kader, die noch hinter dem 46 Jahre alten Schwaben stehen.

Wie angespannt, wie toxisch das Binnenklima ist, wurde seit dem Jahreswechsel mehrfach deutlich, als sich einige Mitglieder aus dem Starensemble der Franzosen in aller Öffentlichkeit über ihren Vorgesetzten echauffierten. "Innerhalb der Umkleidekabine verstehen einige die personellen Entscheidungen von Tuchel nicht", sagt PSG-Korrespondent Benjamin Quarez von Goal aus Frankreich, der täglich über den Klub berichtet.

Schicksalsspiel gegen BVB: "Scheidet PSG aus, ist Tuchel weg"

Zu diesen Spielern zählt allen voran Kylian Mbappe, Weltmeister und Liebling der Fans, der Tuchel in zwei Spielen den Handschlag verweigerte, weil dieser sich wagte, ihn in den Schlussminuten vom Feld zu nehmen. Auch der nicht weniger von sich selbst überzeugte Neymar outete sich als Tuchel-Kritiker, indem er nach dem Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen Borussia Dortmund motzte, sein Trainer habe ihn im Vorfeld viel zu lange geschont, weshalb er nicht seine Bestform habe erreichen können.

Hinzu kommen angeblich Probleme mit Stoßstürmer Mauro Icardi, noch so einem großen Ego, der Tuchel laut französischen Medienberichten körperlich angegangen habe, nachdem dieser ihm einen Einsatz von Anfang an verwehrte. Und der meist nur noch von der Bank kommende Icardi-Konkurrent Edinson Cavani schiebt gegen die gesamte sportliche Führung Frust, weil sie ihn im Januar nicht zu Atletico Madrid ziehen ließ.

Es sind viele dieser Nebenkriegsschauplätze, die dem Trainer, aber auch der gesamten Mannschaft das Leben gehörig erschweren. Die 1:2-Pleite in Dortmund hätte ob des blutleeren Auftritts von PSG durchaus um zwei Tore höher ausfallen können. So brauchen die Franzosen auch ohne die Unterstützung ihrer Fans kein Wunder, um den Spieß im heimischen Prinzenpark umzudrehen. Bleibt die erhoffte Aufholjagd gegen Tuchels Ex-Klub aus, dürfte er spätestens im Sommer seine Koffer packen. "Scheidet PSG aus, ist er weg", ist sich auch PSG-Experte Quarez sicher.

Werden die PSG-Egos Tuchel so oder so zum Verhängnis?

Tuchel wurde in der vergangenen Saison zwar Meister und belegt auch heuer mit seinem Team klar den ersten Platz der Ligue 1, für die Bosse um Al-Khelaifi geht es nach neun Jahren der aberwitzigen Investitionen in Höhe von über einer Milliarde Euro um nichts anderes als den Gewinn der Königsklasse. Eine Mission, die schon im Achtelfinale der zurückliegenden Spielzeit krachend gegen ein klar unterlegenes, aber von so manchem PSG-Spieler auch klar unterschätztes Manchester United fehlschlug. Eine Mission, die in Anbetracht der aktuellen Atmosphäre innerhalb der Mannschaft noch weniger aussichtsreich erscheint.

Tuchels Chancen auf eine Weiterbeschäftigung über den Sommer hinaus gelten aber auch unabhängig vom Abschneiden auf dem internationalen Parkett als unwahrscheinlich. Erst recht dann, wenn "Problemspieler" wie Mbappe oder Neymar an der Seine bleiben. Dass mindestens einer der Topstars nach der Saison einen neuen Weg einschlägt, ist jedoch alles andere als unrealistisch. Mbappe wird von Real Madrid umworben, Neymar wollte schon im vergangenen Sommer zurück zum FC Barcelona.

PSG-Chef Al-Khelaifi dürfte alles unternehmen, um das zu verhindern - und dafür zur Not den Mann opfern, der vor nicht allzu langer Zeit noch "der beste Trainer der Welt" war. Quarez meint: "Ich kann mir PSG mit Tuchel in der nächsten Saison nur schwer vorstellen. Im Fußball ist aber alles möglich."

Die Bilanz von Thomas Tuchel bei PSG

Spiele98
Siege76
Unentschieden9
Niederlagen13
Eingesetzte Spieler43
Titel3
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