Fussball

Tottenham-Star Heung-Min Son im Interview: "Es ist nicht einfach, bodenständig zu bleiben"

Von Daniel Herzog
Heung-Min Son wechselte 2015 von Leverkusen nach Tottenham.

Heung-Min Son trifft am Dienstagabend (21 Uhr live auf DAZN) mit Tottenham Hotspur in der Champions League auf den FC Bayern München. Im Vorfeld der Begegnung mit dem deutschen Rekordmeister nahm sich der südkoreanische Superstar, der in Deutschland reifte, Zeit für ein Interview mit SPOX und DAZN.

Ein Gespräch über das frühe Loslassen der Heimat, kuriose Bestrafungsmethoden des Vaters und die Verbundenheit zu Hamburg.

Außerdem verrät der 27-Jährige, warum er Tottenham nach nur einer Saison bereits wieder verlassen wollte - und warum die Familienplanung erst einmal hintenansteht.

Herr Son, vor rund einer Woche fand die Weltfußballer-Wahl statt. Lionel Messi hat wieder einmal das Rennen gemacht. Eine nachvollziehbare Entscheidung?

Heung-Min Son: Ich habe mir die Weltfußballer-Wahl angeschaut. Ich glaube schon, dass Lionel Messi zurecht gewonnen hat. Letztlich hätte es jeder der drei nominierten Spieler verdient gehabt. Auch Cristiano Ronaldo und Virgil van Dijk haben jeweils eine herausragende Saison gespielt. Es ist traurig, dass nur einer am Ende gewinnen kann.

Obwohl es die Spurs in der vergangenen Saison bis ins Champions-League-Finale geschafft haben, stand mit Harry Kane nur ein Tottenham-Spieler in den Top-Ten. Wie bewerten Sie das?

Son: Das ist schade, weil wir in der vergangenen Saison Unglaubliches geleistet haben. Aber es gibt nun einmal so viele tolle Fußballspieler, die ebenfalls verdientermaßen in diesem Ranking auftauchen.

Träumen Sie davon, eines Tages Weltfußballer zu werden?

Son: Jeder, der mit dem Fußballspielen anfängt, hat diesen Traum, da bin ich mir sicher. Auch ich träume davon, eines Tages Weltfußballer zu werden. Deshalb arbeite ich auch so hart.

Haben Sie auch deshalb im Gespräch mit dem Guardian erklärt, dass sie nicht heiraten wollen, solange sie Fußball spielen?

Son: Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich mich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren möchte. (lacht) Ich liebe den Fußball so sehr und weiß, dass man diese Zeit im Leben nur einmal hat. Das möchte ich voll und ganz genießen. Natürlich ist Familie auch sehr wichtig. Dafür habe ich aber ganz viel Zeit, wenn ich kein Profi mehr bin.

In Ihrer Heimat sind Sie vermutlich populärer als jeder andere Fußballer, zählen laut Forbes zu den zehn einflussreichsten Südkoreanern. Ist Ihnen das manchmal unheimlich?

Son: Nein, ich bekomme eigentlich kaum etwas davon mit. Die meiste Zeit bin ich in London, beziehungsweise in Europa unterwegs. Es ehrt mich aber natürlich trotzdem, dass die Menschen in Südkorea mich so sehr unterstützen.

Son: "Ich konnte weder Englisch noch Deutsch"

Ihr Weg nach ganz oben begann beim HSV, konkret im nahegelegenen Norderstedt, wo das Jugendleistungszentrum steht. Wie viel wussten Sie über Norderstedt, bevor Sie dort ankamen?

Son: Ehrlich gesagt wusste ich gar nichts über Norderstedt. Ich bin nach Hamburg geflogen und habe im Internat trainiert. Dort gab es immer wieder den gleichen Tagesablauf. Vormittags bin ich zur Schule gegangen, nachmittags kehrte ich zurück ins Internat und trainierte, danach bin ich ins Bett gegangen. Das sind die Erinnerungen, die ich an Norderstedt habe.

Wie schwer fiel Ihnen die kulturelle Umstellung, die der Wechsel mit sich brachte?

Son: Ich war 16 Jahre alt, als ich nach Deutschland gewechselt bin. Man weiß nie, was einem bevorsteht, vor allem dann nicht, wenn man noch so jung ist. Es ist mir sehr schwergefallen, meine Familie zu verlassen. Ich konnte weder Englisch noch Deutsch, das war komplett neu für mich. Ich habe aber dann den Entschluss gefasst, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Das ist mir glücklicherweise schnell gelungen.

Ebenso wie Ihr Aufstieg bei den Hamburgern.

Son: Ja, das ging alles sehr schnell. Ich durfte bereits als 17-Jähriger mit den Profis mittrainieren. Das war einfach geil.

Warum haben Sie den Sprung im Gegensatz zu einigen anderen Jugendspielern, die damals ebenfalls aus Südkorea nach Hamburg gewechselt waren, geschafft?

Son: Ich wollte unbedingt dortbleiben. Ich habe immer davon geträumt, in Europa zu spielen. Es war nicht immer leicht, aber ich habe so hart dafür gekämpft, diesen Schritt zu machen. Hilfreich war auch, dass Trainer und Mitarbeiter am Internat mir dabei geholfen haben, mich schnell einzuleben.

Wie groß ist der Anteil Ihres Vater an dem erfolgreichen Werdegang?

Son: Sehr groß. Er hat mich damals regelmäßig in Hamburg besucht, das hat mir gutgetan. Auch heute dreht sich alles um Fußball, wenn wir miteinander sprechen.

Dementsprechend stolz war er sicherlich auch nach ihrem Bundesliga-Debüt?

Son: Das war er vielleicht innerlich, er hat es mir aber nicht gezeigt. (lacht) Er hat mich stattdessen kritisiert und gesagt, dass ich noch viel härter an mir arbeiten muss. Er wollte, dass ich mich nicht von anderen Dingen ablenken lasse. Deshalb hat er mir nach diesem Spiel den Laptop weggenommen.

Hat Sie das wütend gemacht?

Son: Nein, gar nicht. Mein Vater wollte mir immer vorleben, wie wichtig es ist, immer auf dem Boden zu bleiben. Diese Bodenständigkeit versuche ich mir bis heute zu bewahren. Obwohl das manchmal gar nicht so einfach ist.

Ihr Debüt hatten Sie unter Armin Veh, allerdings gilt Michael Oenning als Ihr Entdecker. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Son: Wir haben regelmäßig Kontakt. In der letzten Saison hat er mich sogar in London besucht und ein Spiel von mir gesehen. Michael Oenning war sehr wichtig für mich.

Wie haben Sie den Abstieg des HSV in die zweite Bundesliga miterlebt?

Son: Ich verfolge das Geschehen immer noch. Als Ex-Hamburger hat mir das sehr wehgetan. Diese geilen Fans und diese geile Stadt haben es einfach verdient, in der Bundesliga zu spielen. Deshalb hoffe ich, dass sie in der kommenden Saison wieder erstklassig sind. Ich werde sie von London aus unterstützen, aber ich weiß nicht, ob das hilft. (lacht)

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