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Fussball

"Klopp in der höchsten Kategorie angekommen"

Von Interview: Haruka Gruber
Jürgen Klinsmann ist Nationaltrainer des US-Teams
© imago

Dortmund bereits in Barca-Sphären? Jürgen Klinsmann rät Dortmund und Jürgen Klopp zu einem neuen Selbstverständnis. Die Premier League bekommt hingegen eine Breitseite ab. Der US-Nationaltrainer und Hyundai-Markenbotschafter im Interview über das Champions-League-Finale (Sa., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER), die Hochachtung vor Deutschland und Thomas Müllers Faszination.

SPOX: In London stehen sich mit Bayern und Dortmund zwei deutsche Mannschaften gegenüber. Bahnt sich eine Verschiebung der Machtverhältnisse in Europa an?

Jürgen Klinsmann: Mit Begriffen wie Machtverhältnisse habe ich immer ein Problem. Und man darf auch nicht vergessen, dass Borussia Dortmund gegen Malaga schon so gut wie ausgeschieden war. Aber es ist trotzdem beeindruckend, mit welcher Klasse die beiden Mannschaften die Champions League absolviert haben. Und ich halte die derzeitigen Verhältnisse auch für mehr als nur eine Momentaufnahme. Im Ausland guckt man voller Respekt und Hochachtung auf die Bundesliga.

SPOX: In England wird diskutiert, ob das enttäuschende Abschneiden der heimischen Klubs eine Ausnahme war - oder doch ein Vorbote eines Trends. Muss die Premier League aufpassen, nicht abzurutschen?

Klinsmann: Es ist auf alle Fälle nicht zu unterschätzen. Aus England kamen in den vergangenen Jahren fußballerisch wenige Impulse. Der Sieg von Chelsea in der vergangenen Saison war ja mit wenig Glanz oder Neuerungen verbunden. In dieser Saison zeigten sich in den entscheidenden Momenten die deutschen Teams am fittesten - mit Abstand. Vielleicht sollte man sich in England oder Spanien Gedanken machen, den Spielplan etwas zu verschlanken. In England gibt es vier Wettbewerbe, in Spanien wird Pokal mit Hin- und Rückspiel ausgetragen. Und beide Länder spielen anders als die Bundesliga mit mehr als 18 Teams in der Punkterunde.

SPOX: Wie groß ist Ihr Anteil am Aufstieg des deutschen Fußballs? Schließlich haben Sie in Ihrer Amtszeit als Nationaltrainer einige Prozesse angestoßen?

Klinsmann: Ich gehöre nicht zu denen, die Anteil an Entwicklungen für sich reklamieren müssen. Um eine solche Entwicklung einzuleiten, an deren Ende zwei deutsche Mannschaften im Finale der Champions League stehen, sind viele Faktoren notwendig.

SPOX: Nämlich?

Klinsmann: Die Basis legte sicherlich der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, in dem er die Jugendleistungszentren für die Bundesligavereine als Grundlage für die Lizenzen erklärt hatte. Damit wurde die Jugendarbeit in den Vereinen extrem forciert. Dann kamen junge, auch mutige Trainer, die der Jugend vertrauten und ihnen die notwendigen Chancen auf hohem Niveau gaben. Einen großen Anteil hat zudem die Ausrichtung der beiden Weltmeisterschaften 2006 und 2011. Somit entstand eine große Begeisterung für den Fußball und ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten in der Bundesliga.

SPOX: Wer ist Ihr persönlicher Spieler der Champions-League-Saison? Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Klinsmann: Es waren in dieser Saison weniger die Spieler als die Teams. Kein Messi, kein Ronaldo - sondern Bayern und Dortmund. Der Teamgedanke hat sich durchgesetzt.

SPOX: Im SPOX-Interview vor der Saison hatten Sie Dortmund als möglichen Überraschungssieger der Champions League auf dem Zettel. Damals standen Sie mit Ihrer Meinung noch ziemlich alleine da. Wie kamen Sie dazu?

Klinsmann: Stimmt, irgendwie hatte ich Dortmund immer auf dem Zettel. Wer die Bundesliga so dominiert wie Borussia Dortmund in den vergangenen beiden Jahren, der kann auch die Champions League gewinnen. In der vergangenen Saison hatte Dortmund so viel Pech in der Champions League - ich fand den Fußball der Dortmunder aber auch in dieser Zeit herausragend.

SPOX: Was gefällt Ihnen am Fußball des BVB unter Klopp?

Klinsmann: Die Begeisterung, den Elan, das Tempo und die Überzeugung. Dortmund hat einige Spieler, die auch bei höchster Geschwindigkeit der Konkurrenz technisch überlegen sind.

SPOX: Sollte Klopp in die höchste Kategorie der Trainer vorstoßen wollen: Muss er in absehbarer Zeit zu einem renommierten Klub wechseln?

Klinsmann: Wer mit Borussia Dortmund zweimal Deutscher Meister wurde, Pokalsieger, jetzt im Champions League-Finale steht, ist für mich schon in der höchsten Kategorie angekommen. Wir müssten bei dieser Frage erst mal definieren: Was ist renommiert? Und was macht das für die Arbeit eines Trainers aus? Ein großer Trainer ist man auch, wenn man in Dortmund etwas ganz Großes aufbaut.

SPOX: Kann sich Dortmund auf Dauer auf Augenhöhe mit Bayern, Barca und Real positionieren?

Klinsmann: Warum nicht? Wir reden hier nicht über einen einjährigen Höhenflug. Im Gegenteil: Dortmund spielt schon drei Jahre auf diesem Niveau. Die Borussia muss nicht nach Madrid oder Barcelona schielen, sondern den eigenen Weg weitergehen. Sie haben einen Erfolgsfußball definiert, der in diese Region und zu dem Umfeld passt - das ist doch eine wunderbare Sache. Das wissen auch die Verantwortlichen.

SPOX: Was zeichnet wiederum die Bayern aus? Wie sehr hat Sie vor allem das 3:0 im Camp Nou beeindruckt?

Klinsmann: Es war jetzt weniger ein Spiel, das mich beeindruckt hat, sondern die Tatsache, dass man dieses hohe Niveau über die ganze Saison gezeigt hat. Das ist eine großartige Leistung.

SPOX: Wie sehr braucht die Generation Lahm/Schweinsteiger den internationalen Titel als Krönung der Karriere?

Klinsmann: Am Ende einer Laufbahn bleiben vor allem die Titel. Es gibt sicherlich auch große Spieler, die in ihrer Laufbahn keine oder wenige Titel holten. Aber in diesem speziellen Fall kommt hinzu, dass die Bayern-Spieler jetzt relativ oft ganz nah am Titel dran waren. Gerade deswegen würde bei der Generation ein internationaler Titel die Karriere komplett machen.

SPOX: Thomas Müller debütierte unter Ihnen beim FC Bayern. Die ausländische Presse ist regelrecht fasziniert von seiner Spielweise. Was macht ihn so einzigartig?

Klinsmann: Auf diesem Niveau ist fast jeder Spieler weltweit einzigartig. An Thomas Müller fasziniert mich vor allem seine Unbekümmertheit. Er ist für den Gegner kaum auszurechnen und deshalb auch ganz schwierig zu stoppen.

SPOX: Ihr Tipp fürs Finale?

Klinsmann: Ich habe es geahnt, dass diese Frage noch kommt. Es ist ein einziges Spiel, bei dem viele Unwägbarkeiten passieren können und irgendwie würden solche Unwägbarkeiten auch zu diesem Finale und dem Verlauf der Champions-League-Saison passen. Aber aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre geht Bayern als Favorit in dieses Finale.

Jürgen Klinsmann im Steckbrief

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