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Fussball

Der Wadlbeißer für die letzten Prozente

Von David Kreisl
Javi Martinez (l.) im Duell mit Andres Iniesta während des Halbfinales der Königsklasse
© getty

Der Erfolg des FC Bayern München in der Saison 2012/2013 trägt viele Namen, keiner ist dabei aber so groß geschrieben wie der von Javi Martinez. Trotz des Drucks der irrsinnigen Ablösesumme von 40 Millionen Euro auf seinen Schultern entwickelte sich Bayerns Rekordzugang zum vielleicht wichtigsten Puzzlestück der Münchner Übersaison.

Es war schon spät, als er als einer der letzten den Bauch des Stadions verließ. Javi Martinez schlenderte gerade aus dem Inneren des Wembley-Stadions in Richtung Mannschaftsbus, bis ihn drei an der Absperrung stehende und wild gestikulierende spanische Journalisten in Beschlag nahmen. Die aufgelösten Reporter hielten ihrem Landsmann einer nach dem anderen ihr Mobiltelefon hin. Am anderen Ende die Redaktion in der Heimat.

Zuerst winkte er ab, schließlich war er spät dran. Doch die Penetranz der spanischen Kollegen zahlte sich aus. Und so tigerte Martinez kurz nach dem größten Erfolg seiner noch jungen Karriere in der Tiefgarage von Wembley vor den Journalisten auf und ab und gab in Allerseelenruhe ein Interview nach dem anderen.

Der fehlende Wadlbeißer

Das, was in den Stunden zuvor im inneren des Stadions passiert war, war ein Abziehbild der außergewöhnlichen Debütsaison des Spaniers in Reihen der Roten. Spiele wie das Champions League Finale gegen Dortmund sind die Spiele, für die man den Spanier geholt hat. Spiele, in denen den Münchnern in den letzten Jahren die entscheidenden Prozente fehlten.

Martinez schafft es, diese Prozente abzuliefern und den Unterschied auszumachen. Er ist der "Wadlbeißer", den Uli Hoeneß im verlorenen Finale 2012 vermisst hatte. Er füllte die letzte Lücke, die den Münchnern zur Weltspitze gefehlt hatte. Und das, obwohl sein Start schwieriger nicht hätte sein können.

"Bin nie im Leben 40 Millionen wert"

Die Rekordsumme von 40 Millionen Euro, die der FC Bayern nach wochenlangem Tauziehen um den 24-Jährigen an Athletic Bilbao überwies, wurde nach der Verkündung des Transfers in jedem Satz erwähnt, in dem auch der Name Javi Martinez vorkam. Der mediale Rummel war gewaltig, die Erwartungen ob der hohen Ablösesumme enorm. Eine vermeintlich große Last für einen bescheidenen Jungen, der sich für die Ablöse fast schon schämte: "Ich bin nie im Leben 40 Millionen Euro wert. Kein Fußballer ist so viel Geld wert, erst recht nicht ich."

Und so war bei vielen die Skepsis groß. Denn so schön sich Martinez' Vita mit einem EM- und einem WM-Titel in jungen Jahren auch las, so war auch klar, dass er bei beiden Turnieren insgesamt nur 43 Minuten auf dem Platz stand.

Säule, Garant, Schlüssel

Der sympathische Baske, der wegen der hohen Ausstiegsklausel angeblich auf zwei Millionen Euro Gehalt im Jahr verzichtet, hatte also eine schwierige Aufgabe vor sich, ohne auch nur eine Minute das Trikot des FC Bayern getragen zu haben. Und das nach einer absoluten Mammutsaison - mit dem Wechseltheater in den letzten Tagen bei Bilbao und ohne Pause wegen Reisen mit der Nationalmannschaft zur EM und zu den Olympischen Spielen.

Deshalb baten die Verantwortlichen bei der Vorstellung des Neuen im August vor allem eines: Zeit. Martinez sei "eine Investition in die Zukunft", wie Jupp Heynckes auf der Pressekonferenz beteuerte. Wie nah diese Zukunft sein sollte, hätten sich die Verantwortlichen wohl selbst nicht träumen lassen.

Aus der Investition für kommende Spielzeiten ist einer der wichtigsten Säulen und größten Garanten des Erfolgs der Gegenwart geworden. Der gnadenlose Durchmarsch in der Liga, die beeindruckende Leistung in der Königsklasse mit dem so lange ersehnten Champions-League-Sieg, das historische Triple im Blick: Beim Aufstieg des FC Bayern München zur momentan besten Mannschaft der Welt spielt Javi Martinez eine immens wichtige Rolle.

Überragendes Finale

Im Finale gegen den BVB kam Martinez, wie der Rest der Bayern, gegen furios aufspielende Dortmunder nicht gut ins Spiel. Doch mit einer sensationellen Balleroberung nach gut zwanzig Minuten gegen Sven Bender platzte der Knoten nicht nur bei Martinez, sondern der ganzen Mannschaft. Was dann bis zum Schlusspfiff vom Sechser folgte, war schlicht und einfach weltklasse.

Es waren nicht nur die zahlreichen wichtigen Balleroberungen des "Ball Stealers", wie ihn Uli Hoeneß bezeichnet. Martinez hatte eine Passquote von 100 Prozent und spielte seine Rolle, wie schon in beiden Halbfinalspielen gegen Barcelona, ohne eine Gelbe Karte zu kassieren.

Entlastung für Schweinsteiger

Er ist nicht nur deswegen der perfekte Partner für Bastian Schweinsteiger, weil er ihm den Rücken frei hält, so dass das "Gehirn der Bayern" frei schalten und walten kann. Mit Martinez an seiner Seite kann sich der Vizekapitän der Bayern auch Mal einen Durchhänger erlauben, ohne dass das Spiel der ganzen Mannschaft darunter leidet.

Ein Luiz Gustavo ist trotz seiner unbestreitbar hohen Qualität im defensiven Bereich sehr abhängig von Taktgeber Schweinsteiger, weil ihm selbst die Mittel zur Spielgestaltung fehlen. Javi Martinez bringt diese Eigenschaften nicht nur technisch mit und kann das Spielgeschehen selbst lenken und bestimmen, sondern auch das Spiel an sich reißen. Er ist "der geborene Anführer", wie ihn Spaniens Nationalcoach Vincente del Bosque schon vor dem Wechsel zum FCB bezeichnete.

Vom Raubein zum Mastermind

Seine Vielseitigkeit macht ihn so wertvoll für das Team und ist ein Grund, warum man gerade auch den besten Schweinsteiger aller Zeiten bewundern kann. Dabei ist es erstaunlich, wie schnell sich der Spanier etablierte und was für einen Reifeprozess er mit dem Wechsel bis heute durchmacht.

In La Liga war er als junger Wilder und Raubein verschrien, sammelte in der Primera Divison in 201 Spielen stattliche 58 Gelbe Karten und flog fünf Mal vom Platz. Von einer tickenden Zeitbombe war in den spanischen Medien die Rede, die sich die Bayern da ins Haus geholt hätten.

Doch die Befürchtungen der iberischen Presse bewahrheiteten sich nicht. Ganz im Gegenteil: Die tickende Zeitbombe hat sich selbst entschärft und ist in einer Mannschaft voller Weltstars nach kürzester Zeit in deren Riege aufgestiegen. Javi Martinez ist mit seinem Wechsel fußballerisch erwachsen geworden.

Sahen am Anfang der Saison noch einige Aktionen unglücklich aus, ist Martinez mittlerweile ein Mastermind im defensiven Mittelfeld und sorgt für die Balance im Bayernspiel. Mit dem Spielverständnis, dass er wie er selbst sagt bei der Ausbildung zum Innenverteidiger gelernt hat, erkennt und schließt er Räume, unterbindet Angriffe und ganze Spielzüge oft schon durch das Zustellen von Passwegen. "Er ist ein kompletter Spieler, er hat fast das ganze Spielfeld im Auge", so del Bosque, der Martinez mittlerweile in das spanische Aufgebot für den Confed-Cup berufen hat.

"Mit so einem Mann gewinnst du Schlachten"

Durch seine herausragende Antizipation fing er in dieser Bundesligasaison so viele Bälle des Gegners ab wie kein anderer Spieler. Wenn es zum Duell mit einem Gegenspieler kommt, verfügt der 24-Jährige über eine sensationelle Balleroberungstechnik und ein starkes Zweikampfverhalten. Zudem ist er trotz seiner schlacksig wirkenden Art schnell. "Mit so einem Mann gewinnst du Schlachten", drückte es Franz Beckenbauer, der der Legende nach Martinez beim ersten Hören für eine Kaffeesorte hielt, etwas martialisch aus.

Auch in der Luft ist Martinez eine Bank. In der vergangenen Bundesligasaison gewann der Spanier 76 Prozent seiner Kopfballduelle - der beste Wert aller Bundesligaspieler

Dass das nicht nur eine Aufzählung theoretischer Fähigkeiten ist, bewies Martinez dieses Jahr mit Nachdruck. Bis auf das Rückspiel gegen Juventus, als er wegen einer Gelbsperre zuschauen musste, verdiente sich der Kaiser, wie er in seiner Heimat aufgrund seiner eleganten, an Franz Beckenbauer erinnernden Spielweise genannt wurde, in allen Spielen der Königsklasse vom Viertelfinale bis zum Endspiel Bestnoten. Auch im Liga-Hinspiel gegen den BVB und im Pokalviertelfinale war Martinez mit bester Akteur auf dem Feld. Es sind eben genau diese Spiele, für die man ihn geholt hat.

Ablöse schon jetzt zurück gezahlt

Und es sind genau diese Spiele, die in der Meisterschaft, dem Champions-League-Titel und vielleicht sogar dem historische Triple enden, mit denen Martinez seine Ablöse schon nach 271 Tagen beim FC Bayern mehr als zurückgezahlt hat .

Und so stand Javi Martinez in der Nacht des 25. Mai mit dem dritten iPhone hintereinander am Ohr in den Katakomben des Wembley-Stadions. Geduldig genug, alle Interviewfragen zu beantworten.

Doch irgendwann war damit auch Schluss, schließlich war er schon spät dran. Also gab er dem spanischen Journalisten das Handy zurück und schlich Richtung Mannschaftsbus. Vielleicht mit an Bord: Die goldene Generation des FC Bayern, in der ein Spanier eine Hauptrolle spielt.

Javi Martinez im Steckbrief

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