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Fussball

Endlich Teil der Allerbesten

Von Thomas Gaber
Endlich am Ziel: Philipp Lahm (l.) und Bastian Schweinsteiger
© getty

Lahm und Schweinsteiger waren in der Vergangenheit oft unpässlich, wenn große Titel vergeben wurden. Der Champions-League-Sieg war eine Befreiung für die Bayern-Kapitäne, aber auch für den gesamten Verein.

Arjen Robben kam einen Tick zu spät. Neven Subotic hatte den günstigeren Laufweg, er war auf der Innenbahn, als der Ball von Thomas Müller in den Fünfmeterraum gepasst wurde. Mit einer perfekt getimten Grätsche schaufelte der Dortmunder Verteidiger den Ball weg, Robben hatte das Nachsehen.

Knapp 40 Meter weiter hinten sackte ein Bayern-Spieler in diesem Moment zusammen. Bastian Schweinsteiger fiel auf die Knie, legte seinen Kopf auf den heiligen Wembley-Rasen und stülpte die Arme drüber. Exakt in dieser Körperhaltung lag Schweinsteiger auch am 19. Mai 2012 auf dem Münchner Rasen nach dem verlorenen Finale gegen Chelsea.

Damals war alles verloren, auch weil Schweinsteiger im Elfmeterschießen an Petr Cech gescheitert war. Doch offenbar hatte Bayerns zweiter Kapitän ein Deja-vu in London in dieser 72. Minute. Nicht schon wieder scheitern. Nicht wieder kurz vor dem Ende.

Schweinsteiger setzte die Pleite im Finale 2012 extrem zu, kein anderer Bayern-Spieler brauchte so lange, um aus der Schockstarre zu kommen. "Ich habe auch Monate danach noch an dieses Spiel denken müssen. Und es war jedes Mal hart, wenn ich daran gedacht habe", sagte Schweinsteiger noch in der Woche vor dem Finale gegen Dortmund.

Unpässlich zur Crunch-Time

Die Angst vor dem erneuten Versagen lähmte die Beine der Bayern in Wembley, in der Anfangsphase waren gerade Schweinsteiger und Philipp Lahm davon befallen. Lahm spielte Fehlpässe in Serie, verlor zwei Laufduelle gegen Reus, weil er die jeweilige Situation zu spät erkannte und stand bei Dortmunds erster Großchance durch Kuba falsch.

Schweinsteiger ließ sich sehr tief fallen und spielte zu Beginn einen dritten Innenverteidiger. Seine Pässe erreichten Dante und Boateng, statt vertikal oder diagonal ging es zurück oder quer. Schweinsteiger wirkte gehemmt, auch bedingt durch einen kleinen Unfall beim Aufwärmen, als er von Mario Mandzukic am Knöchel getroffen und behandelt werden musste.

"Der Druck war immens am Anfang", erläuterte Lahm, "wir waren nicht locker und sind schwer ins Spiel gekommen." Er und Schweinsteiger haben den FC Bayern über Jahre geprägt, beide gewannen mehrere Meistertitel (Lahm 5, Schweinsteiger 6) und DFB-Pokaltitel (Lahm 4, Schweinsteiger 5) und erreichten zwei Champions-League-Finals. Als Führungsspieler, als Kapitäne.

Doch sie standen eben auch für die Generation, die den Weg nicht zu Ende gehen kann, wenn die großen Preise vergeben werden. Die Generation, die unpässlich ist zur Crunch-Time. Bei Bayern und in der Nationalmannschaft.

Oliver Kahn unterstelle Lahm und Schweinsteiger einst, nur "Anpassung und Konsens" zu suchen, sich also mehr um ihr Image zu kümmern, statt Leuchttürme darzustellen mit echten Leaderqualitäten.

Schluss mit dem Gewäsch

Lahm hat stets betont, dass sich Fußballer über Titel definieren. Und große Fußballer über große Titel.

"Wir haben im letzten Jahr viel einstecken müssen. Bastian und mir ist es endlich gelungen, einen internationalen Titel zu holen. Und ob eine Generation eine goldene ist, entscheiden solche Titel. Daran mussten wir uns messen lassen und jetzt hat es geklappt", sagte Lahm in der Sieger-Nacht.

Auch Sportvorstand Matthias Sammer ist froh, "dass dieses Gewäsch jetzt aufhört, Bastian und Philipp könnten nur nationale Titel sammeln. Dieser Titel ist für beide unglaublich wichtig."

Endlich auch international ganz oben

Das kann man auf den gesamten Verein übertragen. Zweite Plätze passen nicht ins Weltbild des FC Bayern, der sich schwertut Nebenbuhler zu dulden. Die Arbeit bei Borussia Dortmund wird in höchstem Maß respektiert, der Versuch des BVB, den Bayern den Spitzenplatz streitig zu machen, aber mit Blasphemie gleichgesetzt.

International beansprucht der FC Bayern zwar nicht, alleine am Gipfelkreuz zu sitzen, aber man will auch nicht zu der Gruppe gehören, die auf halbem Weg wieder umkehren muss.

Die Konkurrenz hat die Bayern schon nach den Viertel- und Halbfinalspielen der Champions League in den Himmel gelobt. Juve-Coach Antonio Conte verglich die Bayern mit einem Wolkenkratzer, sein Torhüter Gianluigi Buffon wähnte sie schon vor dem Finale zwei Stufen über allen anderen europäischen Topklubs.

Aber erst durch den Finalerfolg sind die Bayern legitimiert, zum Kreis der Allerbesten zu zählen. Wie sehnsüchtig sie diesem Titel nachgejagt sind, wurde bei seiner Bankett-Rede von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge deutlich.

"Ich bin ja jetzt lange schon dabei. Aber ich habe das so genossen wie nie zuvor, wie die Mannschaft erst die Medaillen und dann diesen Pokal entgegengenommen hat. Meine Frau hat zu mir gesagt, ich hätte ausgesehen, als wenn ich meine eigenen Söhne umarmt hätte. Mir treibt es gerade etwas die Tränen in die Augen..."

Goldene Regel: Öfter aufstehen als hinfallen

Im Moment des größten Sieges seit dem CL-Titel 2001 erinnerte sich Rummenigge an die vielleicht schmerzhafteste Niederlage der Vereinsgeschichte. "Das Finale dahoam ist jetzt ein Jahr her. Ich bin damals an Heerscharen von Fans vorbeigezogen, habe in die Gesichter geschaut und mir gedacht: Was für ein Schock hat diesen Klub gerade erreicht? Und wie verkraften wir das?"

Mit der Hilfe neuer Spieler, mit einem neuen Sportchef und einer neuen Aufbruchstimmung, die für Rummenigge mit dem "Sport-Comeback des Jahres" endete.

Für Matthias Sammer liegt der Hauptgrund des Triumphes in der perfekten Symbiose zwischen Geist und Sport. "Sie haben zusammen ein Paar gebildet. Und das so, dass du einfach unschlagbar sein musst. Die Qualität hatten wir, aber jetzt, von den Mitarbeitern an der Geschäftsstelle angefangen, ist ein unglaublicher Geist da. Das war entscheidend."

Erfolg könne man nur haben, wenn man Sammers goldene Regel beachte. "Du musst immer einmal mehr aufstehen im Leben, als du hingefallen bist."

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