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Fussball

Das Heiligtum des Barcelonismus

Von Für SPOX in Barcelona: Andreas Lehner
Mythos und Magie: Das Camp Nou ist immer wieder für besondere Momente gut
© getty

Die einzige Hoffnung, die der FC Barcelona vor dem Rückspiel gegen den FC Bayern (Mi., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) noch hat, heißt Camp Nou. Das Stadion besitzt etwas Mystisches, die Katalanen glauben an die Macht ihrer Arena. Der Zauber wirkte schon oft, zuletzt aber nur noch selten.

Es gibt ein Wort, das den FC Barcelona während seines Triumphzugs in den letzten Jahren durch Europa begleitete: Remontada, die Aufholjagd. Immer wieder musste Barca an die Wende nach einem verlorenen Hinspiel auswärts im heimischen Stadion herbeiführen.

Zuletzt gelang dies gegen den AC Milan im März dieses Jahres. 4:0 hieß es am Ende, in Mailand war Barca beim 0:2 noch chancenlos. Ein 4:0 bräuchten die Katalanen auch am Mittwoch gegen den FC Bayern, um sich wenigstens in die Verlängerung zu retten. Für den Einzug ins Finale muss gar ein Sieg mit fünf Toren Unterschied her.

Eine schier aussichtslose Situation, selbst für eine Mannschaft, die in den letzten Jahren den Weltfußball dominiert hat. Der letzte Strohhalm an den sich alle klammern, heißt Camp Nou. Was so viel bedeutet wie "neues Feld". Es war ein provisorischer Name, doch der offizielle Titel "Estadi del FC Barcelona" konnte sich nie durchsetzen. Erst eine Mitgliederabstimmung zur Saison 2000/01 legte Camp Nou als offiziellen Titel fest.

60.000 bei der Grundsteinlegung

Das 1957 eröffnete Stadion im Stadtteil Les Corts ist ein Mythos, eine Pilgerstätte für alle Anhänger und das Zentrum des Barcelonismus. Und wenn der FC Barcelona laut seinem Motto (Mes que un club) mehr als ein Klub ist, nämlich das laut dem Schriftsteller Manuel Vazquez Montalban "unbewaffnete Heer Kataloniens", dann ist das Camp Nou das zentrale Heiligtum des Katalanismus.

Barca bestreitet hier nicht nur Spiele, sondern feiert auch jeden Titelgewinn vor vollen Rängen und präsentiert dort seine neuen Stars. Zur Vorstellung von Zlatan Ibrahimovic kamen 2009 rund 45.000 Zuschauer, die Grundsteinlegung am 28. März 1954 bezeugten 60.000 Menschen.

Seitdem hat das Stadion einige Veränderungen hinter sich. Das ursprünglich angedachte Fassungsvermögen von 150.000 Zuschauern wurde nie erreicht, 120.000 Menschen hatten auf dem Höhepunkt Platz. Jetzt gibt Barca das Fassungsvermögen mit 98.772 Plätzen an, bei internationalen Plätzen dürfen 96.636 Zuschauer rein.

Das Märchen vom großen Platz

Ein weiterer Mythos sind die Maße des Spielfelds. Viele Spieler und Beobachter haben das Gefühl, dass der Platz im Camp Nou deutlich größer, aber zumindest breiter ist, als in vielen anderen Stadien.

Laut offiziellen Angaben Barcas wurde das Feld aufgrund der Richtlinien der UEFA auf 105x68 Meter verkleinert. Die gleichen Maße besitzt auch der Platz in der Allianz Arena. Die enormen Ausmaße des Stadions tragen aber zur unterschiedlichen Wahrnehmung bei.

Kein Märchen ist dagegen die außerordentlich gute Qualität des Rasens, der vor dem Spiel und in der Halbzeit bewässert wird. Eine Grundvoraussetzung für Barcas Ballbesitzspiel. "Im Camp Nou schneiden sie das Gras mit der Schere. Das Feld ist wie ein Billardtisch", sagt Patrick Kluivert, der von 1998 bis 2004 selbst für Barca spielte.

Friedhofsstimmung im Camp Nou

Wie bei vielen Spitzenvereinen in Europa ist allerdings die Stimmung auch im Camp Nou nicht immer herausragend. Da das Camp Nou direkt gegenüber des "Cementiri de les Corts", dem Friedhof, liegt, ist oft auch von einer Friedhofsstimmung die Rede.

Das Publikum ist verwöhnt und sehr kritisch. Das schöne Spiel wird in Barcelona ab und zu über das Ergebnis gestellt. Es kann schon vorkommen, dass Zuschauer selbst bei einer klaren Führung zur Halbzeit das Stadion verlassen, weil sie mit dem Spiel ihrer Mannschaft nicht zufrieden sind.

Dazu kommen die vielen Touristen, die die Atmosphäre im Camp Nou erleben wollen, selbst aber wenig bis nichts dazu beitragen. Das Camp Nou gehört neben den Bauwerken von Andoni Gaudi zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

44 Siege mit vier oder mehr Toren Unterschied

So ist zwar die Aura des größten Stadions in Europa bei jedem Spiel beeindruckend, seine wahre Magie versprüht es aber vor allem zu besonderen Anlässen. Dazu gehören natürlich die Clasicos gegen Real Madrid und historische Europapokalnächte.

Einen Vier-Tore-Rückstand hätten die Katalanen erst einmal aufholen müssen. 1962 im Finale des Messe-Pokals. Einem 2:6 in Valencia gelang zuhause nur ein 1:1. Immerhin siegte Barca in 235 Europacupspielen schon 44 Mal mit vier oder mehr Toren Unterschied. Darunter sind auch drei Siege gegen deutsche Teams: 7:1 gegen Leverkusen (2012), 4:0 gegen Stuttgart (2010) und gegen Bayern (2009).

Außerdem drehte Barca schon drei 0:3-Hinspielniederlagen: 1977/78 gegen Ipswich Town, 1978/79 gegen RSC Anderlecht und 1985/86 gegen IFK Göteborg. Der Blick in die Geschichtsbücher hilft also, um die Hoffnung am Leben zu halten.

Gutes Omen für Bayern?

Die Fans haben den Glauben an die "Remontada" gegen Bayern noch nicht aufgegeben, auch wenn der Klub deutlich zurückhaltender damit umgeht als in den letzten Jahren. Die Anhänger sind dagegen der Meinung: Was gegen Milan gelang, ist auch gegen Bayern möglich.

Am Mittwoch werden sie die dritte Choreographie der aktuellen Saison zelebrieren. 90.000 rote, blaue und gelbe Zettel werden vor Spielbeginn ein Mosaik formen, das die katalanische Flagge, die Farben Barcas und den Schriftzug "Barca! Orgull! Barca!" (Barca! Stolz! Barca!) zeigt.

In den ersten Minuten wird im Stadion die Hölle los sein, ein schnelles Tor könnte die Massen weiter beflügeln. Die Bayern müssen genau das verhindern, Milan schaffte es nicht.

Wie es geht, zeigten der FC Chelsea (2012) und Inter Mailand (2010) in ihren Halbfinalspielen. Beide verteidigten einen weitaus weniger komfortablen Vorsprung, als ihn die Bayern haben, mit großen Defensivleistungen und auch etwas Glück verteidigten. Ein gutes Omen für den deutschen Meister: Sowohl Inter als auch Chelsea ließen dem Erfolg über Barca den Champions-League-Titel folgen.

Der FC Barcelona in der Übersicht

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