"Sie konnten treiben, was sie wollten"

Von Interview: Haruka Gruber
Machen momentan unruhige Zeiten durch: Die Spieler von Zenit St. Petersburg um Star Hulk (l.)
© Getty
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SPOX: Über welche Kontakte bekam Beiersdorfer den reizvollen Job bei Zenit?

Lyapin: Das weiß ich leider nicht. Es ist eine sehr interessante Frage.

SPOX: Die Zenit-Führungsstruktur ist nicht einfach zu durchschauen. Vor wem muss sich Beiersdorfer verantworten?

Lyapin: Der offizielle Präsident heißt Alexander Dyukow, quasi ein Abgesandter von Geldgeber Gazprom. Dazu gibt es mit Maxim Mitrofanow einen sehr jungen Generaldirektor, der Hand in Hand mit Beiersdorfer arbeitet. Der große Boss ist jedoch Alexei Miller, der CEO von Gazprom. Bei den allerwichtigsten Themen wird Beiersdorfer direkt zu Miller berichten.

SPOX: Seit dem Doppelwechsel Hulk/Witsel wurde keines der drei Liga-Spiele gewonnen und zum Champions-League-Auftakt setzte es ein 0:3 in Malaga. Müssen Beiersdorfer und Spalletti schon jetzt zittern?

Lyapin: Nein, davon gehe ich nicht aus. In Westeuropa gibt es Vorurteile, wobei speziell Gazprom und Miller nicht so ungeduldig sind, wie man das angesichts der Ausgaben vermuten könnte. Beiersdorfer und Spalletti werden ihre Zeit bekommen. Die Verantwortlichen wissen, dass dieser Sommer nur der erste Schritt sein kann. Sie sehen es als sehr großen Erfolg an, wenn in dieser Saison das Champions-League-Viertelfinale erreicht werden würde.

SPOX: Wirklich?

Lyapin: Man muss die Ausgaben für Hulk und vor allem Witsel richtig verstehen. Natürlich war jeder sehr überrascht, dass Zenit für einen Belgier, der ein Jahr zuvor nur neun Millionen Euro gekostet hatte, 40 Millionen Euro ausgibt. Witsel ist ein toller Fußballer, aber es gibt Spieler seiner Kategorie schon für 15, 20 Millionen Euro. Zenit ging es vor allem darum, eine Botschaft an die ganze Welt zu richten: "Seht her, wir meinen das ernst!" Die russische Liga verpflichtet seit einigen Jahren gute Namen aus Westeuropa. Allerdings sind diese Spieler entweder nicht so bekannt wie Danny oder sie bereiten sich langsam auf das Karriereende vor. Hulk und Witsel sind hingegen im besten Fußballer-Alter.

SPOX: Wie stark ist Zenit mit Hulk und Witsel?

Lyapin: Vom Talent her muss Zenit mindestens das Champions-League-Achtelfinale erreichen. Ich schätze St. Petersburg stärker ein als der nächste Gegner Milan (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) und Anderlecht. Selbst in Malaga war Zenit nicht so chancenlos, wie das 0:3 klingt. Es lag vor allem an den individuellen Fehlern der Abwehrspieler, die nur spielen, wenn andere fehlen. Bruno Alves und Aleksandar Lukovic waren furchtbar und Malaga hätte drei Tore mehr schießen können. Normalerweise spielt in der Innenverteidigung Nicolas Lombaerts für Alves und hinten links Domenico Criscito für Lukovic.

SPOX: Sind in den nächsten Transferperioden weitere Blockbuster-Transfer denkbar?

Lyapin: Spätestens jetzt sieht man, warum Zenit unbedingt Schalkes Kyriakos Papadopoulos wollte. Lombaerts ist im Abwehrzentrum gesetzt, Nebenmann Tomas Hubocan, ein Slowake, ist nur solide und nicht viel mehr. Bruno Alves darf ohnehin nur noch im Notfall ran. Daher wird St. Petersburg bereit sein, für einen Innenverteidiger und vielleicht einen Mittelstürmer richtig zu investieren.

SPOX: Welche Kandidaten gibt es?

Lyapin: Zenit zeigt auffällig viel Interesse an Spielern aus Schalke, vielleicht liegt das an Beiersdorfer oder an Gazprom als gemeinsamer Sponsor. Papadopoulos hat sich für die Vertragsverlängerung auf Schalke entschieden, aber dass Spalletti einen Klaas-Jan Huntelaar gerne haben will, hat er bereits öffentlich bestätigt. Und nach Papadopoulos' Absage ist für die Abwehr Benedikt Höwedes ein Thema.

SPOX: Kann man davon ausgehen, dass Zenit ab jetzt zu den Big Playern auf dem Transfermarkt gehört?

Lyapin: Was man sagen kann: Zenit wird nicht in jedem Sommer 100 Millionen Euro ausgeben, zumindest nicht für Stars aus Westeuropa. Das liegt an der Ausländerregel in der russischen Liga. In dieser Saison sind vier Ausländer auf dem Platz erlaubt, ab nächster Saison sind es fünf Ausländer. Und Stand jetzt besitzt Zenit bereits fünf Ausländer, die richtig stark und in einem guten Alter sind: Hulk, Witsel, Danny, Lombaerts, Criscito. Die anderen Ausländer wie Alves und Lumb werden abgegeben, dafür soll eben noch ein starker Innenverteidiger und wenn möglich Mittelstürmer kommen. Danach macht es keinen Sinn, noch mehr Ausländer zu holen. Daher wird sich St. Petersburg gezwungenermaßen auf den russischen Markt konzentrieren müssen. An ZSKA Moskaus Alan Dsagojew ist man schon lange dran und Lokomotive hat im Sommer für Denis Gluschakow von Zenit 20, 25 Millionen Euro gefordert.

SPOX: 20, 25 Millionen Euro für einen 25-jährigen Mittelfeldspieler, der in Westeuropa fast gänzlich unbekannt ist: Wie soll sich Zenit weiter verstärken, wenn das Financial Fair Play konsequent von der UEFA angewandt wird?

Lyapin: Ich sehe keine großen Probleme. Zenit wirtschaftet besser, als viele glauben, unter anderem ist das Marketing vorbildlich. Das wird in Westeuropa häufig unterschätzt. Und dann gibt es ja noch Gazprom im Rücken. Egal, wie die Regelung der UEFA am Ende umgesetzt wird, zur Not wird eben eine der vielen Zuliefererfirmen von Gazprom zum neuen Sponsor ernannt. Es gibt ausreichend Möglichkeiten, um die Millionen auf Zenit umzulegen.

Zenit-Experte Maxim Lyapin (26) ist Sport-Redakteur bei der führenden russischen Sport-Tageszeitung "Sovetsky Sport".

Zenit St. Petersburg im Steckbrief

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