Cookie-Einstellungen
Fussball

FC Bayern - Julian Nagelsmann experimentiert in Leipzig: Gratwanderung mit erster schöner Aussicht

Der Ex-Leipziger Nagelsmann (r.) erklärt dem Ex-Leipziger Sabitzer, wie gegen Leipzig zu spielen ist.

Mit dem 4:1 bei RB Leipzig hat der FC Bayern München den fünften Pflichtspielsieg in Folge gefeiert. Trainer Julian Nagelsmann experimentierte bei seiner Rückkehr an die alte Wirkungsstätte mit einer Dreieinhalberkette, die durchaus zukunftsträchtig sein könnte.

Beim Aufwärmen versteckte sich Marcel Sabitzer noch im blau-roten Aufwärmshirt seines neuen Klubs, das passenderweise in Camouflage-Muster gehalten ist. Wer nicht genau hinschaute, konnte es bei dieser Farbkombination statt für eine Münchner auch für eine Leipziger Uniform halten. Aufgeben musste Sabitzer die Tarnung erst bei seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit, als er im schwarzen Auswärtstrikot aufs Feld lief und von den Leipziger Fans seine Ration wütende Pfiffe erntete.

Sabitzer war gegen Ende der Transferphase für 15 Millionen Euro von RB Leipzig zum FC Bayern gewechselt und somit Innenverteidiger Dayot Upamecano sowie Trainer Julian Nagelsmann gefolgt. Für alle drei war das Topspiel am 4. Spieltag die erstmalige Rückkehr an die alte Wirkungsstätte, wo ihnen ihre Wechsel durchaus übel genommen werden.

Zu spüren bekam das als erstes Nagelsmann. Weil er sich vor dem Spiel nicht aufwärmte, bekam er folgerichtig auch kein Camouflage-Shirt. Stattdessen marschierte er ganz in schwarz zum Sky-Interview am Spielfeldrand - begleitet von dem ihm gewidmeten Pfeifkonzert. "Dass es ein paar Pfiffe gab bei meinem Weg, war gar nicht schlecht", scherzte Nagelsmann später. "Bei den schwierigen Fragen, denen ich gegenüberstand, war ich deshalb top fokussiert."

Top fokussiert präsentierte sich im Anschluss auch seine Mannschaft, die trotz ziemlich ebenbürtiger Leipziger nie ernsthaft in Not geriet und letztlich souverän mit 4:1 gewann. Robert Lewandowski brachte den FC Bayern per Handelfmeter früh in Führung (12.), nach der Pause legten Jamal Musiala (47.) und Leroy Sane (54.) nach. Konrad Laimer verkürzte zwischenzeitlich (58.), ehe Eric Maxim Choupo-Moting den Schlusspunkt setze (90.+1).

FC Bayern gegen Leipzig mit einer Dreieinhalberkette

Mit zehn von zwölf möglichen Punkten liegt der FC Bayern in der Tabelle nun auf Platz zwei und schon sieben Zähler vor Leipzig. Auf das 1:1 zum Bundesliga-Auftakt gegen Borussia Mönchengladbach folgten fünf Pflichtspielsiege in Folge. Dieser Triumphzug gibt Nagelsmann die Möglichkeit, ohne Störgeräusche und ganz behutsam eigene Ideen zu testen.

Er wolle "nicht alles auf den Kopf stellen", hatte der für seine taktische Experimentierfreudigkeit bekannte Trainer bei seiner Ankunft betont. Bisher vertraute Nagelsmann größtenteils auf die Ausrichtung von Vorgänger Hansi Flick, änderte hauptsächlich Kleinigkeiten wie eine höhere Positionierung von Leon Goretzka leicht versetzt vor Joshua Kimmich. Nach einem ersten Dreierketten-Experiment am 2. Spieltag gegen den 1. FC Köln (3:2), probierte es Nagelsmann nun mit einer besser funktionierenden Dreieinhalberkette.

Bei gegnerischem Ballbesitz bildeten Alphonso Davies, Lucas Hernandez, Dayot Upamecano und Benjamin Pavard meist eine Viererkette; bei eigenem Ballbesitz verließ Linksverteidiger Davies das Bündnis regelmäßig nach vorne. Bezahlt machte sich das mit etlichen gefährlichen Vorstößen, bei einem davon lieferte Davies den Assist zu Musialas Treffer zum 2:0.

Als Folge der Verschiebung rückte der nominelle Linksaußen Leroy Sane immer wieder in die Mitte und agierte als Freigeist um Robert Lewandowski herum. Eine Rolle, die ihm sichtlich behagte. Vor der Länderspielpause noch von den eigenen Fans ausgepfiffen, knüpfte Sane gegen Leipzig an seine starken Leistungen im DFB-Trikot an und erzielte sogar das 3:0.

DFB-Team: Hansi Flick setzte auf eine ähnliche Ausrichtung

Bei der Nationalmannschaft experimentierte Flick bei der vergangenen Länderspielpause übrigens mit einem ähnlichen Dreieinhalberketten-Konzept, den halben Verteidiger gab dort Jonas Hofmann auf rechts. Freiheiten genoss durch dessen Vorstöße Vordermann Serge Gnabry, der bei den beiden Spielen mit dieser Ausrichtung gegen Armenien (6:0) und Island (4:0) insgesamt drei Treffer erzielte.

Gegen Leipzig wurde Gnabry nach einer eher unauffälligen Vorstellung wegen eines Hexenschusses kurz vor der Pause ausgewechselt. Anders als im DFB-Team spielte er auf der gegenüberliegenden Seite des halben Außenverteidigers und musste wegen des mutigen Leipziger Auftritts einen größeren Fokus auf die defensive Absicherung legen. Sane war bei seinen Auftritten in dieser Rolle im DFB-Team diesbezüglich weniger gefordert, weil Armenien und Island kaum offensive Akzente setzen.

Anders war das gegen Köln, als Sane als rechter Außenbahnspieler in einem 3-4-3-System enttäuschte. Auch Nagelsmann gefiel die Version mit Gnabry besser, wie er nach dem Spiel in Leipzig verriet: "Von der Grundstruktur und von der Positionsbesetzung war das schon deutlich besser. Wir haben das schon einmal gemacht in der Saison, da war es deutlich schlechter. Das war ein Schritt in die richtige Richtung."

Julian Nagelsmann und die Experimentier-Gratwanderung

Wie große Schritte Nagelsmann in Sachen Taktik-Neuerungen generell gehen soll und vor allem wie schnelle, scheint ihn aktuell sehr zu beschäftigen. Mehrmals sprach er von einer "Gratwanderung", die er aktuell bestreiten müsse. Die verspätete Rückkehr der EM-Fahrer, der enge Spielplan, die Länderspielabstellungen: "Man hat unglaublich wenig Trainingszeit, da musst du bei den Entscheidungen immer eine Gratwanderung machen: Wie viel altes machst du, was extrem bewährt ist? Und wie viel Neues bringst du rein?" Jede Umstellung "stiftet immer Unruhe bei den Spielern, die damit erst klarkommen müssen".

Mit der Dreieinhalberkette sind die Spieler in Leipzig jedenfalls gut klargekommen, für Nagelsmann war es sozusagen die erste schöne Aussicht seiner Gratwanderung. Und noch dazu eine zukunftsträchtige, weil sie eine generelle Kaderschwäche kaschiert: Der FC Bayern verfügt schließlich über keinen offensivorientierten Rechtsverteidiger. Sowohl Pavard als auch das zuletzt erstaunlich stabile Eigengewächs Josip Stanisic haben ihre Stärken eher im Defensivverhalten, Bouna Sarr entspricht nicht den höchsten Ansprüchen.

Mit der Dreieinhalberkette nutzte Nagelsmann Pavards Stärken gegen den Ball und verbirgt bei eigenem Ballbesitz dessen eher limitiertes Offensivspiel. Beim Champions-League-Auftakt am Dienstag beim FC Barcelona wird der gerade erst wiedergenesene Franzose aber genau wie sein Landsmann Hernandez vermutlich eine Pause bekommen, anbieten für die Rolle des halben Rechtsverteidigers würde sich aber auch Niklas Süle. Gegner Barcelona verfügt mit Sergino Dest übrigens über einen waschechten Rechtsverteidiger - den der FC Bayern schon zweimal vergeblich verpflichten wollte.

Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung