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Eintracht Frankfurt - FC Bayern München 5:1: Furiose SGE demütigt dilettantischen FCB

David Alaba nach dem Abpfiff im Streitgespräch mit einem Bayern-Fan.

Der FC Bayern München hat im Kampf um die Tabellenführung der Bundesliga einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Am 10. Spieltag unterlag der bereits nach neun Minuten in Unterzahl spielende Meister einer furiosen Eintracht aus Frankfurt mit 1:5 (1:2). Die Luft für den ohnehin in der Kritik stehenden Bayern-Trainer Niko Kovac wird nach der höchsten Niederlage des Rekordmeisters seit über zehn Jahren immer dünner.

"Das ist kein riesiges Wunder. Das hat sich angebahnt", sagte Bayern-Kapitän Manuel Neuer im ZDF. Die frühe Rote Karte gegen Jerome Boateng (9./Notbremse) wollte Neuer nicht als Entschuldigung für den desolaten Auftritt gelten lassen. "Das hat es natürlich nicht leichter gemacht. Dennoch darfst du keine fünf Dinger bekommen. Wir sind nicht konsequent in der Verteidigung", schimpfte der Nationaltorhüter.

Zuletzt hatten die Bayern im April 2009 in Wolfsburg 1:5 in der Liga verloren - der damalige Trainer Jürgen Klinsmann wurde kurze Zeit später entlassen. Kovac könnte ein ähnliches Schicksal drohen, daran änderte auch das 14. Saisontor von Robert Lewandowski nichts (37.).

"Nach der Roten Karte war alles über den Haufen geworfen. Dennoch darf uns das am Ende nicht passieren. Es war heute nicht das, was wir von uns erwarten. Wir haben zu viele Fehler gemacht", sagte der angefressene Kovac, der Fragen nach seiner Zukunft schlecht gelaunt beantwortete: "Das weiß ich nicht."

Nach dem Spiel hatten nicht nur die Fans Redebedarf. Lewandowski tauschte sich angeregt mit Neuer und Serge Gnabry aus, während David Alaba versuchte, die negative Stimmung im Gästeblock zu dämpfen. Die Vereinsführung um Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge stapfte kommentarlos an den Kameras vorbei. Via Twitter sagte der Verein am Abend das eigentlich öffentliche Training am Sonntag kurzfristig ab.

Im Topspiel gegen Borussia Dortmund fehlen nach dem Platzverweis gegen Boateng nun gleich drei Innenverteidiger - Niklas Süle und Lucas Hernandez sind verletzt.

Eintracht Frankfurt - FC Bayern: Die Reaktionen

Adi Hütter (Trainer Eintracht Frankfurt): "Das ist für die Eintracht ein besonderer Tag, ein Riesenerlebnis. Das war nicht alltäglich. Die Rote Karte war die Schlüsselszene und hat uns geholfen."

Niko Kovac (Trainer FC Bayern): "Wir haben eine Rote Karte bekommen und wenn du über 80 Minuten in Unterzahl spielst, wird es schwierig in Frankfurt. Das haben schon andere Teams zu spüren bekommen. Das ist nicht einfach heute. Das Spiel ist genauso gelaufen, wie wir es nicht wollten. In Unterzahl ist es schwierig. Auch mit einem Mann weniger darf man nicht so verlieren. Das ist enttäuschend und ärgerlich."

Manuel Neuer (Kapitän FC Bayern): "Das ist kein riesiges Wunder. Das hat sich angebahnt."

Goncalo Paciencia (Eintracht Frankfurt): "Ich freue mich immer, zu treffen, aber es ist wichtig, dass wir gewonnen haben. Über die Rote Karte brauchen wir nicht zu diskutieren, da gibt es keine zwei Meinungen. Heute ist ein großer Tag für den Verein und auch für uns als Mannschaft. Wir haben vielleicht nicht die höchste Qualität in unserer Mannschaft. Aber wir sind eine Mannschaft. In keinem Verein und in keiner Kabine habe ich eine bessere Stimmung erlebt. Hier hält jeder zu jedem, das ist unsere größte Stärke."

Eintracht Frankfurt - FC Bayern: Die Analyse

Die Gastgeber traten wie gewohnt im 3-5-2 an. Die Besonderheit gegenüber den vergangenen Partien: Hinteregger übernahm die eigentlich für den zunächst nicht berücksichtigten Routinier Hasebe vorgesehene Rolle im Zentrum der Dreierkette mit dem Auftrag, Lewandowski aus dem Spiel nehmen. Weil Neuzugang Silva nicht rechtzeitig für die Startelf fit wurde, setzte Eintracht-Coach Hütter außerdem wieder auf das Sturmduo Dost-Paciencia.

Auf der Gegenseite nahm Bayern-Trainer Kovac bei seiner Rückkehr in den Frankfurter Stadtwald vier Veränderungen gegenüber der Beinhahe-Blamage in Bochum (2:1) vor: Für Tolisso, Goretzka, Perisic und Coman rückten Alaba, Coutinho, Müller und Lewandowski ins Team. Eine gute Nachricht für Kimmich, der dadurch auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld starten durfte.

Die neu formierte Viererkette mit Pavard rechts, Davies links und dem Duo Boateng-Alaba in der Mitte sollte allerdings nur neun Minuten zusammen spielen. Dann nämlich verpasste Boateng, einen Frankfurter Konter unterzubinden und fällte als letzter Mann Paciencia kurz vor der Strafraumgrenze. Die logische Konsequenz: Platzverweis. Pavard rückte daraufhin neben Alaba in die Innenverteidigung und Kimmich auf die rechte Abwehrseite.

Dort hatte der Nationalspieler alle Hände voll zu tun. Nahezu jeder Angriff der Hausherren lief über die linke Seite, auf der der rechtzeitig wiedergenesene Kostic ein irres Pensum abspulte. Eben jener Kostic war es auch, der die in Überzahl klar dominierende Eintracht in Führung brachte (25.) und das 2:0 durch Neuzugang Sow zwölf Minuten später mit seiner "Schussflanke" erzwang. Der Favorit aus München schaffte es in Unterzahl kaum, Akzente zu setzen und war in erster Linie damit beschäftigt, die automatisch größer gewordenen Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld zu schließen. Das Kovac-Team versuchte im 4-4-1 zu verteidigen, machte sich das Leben mit schlechtem Timing beim Rausrücken aber selbst schwer.

Dass für den Rekordmeister zur Pause noch Hoffnung auf einen Punktgewinn bestand, war dem zur Tormaschine mutierten Lewandowski zu verdanken, der sich 180 Sekunden nach dem Sow-Treffer in unwiderstehlicher Art gegen drei Eintracht-Verteidiger allein behauptete und sein 14. Liga-Tot im zehnten Einsatz markierte. Nach dem Wiederanpfiff war das bayerische Debakel aber nicht mehr aufzuhalten.

Ein Abraham-Abstauber nach einer Maßflanke von da Costa (49.) und ein Hinteregger-Kopfball (61.) nach einem dilettantisch von den Gästen verteidigten Eckball von Kostic entschieden die Partie endgültig, ehe Paciencia eine Vorlage des eingewechselten Silva sogar noch zum 5:1 verwertete (85.). Bis auf einen Pfostenschuss von Davies (70.) hatten die Bayern ihrer bislang höchsten Saisonniederlage nichts mehr entgegenzusetzen.

Die Daten des Spiels Eintracht Frankfurt gegen FC Bayern

  • Tore: 1:0 Kostic (25.), 2:0 Sow (34.), 2:1 Lewandowski (37.), 3:1 Abraham (49.), 4:1 Hinteregger (61.), 5:1 Paciencia (85.)
  • Rote Karte: Boateng (9.)
  • Für die Eintracht ist es der erste Liga-Heimsieg gegen den FCB seit dem 20. März 2010. Damals gewannen die Hessen dank der Tore von Juvhel Tsoumou und Martin Fenin mit 2:1.
  • Erstmals seit 23 Jahren (November 1995) erzielte die Eintracht gegen den FCB in einer Liga-Partie wieder mehr als ein Tor vor der Pause (damals 2, Endstand 4:1 für Frankfurt).

Der Star des Spiels: Filip Kostic (Eintracht Frankfurt)

Der überragende Mann einer Mannschaft, die sich füreinander aufopferte. Kostic beackerte die linke Seite unermüdlich und hatte mit einem Tor und zwei Assists entscheidenden Anteil an dem fünften Liga-Sieg der Hessen.

Der Flop des Spiels: Jerome Boateng (FC Bayern)

Rabenschwarzer Nachmittag für Boateng. Erst mit falschem Stellungsspiel, Sekunden später foulte er den enteilenden Paciencia als letzter Mann. Rote Karte nach neun Minuten. Ebenfalls überfordert: Kimmich, mit dem Kostic Katz und Maus spielte.

Der Schiedsrichter: Markus Schmidt

Der Unparteiische aus Stuttgart zeigte eine souveräne Leistung und handelte bei der spielbestimmenden Situation in der 9. Minute genau nach dem Regelwerk. Er entschied nach Boatengs Foul an Paciencia zunächst auf Elfmeter und Gelb für den Ex-Nationalspieler. Dieser beging die Notbremse jedoch außerhalb des Strafraums, wodurch Schmidt seine Entscheidung nach Rücksprache mit seinem Videoassistenten Stegemann revidierte. Er sprach der SGE einen Freistoß zu und verwies Boateng des Feldes, weil das Prinzip der Doppelbestrafung weggefallen war. Hier wird genau erklärt, wann die Doppelbestrafung gilt und wann nicht.

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