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Fussball

Zu viel Umbruch für Europa?

Von Stefan Rommel
In Hannover traf man sich relativ früh zum Mannschaftsfoto, einige Spieler fehlen darauf
© getty

Vor dem Start der 52. Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Diesmal: Hannover 96.

Immerhin ist Martin Kind etwas zurückhaltender geworden. Der Präsident hatte vor den letzten Spielzeiten die Messlatte derart hoch gehängt, dass nicht selten die Champions League mit Hannover 96 in Verbindung gebracht wurde. Nach den schönen Erfahrungen in der Europa League ein hehres Ziel, für einen Klub wie 96 aber dann doch mindestens eine Nummer zu groß formuliert.

Jetzt ist Kind vorsichtiger, er stellt keine konkrete Forderung, sondern wünscht sich stattdessen "einen einstelligen Tabellenplatz mit Blick auf Platz sechs". Im besten Fall also die Qualifikation für die Europa League - was angesichts der Umwälzungen im Kader und der ebenso starken wie zahlreichen Konkurrenz ein ambitioniertes Ziel sein dürfte.

Auf der anderen Seite haben die Niedersachsen bereits bewiesen, dass sie für die eine oder andere Überraschung gut sein können. Trainer Tayfun Korkut kann erstmals eine komplette Saison mit einem richtigen Vorlauf angehen. Dafür wurden Korkut für eine zweistellige Millionensumme neue Spieler zur Verfügung gestellt, was dann doch wieder ein gewisses Maß an Druck erzeugen dürfte.

Das ist neu:

Weg sind unter anderem: Cherundolo, Huszti, Ya Konan, Diouf. Neu sind unter anderem: Miiko Albornoz, Hiroshi Kiyotake, Joselu. Letzterer soll fünf Millionen Euro Ablösesumme gekostet haben und wäre damit der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte. Nimmt man den nach seiner Leihe wieder zum HSV zurückgekehrten Artjom Rudnevs dazu, hat 96 gleich drei Angreifer verloren. Von Joselu wird einiges abhängen.

Hannover hat für seine Verhältnisse großzügig investiert, Dirk Dufner konnte erstmals in seiner Laufbahn in der Bundesliga ordentlich Geld für neue Spieler in die Hand nehmen. Auch die (Personal-)Entscheidungen des Sportdirektors stehen in der kommenden Saison unter besonderer Beobachtung.

Der Verlust von 96-Größen wie Cherundolo, Huszti und Ya Konan tut nicht nur sportlich weh, sondern hinterlässt auch emotional und in der Bindung zu den Fans eine große Lücke. Teile der Anhängerschaft haben bereits in der Endphase der abgelaufenen Saison ihre Unterstützung verweigert, der Zwist zwischen ihnen und Klub-Boss Kind hat mittlerweile dazu geführt, dass jene Fans die Spiele der Profis boykottieren und stattdessen mit der U 23 durch die Stadien der Regionalliga Nord tingeln.

Was auf jeden Fall anders werden muss, ist das Auftreten in der Fremde. Die Auswärtsschwäche hätte Hannover zuletzt beinahe den Klassenerhalt gekostet.

Die Taktik:

Grundsätzlich lässt Korkut in einem 4-2-3-1 spielen. Der Trainer hat die Versatzstücke des Fußballs mit schnellem Umschalten in die Offensive und einer überdurchschnittlichen Fitness übernommen und versucht zu verfeinern. Im Trainingslager im österreichischen Bad Radkersburg hat sich Korkut auf einen Kern von 13, 14 Spielern festgelegt, um die herum er seine Mannschaft nach und nach aufbauen will.

Eine Problemzone war in der Vorbereitung die Defensivbewegung und die Arbeit der Viererkette. Nur gegen Werder Bremen kassierte Hannover in seinen elf Testspielen kein Gegentor. Auf der anderen Seite funktionierte die Offensive schon recht gut, auch Joselu hat sich schon gut eingefügt und trifft.

Die erste Elf hat genug Qualität, um an die Plätze im oberen Tabellendrittel heranzuschnuppern. Was ein wenig fehlt, ist die Qualität in der Breite. Nicht jede Position im Kader ist annähernd gleichwertig doppelt besetzt, der längere Ausfall mehrerer Leistungsträger könnte schnell für Probleme sorgen.

Der Spieler im Fokus:

Lars Stindl war die entscheidende Figur im Frühjahr, als sich 96 in prekärer Lage befand und immer tiefer in den Abstiegsstrudel geriet. Stindl war es, der nach dem peinlichen 0:3 von Braunschweig die entsprechende Mentalität vorlebte und die Mannschaft nicht nur spielerisch, sondern auch emotional mitreißen konnte.

Der Wechsel von der Außenbahn mehr ins Zentrum, wo er als eine Art hängende Spitze agieren kann, hat den 25-Jährigen nochmal einen Sprung nach vorne machen lassen. Hier soll er noch mehr Fixpunkt sein und die zentrale Anlaufstation der 96-Angriffe.

Der Aderlass im Offensivbereich und hier speziell der Huszti-Abgang rücken den neuen Kapitän noch mehr ins Rampenlicht. Dass er ab sofort mit der Rückennummer 10 auflaufen wird, sei mehr Ansporn als Druck. "Es ist mir eine Ehre. Ich glaube, dass mir das auch persönlich gut tun kann", sagt Stindl.

Für eine teilweise neu formierte Mannschaft ist einer wie der 25-Jährige mit seiner integrativen Art besonders wertvoll. In der Vorbereitung und im Pokal beim mühsamen Sieg über Regionalligist Astoria Walldorf hat Stindl seine exzellente Frühform bereits unter Beweis gestellt.

Lars Stindls Opta-Statistiken der Saison 2013/14

Das Interview:

SPOX: Wie passen Sie mit Ihren Anlagen zu Hannovers Spiel?

Joselu: Ich fühle mich sehr wohl in der Mannschaft. Meine Mitspieler haben mir den Start aber auch wirklich leicht gemacht. Ich möchte der Mannschaft im Gegenzug mit meiner Leistung helfen, damit wir gemeinsam erfolgreich sind. Dazu gehören natürlich auch Tore.

SPOX: Spielen Sie lieber alleine im Angriff oder mit einem klaren Angreifer an Ihrer Seite?

Joselu: Das entscheidet der Trainer mit seiner Taktik für das jeweilige Spiel. Ich mag ein 4-4-2 genauso wie ein 4-2-3-1.

SPOX: Sie waren auch von anderen Klubs umworben, haben dann aber in Hannover bis 2018 unterschrieben. Wieso so eine lange Vertragslaufzeit?

Joselu: Die Laufzeit ist ein klares Bekenntnis zu Hannover 96. Wir haben gemeinsam in den kommenden Jahren viel vor.

Das gesamte Interview mit Neuzugang Joselu gibt es demnächst auf SPOX

Die Prognose:

Auch wenn es nicht offensiv formuliert wird, spekuliert Hannover 96 doch wieder mit der Rückkehr ins internationale Geschäft. Das dürfte jedoch ein sehr schwieriges Unterfangen werden. Die Konkurrenz hat ebenso stark aufgerüstet, vier der ersten sechs Plätze scheinen an die Bayern, den BVB, Schalke und Leverkusen bereits im Vorfeld vergeben. Blieben noch zwei vakante Stellen.

Darum streitet sich gleich ein halbes Dutzend Klubs, darunter auch so stark besetzte Kader wie die von Wolfsburg oder Mönchengladbach. Es scheint, als fänden sich sechs Mannschaften, die am Ende besser sein werden als Hannover 96 - selbst dann, wenn bei den Niedersachsen alles perfekt nach Plan laufen würde.

Insofern und wegen der vielen prominenten Abgänge wäre eine Verbesserung zum Vorjahr (Platz 10) schon ein akzeptables Ergebnis. Alles darüber hinaus wäre eine Zugabe. Mit dem Abstieg wird Hannover in dieser Saison aber zumindest nichts zu tun haben.

Alle Infos zu Hannover 96

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