Demütig zum Ziel

Von Jochen Tittmar
Der Kader von Hertha BSC in der Saison 2011/2012
© Getty

In den Tagen vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs in einer Vorschau-Serie vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Los geht es mit Hertha BSC.

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Die intensive Vorbereitung von Trainer Markus Babbel führte Hertha BSC durch ein erstes kleines Tal. Drei Testspielpleiten in vier Tagen (2:4 gegen Young Boys Bern, 0:2 gegen Grasshoppers Zürich, 0:3 gegen FC Basel) waren angesichts der kraftraubenden Einheiten allerdings einigermaßen zu verschmerzen.

Anders als im Vorjahr, als Babbel laut eigener Aussage erschüttert von den Fitnesswerten seiner Mannschaft war, kannte der 38-Jährige diesmal kein Pardon: ob Achtkampf mit Sackhüpfen und Baumstammwurf, Autoreifen schleppen oder mit Zwanzig-Kilo-Gewichten am Körper einen Hang hinauf sprinten - Babbel hatte ein reichhaltiges Portfolio der Qualen parat.

Schließlich soll damit der Grundstein für einen Verbleib in der Bundesliga gesichert werden. Finanziell gesehen ist dies auch die einzige Alternative.

Das ist neu

Zur Freude der Verantwortlichen natürlich zu allererst die Liga. Mit 23 Siegen, dem besten Angriff und der zweitbesten Verteidigung gelang der Hertha souverän der sofortige Wiederaufstieg.

Ein personeller Umbruch, um sich für die Bundesliga zu wappnen, war nicht notwendig. Babbels Team ist jung und eingespielt. Die Neuzugänge fügen dem Kader weitere Bundesligaerfahrung hinzu.

Keeper Thomas Kraft und Mittelfeldspieler Andreas Ottl kommen vom FC Bayern und werden auf Anhieb in der Startelf zu finden sein.

Früher als geplant gab Babbel bekannt, dass Kraft die neue Nummer eins ist. Der Neuzugang soll sich nun gegen Ende der Vorbereitung auf seine Abwehr und Mitspieler einstellen und absolviert daher auch die letzten drei Testspiele vor Ligastart über die komplette Spielzeit.

Ottl ist dagegen auf der Sechs eingeplant, konnte in der Vorbereitung aber noch nicht gänzlich überzeugen und wird sich einem harten Konkurrenzkampf stellen müssen.

Maik Franz, der von Absteiger Eintracht Frankfurt an die Spree wechselte, dürfte gute Chancen besitzen, die Aufstiegsinnenverteidigung zu sprengen und dort anstelle von Roman Hubnik neben Kapitän Andrej Mijatovic auflaufen. Er ist zudem eine Alternative für Rechtsverteidiger Christian Lell.

Der vom HSV transferierte Tunay Torun ist der einzige Offensivspieler, der neu zur Hertha stößt. Er kann alle drei offensiven Positionen im Mittelfeld bekleiden und soll den Druck auf die etablierten Kräfte erhöhen.

Neu im Profikader sind zudem Abu-Bakarr Kargbo (Sturm, Profivertrag bis 2014) und John Anthony Brooks (Innenverteidigung, Profivertrag bis 2015), die sich über Einsätze in der zweiten Mannschaft profilieren sollen.

Die Transferplanungen der Verantwortlichen sind somit abgeschlossen. Stand jetzt wird sich höchstens dann noch etwas tun, wenn Ex-Herthaner Christopher Samba die Blackburn Rovers verlässt.

Um den Abwehrspieler ranken sich Gerüchte über einen millionenschweren Wechsel (über zehn Millionen Euro sind im Gespräch) innerhalb der Premier League. Hertha BSC würde dabei 15 Prozent der Ablösesumme einstreichen.

Die Taktik

Im Vorjahr agierte der Hauptstadtklub zumeist in einer 4-4-2-Grundordnung mit einer leicht hängenden (Adrian Ramos) und einer echten Spitze (Pierre-Michel Lasogga).

Man kann davon ausgehen, dass dieses System auch in der Bundesliga Bestand haben wird. Babbel nutzte jedoch die Testspiele der Vorbereitung dazu, auch die sogenannte Tannenbaum-Taktik (4-3-2-1) einzuüben, um flexibler auf die Herangehensweisen der kommenden Gegner reagieren zu können.

Die wird sich auch bei der Hertha selbst ändern: Als Aufsteiger wird man ein wenig defensiver agieren müssen als noch als Favorit in der 2. Liga.

Die Viererkette bleibt bis auf die wahrscheinliche Hereinnahme von Franz erhalten. Links hinten drückt bisweilen der Schuh: Die aktuelle Form von Levan Kobiaschwili und Ronny deutet noch nicht auf Bundesliganiveau hin. Youngster Nico Schulzverpasste nach Pfeifferschem Drüsenfieber und daraus resultierenden schlechten Blutwerten bisher alle Trainingseinheiten.

Im Mittelfeld hat Babbel die Qual der Wahl und beobachtet den gesteigerten Konkurrenzkampf mit Wohlwollen.

Das geht bei der Doppelsechs, die im Vorjahr von Peter Niemeyer und Fabian Lustenberger ausgefüllt wurde, los: Mit Ottl und dem 20-jährigen Fanol Perdedaj hat Babbel vier Kandidaten zur Auswahl, selbst Raffael spielte dort bereits. Niemeyer dürfte gesetzt sein, Lustenberger hat nach der U-21-EM noch einen Rückstand aufzuholen.

Blog Hertha-Vorschau: Gegen den Abstieg spielen

Die offensive Reihe wurde mit dem Transfer von Torun um eine vielseitige Option erweitert. Sollte Torun direkt Babbels Vertrauen bekommen, wackeln die Plätze von Patrick Ebert (rechts) und Nikita Rukavytsya (links), allen voran aber der von Raffael.

Der Brasilianer hängt wie in jeder Vorbereitung etwas durch und bekam von Babbel folgende Ansage mit auf den Weg: "Er ist zu torungefährlich, da muss mehr kommen. Raffael muss konstanter werden. Im Moment ist er eine Wundertüte."

Im Sturm ruhen die Hoffnungen auf Pierre-Michel Lasogga, dem Aufsteiger der Vorsaison (13 Tore). Das ist allerdings Chance und Risiko zugleich, da Lasogga über keinerlei Erfahrung im Oberhaus verfügt.

Ramos, dessen Vertrag bis 2015 verlängert wurde, spielte die Copa America und soll nach seiner Rückkehr aus Argentinien direkt zum Team stoßen. Fraglich, in welchem Zustand er ohne jeden Urlaub in Berlin eintrifft. Der formschwache Rob Friend soll im Oberhaus seine Erfahrung einbringen, agiert aber weiterhin unter ferner liefen. Alternativen für den Notfall wären zudem Raffael und Rukavytsya.

Der Spieler im Fokus

Thomas Kraft. Der Keeper hat ein rasantes Jahr hinter sich: Völlig überraschend bekam er beim FC Bayern von Louis van Gaal den Stammplatz zugesprochen, was Uli Hoeneß später dazu veranlasste, diese Entscheidung mit als Grund für die einhergehende Krise anzuführen. Bis auf wenige Ausnahmen hielt Kraft allerdings passabel und kam mit dem Druck zurecht.

Im Vergleich zu München ist der zwar überall geringer, als neue Nummer eins beim Aufsteiger in der Hauptstadt wird das aber nicht extrem ins Gewicht fallen. Seine Ausstrahlung und Klasse werden der Hertha weiterhelfen.

Die Prognose

Die Rückkehr in die Bundesliga war für die klamme Hertha Pflicht: Der Etat liegt bei 57,6 Millionen Euro auf dem Niveau von Europacup-Teilnehmer Mainz 05, das Acht-Millionen-Geschenk eines unbekannten Investors wurde in den Etat der letzten Spielzeit eingerechnet. Damit halten die Verbindlichkeiten aktuell bei 31 Millionen Euro.

Das harmonische Duo Babbel und Manager Michael Preetz hat der Hertha vor allem Demut und eine gewisse Geräuschlosigkeit eingeimpft. "Ziel ist der Ligaerhalt für Hertha BSC, Punkt", fährt Preetz diese Linie weiterhin unbeirrt fort.

Babbel lebt dagegen den sportlichen Ehrgeiz vor und spricht vom DFB-Pokalsieg sowie neun Punkten aus den ersten drei Partien.

Beides wird nicht eintreffen. Die Hertha hat ihren Kader, der schon im Vorjahr Bundesliganiveau verkörperte, jedoch sinnvoll um erstligaerprobte Akteure erweitert. Babbel, der vor seiner ersten vollständigen Bundesligasaison steht, ist nun allerdings auch gefordert, weiter an einem auf Erstligaverhältnisse zugeschnittenen Spielplan für sein Team zu feilen. Wille und Leidenschaft reichen in der Bundesliga nicht aus.

Gelingt dieser Spagat, wird die Hauptstadt auch im kommenden Jahr Bundesligafußball anbieten können.

Hertha BSC: Der Kader im Überblick