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Fussball

Demichelis: Ein Tor, ein Kuss - alles umsonst

Von Thomas Gaber
Martin Demichelis feiert seinen 13. Treffer im 171. Bundesligaspiel für den FC Bayern
© Imago

Der von Trainer Louis van Gaal verschmähte Martin Demichelis erlebte beim 4:2 über den SC Freiburg einen seltenen Glücksmoment und versprach dem FC Bayern ewige Liebe. Doch die Fronten bleiben verhärtet: Michos naher Abschied ist unausweichlich.

Martin Demichelis trägt die Haare gerne offen. Südländer, Südamerikaner, ja vor allem Argentinier lieben es, wenn es zottelt. Und die Profifußballer erst: Fernando Redondo, Juan Pablo Sorin oder der aktuelle Nationaltorwart Sergio Romero waren bzw. sind stolz auf ihre Haarpracht.

Als Demichelis kurz vor dem Spiel des FC Bayern München gegen den SC Freiburg erfuhr, dass er für den verletzten Holger Badstuber in der Innenverteidigung einspringen durfte, machte er sich in der knapp bemessenen Zeit bis zum Anpfiff mit zusammengebundenen Haaren warm. Für einen vernünftigen Pferdeschwanz blieb keine Zeit, das Gebilde ähnelte eher einem schlampigen Dutt.

Als die Partie angepfiffen wurde, war dann doch alles beim Alten: Haare offen, mit Wet Gel geschmeidig gestrichen, der bekannte Micho eben, lieber authentisch als extravagant.

Die Bayern-Fans, die ihm acht Jahre lang die Treue hielten, sollten Demichelis in guter Erinnerung behalten. Sie sollten "ihren" Micho erleben und kein Abziehbild.

Erst verletzt, dann getroffen

Es musste schon viel zusammenkommen, ehe sich Demichelis überhaupt noch einmal im Bayern-Trikot präsentieren konnte. Nach Breno und Daniel van Buyten (auf der Ersatzbank) fiel mit Badstuber der dritte etatmäßige Innenverteidiger für das Freiburg-Spiel aus. Badstuber zog sich beim Aufwärmen eine Schambeinverletzung zu.

Demichelis ließ sich von einem schmerzhaften Schlag aufs Knie nach zehn Minuten nicht beeinflussen, spielte fehlerfrei und traf per Kopf zum 1:0. Der Verschmähte leitet den Sieg der eigenen Mannschaft ein - genialer Stoff für Romantiker.

Zehn Tage vor Saisonbeginn hatte Bayern-Trainer Louis van Gaal dem 29-Jährigen mitgeteilt, dass er auf Badstuber und van Buyten in der Innenverteidigung setzt.

Demichelis, in der letzten Saison Stammspieler, war nur noch Ersatz und nach seiner Ersatzbank-Verweigerung im ersten Saisonspiel gegen Wolfsburg mehr oder weniger ausrangiert. Demichelis blieb auch nach van Buytens Verletzung draußen. Van Gaal zog Mittelfeldspieler Anatolij Tymoschtschuk vor und beschleunigte Demichelis' Ende bei Bayern. Ein Abschied im Winter schien unausweichlich.

"Ich liebe den FC Bayern"

Demichelis musste sich ordentlich zusammenreißen, die Fassung zu behalten, als er nach dem Spiel über seine Leidenszeit und diesen einen Glücksmoment referierte.

Er hatte allen, die ihn kritisiert und bereits abgeschrieben hatten, etwas mitzuteilen. "Ich habe gezeigt, dass ich noch lebe und dass ich den FC Bayern liebe", sagte Demichelis. Mit seinem Kuss aufs Vereinswappen nach dem Tor habe er seine Zuneigung zum Verein deutlich machen wollen.

Offen gab er Einblick in sein Seelenleben. "Ich habe eine sehr schwere Zeit hinter mir. Ich habe die Entscheidung des Trainers akzeptiert, aber ich war sehr enttäuscht. Es war schwer, mich zu motivieren. Die Presse hat geschrieben, ich sei arrogant, weil ich gegen Wolfsburg nicht auf die Bank wollte. Das hat mir weh getan. Ich saß in acht Jahren bei Bayern immer mal wieder auf der Bank und auch lange in der Nationalmannschaft. Ich habe gezeigt, dass ich nicht arrogant bin, sondern den FC Bayern liebe. Ich bin dankbar, dass ich hier seit acht Jahren spielen darf."

Er habe lange geduldig auf diesen Abend gewartet, erklärte Demichelis. "Ich bin ruhig geblieben und habe kein schlechtes Wort verloren. Es war mein erstes Spiel von Anfang an in dieser Saison. Ich wusste, dass ich nur spiele, wenn sich ein Kollege verletzt oder wenn er schlecht spielt. Ich kann mich aber natürlich nicht freuen, wenn sich einer verletzt oder Fehler macht und die gegnerischen Stürmer Tore schießen."

Van Gaal bleibt hart

Gegen Freiburg traf er selbst - sehr zur Freude seines Trainers. "Demichelis hat ein sehr schönes Tor geschossen und seine Arbeit gut erledigt", sagte van Gaal.

Doch die Fronten bleiben verhärtet. Demichelis habe gezeigt, "dass er ein ausgezeichneter Verteidiger ist", meinte van Gaal. Allerdings sei Leistung bei einem Spitzenverein wie dem FC Bayern permanent gefordert und weil er dies nicht bewerkstelligen könne, sei Demichelis kein Stammspieler mehr.

Van Gaal macht aus seinem zwiespältigen Verhältnis zum aufmüpfigen Argentinier keinen Hehl. Er bemühte sich erst gar nicht, Demichelis zum Bleiben zu überreden: "Wenn ein Spieler weg will, dann kann er weg. Das ist kein Problem. Wir werden das besprechen, wenn die Zeit da ist. Und die Zeit ist noch nicht da."

Im Winter ist Schluss

Van Gaal plant ohne Demichelis - und Demichelis plant ohne den FC Bayern. Er kokettiert weiterhin mit seinem baldigen Abschied.

"Im Fußball weiß man nie, aber vielleicht war das mein letztes Spiel für den FC Bayern. Wenn sich die Situation nicht bessert und ich nur ein Spiel in drei Monaten mache, ist es für den Verein und für mich vielleicht besser, eine andere Lösung zu finden. Geld spielt dabei keine Rolle. In zwei Wochen kommt mein Berater nach München und dann werden wir die Sache besprechen. Ich habe immer noch Perspektive, in einem großen Verein zu spielen. Ich bleibe noch zwei Monate und werde kämpfen."

Martin Demichelis und der FC Bayern - eine achtjährige Liaison wird im Winter beendet. Kein Tor und kein Kuss können daran etwas ändern.

Bayern - Freiburg: Daten zum Spiel

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