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Fussball

Zerbrochen an der Herkules-Aufgabe

Von Andreas Lehner
Karlsruhe, Bremen, Diego, Pizarro, Eichner
© Getty

Bremen verliert in Karlsruhe 0:1, Pizarro sieht Rot und Diego wird zum Würger. Der Brasilianer wirkt nach auszehrenden Jahren müde und leer und gibt Einblicke in das Seelenleben einer Mannschaft, die seit Wochen die selben Fehler macht.

Es war wohl mehr ein Schutzreflex, als eine ernstzunehmende Antwort. Trainer Thomas Schaaf erbat sich Zeit. Zeit, die er nutzen wollte, um sich die Rote Karte gegen Claudio Pizarro in Ruhe anzuschauen, um sie anschließend zu analysieren.

Denn selbst von der Bank war es kaum zu übersehen, dass der Peruaner seinem Gegenspieler Martin Stoll in der 90. Minute mit der Hand ins Gesicht geschlagen und sich seinen Platzverweis verdient hatte. Pizarro entschuldigte seinen Fehltritt mit südländischem Temperament und einem Spiel, das nicht Werders Vorstellung entsprach.

Mal wieder ließ Bremen einem klaren Sieg gegen Frankfurt, ein schwaches Auswärtsspiel folgen. "Ich weiß, dass wir zwei Gesichter haben: Wir können Top-Leistungen abrufen, aber auch grausam spielen wie heute", meinte Schaaf.

Allofs sauer auf Pizarro und Diego

Besonders grausam war aber das Gesicht, das Bremen zum Ende zeigte, wie auch Sportdirektor Klaus Allofs anmerkte. Der hatte in diesem Moment schon mehr gesehen, als sein Trainer und wollte den Rot-Sünder nicht so einfach davon kommen lassen. "Das schadet nicht nur dem einzelnen Spieler, das schadet der Mannschaft und das schadet Werder Bremen."

Allofs hatte in diesem Moment auch schon gesehen, was nach der Roten Karte geschehen, dem Schiedsrichter aber offenbar entgangen war: Diegos Würgegriff gegen Christian Eichner.

Diegos Wut entlädt sich an Eichner

Eine Aktion, die in ihrer Vehemenz und Gezieltheit komplett unnötig war, aber einen tiefen Einblick in das Seelenleben der Mannschaft, die seit Wochen die gleichen Fehler macht, und speziell in das des brasilianischen Spielmachers erlaubte.

Diego, der seit seinem Wechsel an die Weser die Mannschaft getragen und Schwächen seiner Mitspieler durch seine individuelle Klasse verdeckt hatte, konnte seinem Team spielerisch nicht mehr helfen und rastete aus.

Dies war ihm in der Bundesliga zuvor nur einmal passiert, als er nach einer Reihe von Fouls in Frankfurt seine Wut am Riesen Sotirios Kyrgiakos ausließ. Doch dieses Mal gab es keine Fouls und keinen Riesen, es war schlicht und einfach die Entladung einer Wut, die sich in den 90 Minuten und auch schon in den Wochen zuvor aufgestaut hatte.

Diego wirkte müde und leer

Denn Diego wirkt müde und leer. Ausgezehrt von einem Pensum, das wahrscheinlich nicht einmal Herkules zu bewältigen imstande gewesen wäre.

Seit zweieinhalb Jahren spielt der Brasilianer quasi durch, ohne sich mit der Mannschaft auf die Saison vorbereitet zu haben.

Im Winter 2008 musste er wegen einer langwierigen Schambeinverletzung passen. Das Grundlagentraining im Sommer 2007 ließ er aus, weil er mit Brasilien die Südamerikameisterschaft spielte, 2008 kämpfte er um olympisches Gold.

Arbeit und Kampf statt Dynamik und Genialität

All diese Faktoren führen dazu, dass Diego das Spiel am Ende der Vorrunde nicht wie gewohnt lenken kann. Sein Aktionsradius ist kleiner geworden, seine Dynamik im Zweikampf weg und seine Genialität nur noch in Ansätzen zu spüren.

Dagegen stellt er sich in den Dienst der Mannschaft, arbeitet und kämpft. Aber darunter leidet nicht nur Bremens Spiel, sondern auch Diego selbst.

Seit dem 11. Spieltag hat er kein Tor mehr vorbereitet, seine letzten drei Treffer resultierten aus Standardsituationen (zwei Elfmeter, ein Freistoß).

Würgegriff mit Folgen

Dazu kommen Gerüchte um sein Privatleben, die, wie man am Beispiel Oliver Kahn schon einmal sehen konnte, auch Auswirkungen auf die sportliche Leistung haben können.

Doch Diego braucht jetzt vor allem eins: Ruhe. Und die könnte er ziemlich schnell bekommen. Denn falls Schiedsrichter Guido Winkmann sein Würgen gegen Eichner nicht gesehen und bewertet haben sollte, drohen ihm ein DFB-Ermittlungsverfahren und eine mehrwöchige Sperre. Vielleicht war der Würgegriff also Diegos ganz persönliche Bitte um Zeit.

Karlsruhe - Bremen: Die SPOX-Analyse

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