Fussball

Skandalspiel zwischen TSG Hoffenheim und FC Bayern: Die Chronologie des Grotesken

Von Dennis Melzer
Der FC Bayern hat das Skandalspiel in Hoffenheim mit 6:0 gewonnen.

Der FC Bayern hat bei der TSG Hoffenheim mit 6:0 gewonnen, doch das Ergebnis rückte weit in den Hintergrund. Die Geschichte eines auf vielerlei Ebenen grotesken Fußballspiels.

Eine grandiose Vorstellung mit sechs Toren, den Gegner auch ohne Robert Lewandowski regelrecht auseinandergenommen, die Tabellenführung behauptet: Nach gut einer Stunde Spielzeit schien alles so, als würde es ein aus rein sportlicher Sicht denkwürdiger Tag für den FC Bayern werden.

Zwar hatten die Fans aus München schon zuvor mit Pyrotechnik gezündelt, doch handelte es sich dabei nicht um Vorkommnisse, die über das halbwegs erträgliche Maß hinausgingen.

Doch dann überschlugen sie sich, die grotesken Ereignisse, die in die Bundesliga-Geschichte eingehen werden. Im Gästeblock wurde ein Spruchband ausgerollt. Vorwürfe an den DFB, der sein "Versprechen" nicht gehalten habe, zudem Beleidigungen gegen SAP-Gründer und TSG-Mäzen Dietmar Hopp, der "ein H****sohn" bliebe. 67 Minuten waren da absolviert.

BVB-Fans für Spiele in Hoffenheim gesperrt

Zum Hintergrund: Obwohl der DFB versichert hatte, für Fans keine Kollektivstrafen mehr aussprechen zu wollen, hatte das verbandsinterne Gericht unter der Woche geurteilt, dass alle Anhänger von Borussia Dortmund in den kommenden zwei Jahren keinen Zugang zum Sinsheimer Stadion haben werden.

Die Schwarz-Gelben müssen also im Kraichgau ohne großen Support auskommen. In der Vergangenheit hatten einige BVB-Fans Hopp regelmäßig verunglimpft, sein Konterfei unter anderem in einem Fadenkreuz dargestellt.

Mike Diehl, der Stadionsprecher, appellierte mit bebender Stimme an die Münchner, die beleidigenden Banner umgehend einzurollen, auch Flick und einige seiner Schützlinge wurden nun tätig, auf der Tribüne legte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge den Arm um Hopp. Unverständnis. Kopfschütteln. Spielunterbrechung. Einige Protagonisten vermittelten ihrem eigenen Anhang: "Wir führen 6:0 und ihr riskiert gerade, dass die Begegnung abgebrochen wird."

Der Drei-Punkte-Plan greift

Mittlerweile war auch im Block der Hoffenheimer ein Banner aufgetaucht, das sich mit der Thematik auseinandersetzte und die Bayern auf den "eigenen Kommerz" hinwies. Auch diese "menschenverachtenden" Sprüche prangerte Diehl an. Fragende Blicke, weil nichts Menschenverachtendes zu erkennen war.

Nach einigen Minuten holten die Bayern-Fans das Spruchband ein und Dingert setzte die Partie fort, nur um kurz darauf das nächste H****sohn-Plakat über die Brüstung zu werfen. Nun griff er, der so genannte Drei-Punkte-Plan, der vorsieht, die Mannschaften bei derlei Situationen in die Kabine zu schicken.

Diehl wurde nun fuchsteufelswild, brüllte in sein Mikrofon, schien sich in der Rolle des Mahners allerdings auch ein Stück weit zu gefallen. Flick und Co-Trainer Hermann Gerland sprinteten quer übers Feld, um die Störenfriede zur Raison zu bringen, auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic, Rummenigge und Oliver Kahn setzten sich in Bewegung, um Teilen des Blocks die Leviten zu lesen.

Im Innenraum, der über Monitore auf der Pressetribüne zu beobachten war, beratschlagten sich Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre über das weitere Vorgehen, die Hoffenheim-Kurve skandierte wechselweise: "Spielabbruch" und "Dietmar Hopp".

Solidarität für Hopp, Protest gegen die Schmähungen

Über eine Viertelstunde dauerte die Unterbrechung. Selbst die Sonne hatte sich mittlerweile ob der Wirrungen aus Sinsheim verabschiedet, passend zur Szenerie goss es wie aus Eimern. Als die Spieler herauskamen, um die ausstehenden Minuten zu absolvieren, folgte das Novum. Beim Austausch im Kabinentrakt hatte man sich offenbar darauf geeinigt, den Ball in den verbliebenen Minuten untereinander hin- und herzuspielen.

Aus Solidarität für Hopp, aus Protest gegen die Schmähungen. Beifall allerorten. Ein Zeichen, das man in der Vergangenheit gerne auch einmal gesehen hätte, als Spieler rassistisch beleidigt wurden oder sexistische Banner den einen oder anderen Block zierten.

Und so strichen sie dahin, die Minuten, in denen Manuel Neuer mit Andrej Kramaric diskutierte, Zirkzee mit der Kugel jonglierte und Lucas Hernandez kleinere Läufe machte, um warm zu bleiben. Hopp und Rummenigge plauderten am Spielfeldrand. Als endlich der Abpfiff erfolgte, herrschte große Eintracht. Die Akteure standen Arm in Arm, blickten in Richtung der TSG-Fans, die mitgereisten Bayern wurden mit Nichtbeachtung gestraft. Absichtlich. Hopp-Sprechchöre, Klatschen, gutmütiges Lächeln des zuvor beleidigten Hoffenheim-Machers.

Stadionsprecher entschuldigt sich bei Hoffenheim-Fans

Im Anschluss wollte dann jedoch niemand so wirklich über das Erlebte sprechen. Aufseiten der Bayern bezog lediglich Rummenigge Stellung, Spieler suchte man in der Mixed-Zone vergebens. Er schäme sich und es sei jetzt der Zeitpunkt, um "Flagge zu bekennen", sagte Rummenigge, der einen "schwarzen Tag" des deutschen Fußballs ausgemacht hatte.

Und Stadionsprecher Diehl? Der musste sich erst einmal bei den eigenen Fans entschuldigen, nachdem er sie unberechtigterweise angepflaumt hatte. Er habe gedacht, auch die Hoffenheimer hätten im Zuge der Bayern-Banner etwas ähnlich "Menschenverachtendes" gezeigt. War aber gar nicht so. Abschließender Applaus, bevor der Vorhang fiel und das Theaterstück beendete.

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