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Fussball

Leon Goretzka vom FC Bayern München im Interview: "Im KZ habe ich angefangen zu weinen"

Leon Goretzka beschäftigt sich auch intensiv mit Themen abseits des Fußballs.

Lange herrschte in Deutschland der Konsens, dass etwas wie der Nationalsozialismus nicht nochmal passieren kann. Sind Sie sich da aktuell ganz sicher?

Goretzka: Ich habe auf jeden Fall die große Hoffnung - aber klar gibt es aktuell gewisse Tendenzen. Ich denke, dass viele Leute in Deutschland Angst vor der Zukunft haben und sich abgehängt fühlen. Für diese Leute ist oft die Lösung, das Problem in anderen Bereichen wie beispielsweise der Migration zu sehen.

Was lässt sich dagegen unternehmen?

Goretzka: Es ist die Aufgabe aller, diese Leute mit Wissen aufzuklären. Wenn man mit viel Verständnis auf sie zugeht und ihre wahren Probleme erkennt und behandelt, wird sich das Problem des Rechtspopulismus auch wieder lösen. Der Schlüssel zum Erfolg ist es, alle abzuholen - und zwar nicht mit hochgestochenen Worten, sondern mit Worten, die jeder versteht.

Leon Goretzka über die AfD: "Man fasst sich an den Kopf"

Was löst der starke Wählerzuwachs der rechtspopulistischen AfD in den vergangenen Jahren bei Ihnen aus?

Goretzka: Sorge. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, wie das passieren kann. Ich denke aber, dass viele Leute nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen die AfD wählen.

Über welche medialen Kanäle informieren Sie sich über politische und gesellschaftspolitische Themen?

Goretzka: Natürlich viel über das Internet, da kommt man um diese Informationen kaum herum. Außerdem habe ich das Handelsblatt abonniert. Darin dreht sich viel um Politik, es sind aber auch andere Themen präsent. Die Artikel sind sehr ausführlich und beinhalten viel Hintergrundinformationen. Wenn ich an einem freien Tag mal aus der Sportwelt herauskommen will, dient mir das als Ablenkung.

Sprechen Sie mit anderen Menschen viel über diese Art von Themen?

Goretzka: Wenn ich irgendetwas sehe, habe ich immer das Verlangen, mich darüber auszutauschen. Ich habe aber keinen speziellen Politik-Freund, sondern spreche darüber mit Familienmitgliedern und Freunden, mit denen ich mich genauso über andere Themen unterhalte.

Leon Goretzka: "Die Kabine ist für so etwas der falsche Ort"

Wie sieht der diesbezügliche Austausch mit Ihren Mitspielern aus?

Goretzka: Die Kabine ist für so etwas der völlig falsche Ort, da geht es nur um unseren fußballerischen Alltag. Das soll so sein und wird auch immer so bleiben. Wenn ich mit Mitspielern wie Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Niklas Süle, Manuel Neuer oder Thomas Müller aber essen oder einen Kaffee trinken gehe, stehen diese Themen auch auf der Agenda.

Ihr Kollege Jerome Boateng hat sich neulich über den zunehmenden Rassismus in Deutschland geäußert. "Ich dachte, wir sind schon weiter. Das waren wir auch schon mal. Aber da sind wir leider ein Stück zurückgefallen", sagte er. Haben Sie ebenfalls den Eindruck, dass es aktuell in die falsche Richtung geht?

Goretzka: Die Vorfälle werden gefühlt häufiger und auch ich dachte, dass wir in Deutschland schon weiter sind. Dieser Umstand hat mich dazu bewegt, wieder mehr Haltung zu zeigen und meine Meinung öffentlich kundzutun. Es gab zuletzt aber auch wieder positive Beispiele: Als Leroy Kwadwo von den Würzburger Kickers beim Spiel bei Preußen Münster rassistisch beleidigt wurde, halfen die Fans der Polizei dabei, den Täter ausfindig zu machen. Außerdem gab es im Stadion Jubelrufe für den betroffenen Spieler. Das ist ein Musterbeispiel, wie so eine Situation zu lösen ist. Es ist wichtig, dass solch schöne und vor allem wichtige Momente Aufmerksamkeit bekommen. Dadurch entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, bei dem jeder merkt, dass er im Kampf gegen Rechts nicht alleine ist.

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