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Fussball

Fußball-Kolumne - Abstiegkampf: Warum das Momentum gegen Hertha spricht

Felix Magath trifft mit Hertha BSC in der Relegation auf seinen Ex-Klub HSV.

Nicht nur Bundesliga-Rückkehrer Schalke 04, sondern auch andere Traditionsvereine erleben aktuell eine Renaissance und hoffen auf den Aufstieg. Darüber freuen sich Fans, Funktionäre und Medien. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Die Fußball-Kolumne.

Vorhang auf zur (vor-)letzten Runde: Am 34. Spieltag sind bei der Frage, wie die Bundesliga in der nächsten Saison aussehen wird, noch zwei Plätze offen - und fünf Mannschaften in der Verlosung.

Nachdem nach Greuther Fürth auch der Tabellen-Siebzehnte Arminia Bielefeld aufgrund von drei Punkten und sieben Toren Rückstand auf den Relegationsrang 16 faktisch abgestiegen ist, fällt die Entscheidung zwischen dem VfB Stuttgart (30 Punkte, Heimspiel gegen Köln) und Hertha BSC (33 Zähler, aber das schlechtere Torverhältnis, auswärts in Dortmund).

Der als Retter geholte Felix Magath ist zwar noch nie als Trainer aus der Bundesliga abgestiegen, aber diesmal könnte es so weit sein. In den vergangenen beiden Spieltagen hatten die Berliner zweimal den Klassenerhalt zum Greifen nah und verspielten ihn dann sowohl in Bielefeld (1:1) als auch gegen Mainz (1:2). Daher sieht Routinier Friedhelm Funkel den Rivalen nun in der besseren Position.

Funkel: "Momentum klar auf Stuttgarter Seite"

"Hertha hat zwar einen unglaublich erfahrenen Trainer an der Seitenlinie stehen, und wir haben ja gesehen, was Felix Magath in kürzester Zeit aus dieser Truppe gemacht hat, die vorher ganz wenig geboten hat", sagte er dem kicker. "Aber das Momentum ist ganz klar aufseiten der Stuttgarter."

Sport1 ging in einer Kolumne diese Woche sogar noch weiter. "Hertha hätte den Abstieg verdient", lautete das vernichtende Urteil nach einer Saison voller Pleiten, Pech und Pannen inklusive dem Verbrennen der 375 Millionen-Investition von Lars Windhorst: "Hertha BSC hat sich, sportlich belegt das die Tabelle, Schritt für Schritt herabgewirtschaftet. Aus sehr viel wurde sehr wenig gemacht, es ging nicht voran."

Immerhin kann der Verlierer des Fernduells noch über die Relegation den Abstieg vermeiden, was der alte Fuchs Magath angeblich schon von Anfang an eingeplant hatte. "Als Profi, für den ich mich halte, bereite ich mich auf den schlechtesten Fall vor", sagte der 68-Jährige.

Magaths worst case: Hertha gegen HSV in der Relegation

Und dieser worst case könnte nun ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub HSV eintreten, mit dem Magath einst den Europacup der Landesmeister und zwei Meisterschaften gewann: "Das war mein Gefühl von Anfang an. Je näher man dahin kommt, desto deutlicher wird diese Partie."

Neben dem aktuellen Zweitliga-Dritten aus Hamburg (57 Punkte, plus 31 Tore, auswärts in Rostock) sind im Unterhaus noch zwei weitere Klubs im Aufstiegsrennen, nachdem Schalke 04 die Bundesliga-Rückkehr bereits perfekt gemacht hat: Der Tabellenzweite Bremen (60 Punkte, Heimspiel gegen Regensburg) braucht noch einen Zähler, Darmstadt (57) ist punktgleich mit dem HSV, aber aufgrund der neun Tore schlechteren Tordifferenz aktuell auf dem undankbaren vierten Rang.

Dort landete in den vergangenen drei Jahren am Ende immer der Topfavorit aus Hamburg, was viel Häme und Spott nach sich zog. Während die Hanseaten dabei aber immer auf der Zielgeraden einbrachen, ist es diesmal genau umgekehrt: Nach 29 Spieltagen galt das Team von Trainer Tim Walter bei sieben Punkten Rückstand auf Platz drei bereits als chancenlos, doch nun hat es nach vier Siegen in Serie zumindest die Relegation in der eigenen Hand. Entsprechend groß ist derzeit die Euphorie an der Elbe. "Die ganze Stadt ist elektrisiert wie nie zuvor im Unterhaus", schrieb der kicker.

Schalke, Bremen oder HSV: Bundesliga wird wieder attraktiver

Wie auch immer es am Sonntagnachmittag ausgeht, schon jetzt lässt sich feststellen: Die Bundesliga wird in der kommenden Spielzeit deutlich attraktiver werden, dank der Traditionsklubs Schalke sowie Hertha/Stuttgart und Bremen/HSV. "Renaissance der Traditionsvereine", titelte daher die Augsburger Allgemeine. Im Vergleich dazu sähe so mancher Verantwortlicher in DFL, Bundesliga, TV-Sendern und Fanvereinigungen den Außenseiter Darmstadt 98 wohl eher ungern im Oberhaus.

Wobei das fast jeder hinter vorgehaltener Hand, aber kaum einer öffentlich sagt. Dabei sprechen die Fakten außerhalb des Platzes eine recht eindeutige Sprache, wie Eintracht Frankfurts Vorstandssprecher Axel Hellmann im Januar im Sport1-Doppelpass ausführte: "Zugpferde wie Bremen, Schalke und Hamburg sind schmerzlich, wenn sie nicht in der Bundesliga spielen. Dann muss sich keiner wundern, wenn wir nicht auf dem wirtschaftlichen Niveau der letzten Jahre unterwegs sind."

Gerade das aktuelle Führungstrio der zweiten Liga bringt einfach mehr Anhänger sowie Fernsehzuschauer, generiert wesentlich mehr Aufmerksamkeit unter Fußball-Interessierten und damit eben auch deutlich mehr Einnahmen als kleinere Teams wie etwa Mainz, Hoffenheim oder Augsburg. Sportlich unfair, denn die genannten Klubs haben sich über Jahre mit herausragender Arbeit unter deutlich schwereren Bedingungen sportlich in der Bundesliga etabliert.

Rückkehr der Fans zeigt Wucht und Anziehungskraft der Traditionsklubs

Und doch hat gerade die Rückkehr der Fans in die Stadien nach fast zwei Jahren mit Geisterspielen oder nur geringen Auslastungen die Wucht und die Anziehungskraft von ruhmreichen Klubs mit glorreicher Vergangenheit und großer Fanbasis gezeigt.

"Viele der Mannschaften, die in diesen Wochen erfolgreich sind, eint etwas. Sie sind Traditionsvereine mit vielen Titeln und noch mehr Fans. 60.000 Menschen in einem Zweitligastadion, 50.000 in der dritten Liga, 12.500 in der vierten", schrieb Zeit Online: "In diesem Frühjahr scheint es, als ob Geld doch nicht alles ist, als ob es mehr braucht: Emotionen, Leidenschaft und so weiter. In diesem Frühjahr schießt nicht Geld Tore, sondern Tradition."

Große Namen auch in der dritten und vierten Liga vorne

Dabei bezog sich der Autor nicht nur auf Schalke, den HSV oder Bremen. Sondern auch auf die Zweitliga-Aufsteiger Magdeburg (Europapokalsieger 1974) und Braunschweig (Deutscher Meister 1967) sowie den Dritten Kaiserslautern (viermal Meister), der in der Relegation auf den populärsten ostdeutschen Klub Dynamo Dresden (achtmal Meister in der DDR) trifft.

Und auf die beiden vor dem letzten Spieltag punktgleichen Spitzenreiter der Regionalliga West, Rot-Weiß Essen (Meister 1955) und Bundesliga-Gründungsmitglied Preußen Münster. Während Münster nach dem ersten Jahr wieder abstieg, war RWE sogar insgesamt sieben Jahre erstklassig. Der letzte Bundesliga-Abstieg liegt allerdings schon 45 Jahre zurück, danach wechselte Torjäger Horst Hrubesch gemeinsam mit dem Saarbrücker Felix Magath zum HSV.

Der Traditionsverein aus der zehntgrößten Stadt Deutschlands wurde dagegen durchgereicht, krebst mittlerweile seit elf Jahren in der Viertklassigkeit herum und verpasste den Sprung in die dritte Liga in den vergangenen zwei Jahren jeweils erst am letzten Spieltag. Wobei der Aufstieg diesmal schon perfekt sein könnte, wenn nicht ein fehlgeleiteter Zuschauer ausgerechnet im Topspiel gegen Münster vor drei Monaten einen Böller aufs Spielfeld geworfen hätte. Zwei Preußen-Spieler erlitten ein Knalltrauma, die Partie wurde vom Sportgericht für Münster gewertet.

Die Kehrseite der Medaille: Mehr Ruhm, mehr Probleme

Ein Vorkommnis, dass die Kehrseite der Medaille zeigt, ebenso wie die teils unkontrollierten Platzstürme der letzten Wochen, bei denen etwa auf Schalke ein Zuschauer laut eigenen Aussagen von den jubelnden Massen eingequetscht wurde und um sein Leben fürchtete. Ganz zu schweigen von Todes- und Gewaltdrohungen angeblicher Fans in der jüngeren Vergangenheit, etwa bei Hertha BSC oder im Vorjahr nach Schalkes Abstieg.

So kann die Wucht, die Traditionsvereine entwickeln können, auch zerstörerische Wirkung haben. Nicht nur auf den Rängen, sondern auch in den Führungsebenen, wo immer wieder Wichtigtuer, Blender und Hochstapler ruhmreiche Klubs ins Verderben geführt haben.

Entscheidend ist letztlich auf dem Platz, das gilt für große wie vermeintlich kleine Mannschaften. Und gerade bei den vorgeblichen Favoriten kommen viele Profis häufig nicht mit dem Druck klar. Der HSV stand in den vergangenen Jahren exemplarisch dafür, deshalb hat Darmstadt 98 ungeachtet aller Sympathien oder Antipathien nach wie vor alle Chancen auf den Aufstieg.

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