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Fussball

Fußball-Kolumne: Corona-Irrsinn in Berlin, Lockdown in Leipzig, Geisterspiele in Bayern?

Deutschland versinkt erneut im Corona-Chaos, doch der aktuelle Bundesliga-Spieltag wird in zahlreichen Stadien durchgeführt, als sei alles in bester Ordnung. Statt mit gutem Beispiel voranzugehen, reizt man alle Freiheiten aus. Trotzdem sind drastische Maßnahmen wohl kaum noch zu verhindern. Die Fußball-Kolumne.

18 Kilometer trennen das Bundeskanzleramt in Berlin-Mitte und das Stadion An der Alten Försterei im Bezirk Köpenick. Doch zwischen den Verantwortlichen liegen bei der Einschätzung der Corona-Pandemie offenbar Welten.

Am Donnerstagabend hatten die Kanzlerin und Ministerpräsidenten massive Einschnitte beim Kampf gegen die dramatische vierte Corona-Welle bekanntgegeben, unter anderem ist der Zutritt zu Veranstaltungen ab einem Hospitalisierungsindex von 3,0 nur noch Geimpften und Genesenen (2G) erlaubt.

Unter diesem insgesamt rapide steigenden Schwellenwert fielen am Donnerstag nur noch die Bundesländer Hamburg, Saarland, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Auf den Fußball bezogen dürften also nur noch vier Zweitligisten (HSV, St. Pauli, Kiel, Hannover) sowie der VfL Wolfsburg als einziger Bundesligist auch Getestete ins Stadion lassen (3G), allerdings hatten die Wölfe schon Ende August freiwillig auf 2G umgestellt hatte.

Andere Bundesländer sind kurz davor, den zweiten Schwellenwert von 6,0 zu überspringen, Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt liegen bereits darüber - hier gilt daher künftig 2G plus, also Eintritt auch für Geimpfte und Genesene nur noch mit negativem Antigen-Schnelltest.

Volle Zuschauerzahl beim Derby zwischen Union und Hertha BSC

Da diese Maßnahmen aber erst kommende Woche in Kraft treten werden, kann der Fußball an diesem Wochenende noch einmal so tun, als wäre alles nicht so schlimm. Das gilt vor allem für das Berliner Derby am Samstag zwischen Union und Hertha BSC im erstmals seit März 2020 wieder ausverkauften Stadion an der Wuhlheide.

Ausgerechnet jetzt hat der Berliner Senat, dessen Chef Michael Müller nach der Konferenz mit der Bundeskanzlerin eindringlich von den furchtbaren Zuständen auf den überfüllten Intensivstationen der Hauptstadt-Krankenhäuser berichtete, die Vollauslastung von 22.012 Zuschauern in der eng gebauten Alten Försterei erlaubt. "Derby-Fieber oder Corona-Irrsinn", titelte die dpa.

Der zuständige Innensenator Andreas Geisel sprach im rbb von "sehr strengen Regeln" - wobei aber sowohl Tests als auch Maskentragen am Platz freiwillig sind - und verwies auf die ursprünglichen Pläne der Klubs: "Es ist eine deutliche Verschärfung zu vergangener Woche, als noch zu 3G-Bedingungen gespielt werden konnte und beide Vereine erklärt haben, sie wollen 2G möglichst vermeiden."

Ob 3G oder 2G, die Verantwortung für ein mögliches Spreader-Event will man bei den Eisernen ohnehin nicht übernehmen. "Ich habe mich nie geäußert, ob es richtig oder falsch ist, dafür gibt es die Leute in der Verwaltung", sagte Union-Coach Urs Fischer.

Fredi Bobic: "Wir haben Vorgaben, an die halten wir uns"

Ähnlich äußerte sich Herthas Sportchef Fredi Bobic. "Wir haben Vorgaben, und an die halten wir uns", sagte er: "Wenn das jetzt 2G ist zusammen mit dem Appell sich testen zu lassen, ist das ganz in Ordnung. Wir sind draußen an der frischen Luft und die Stadien waren jetzt nicht als der Treiber für Infektionen bekannt."

Damit hat Bobic die übergroße Mehrheitsmeinung bei den 36 Erst- und Zweitligisten ziemlich gut zusammengefasst: Fußballspiele sind ungefährlich und wir machen nur das, was erlaubt ist. Weshalb man in Mönchengladbach ungeachtet der Zahlen auch als einziger Bundesligist am Wochenende bei der 3G-Regelung bleibt.

"Wir halten uns an die Vorgaben der Bundesregierung. Wir halten nichts davon, es selbst strenger zu regeln", erklärte Sportdirektor Max Eberl. "Wir hatten bislang keine Nachverfolgung. Die Zuschauer halten sich an die Regeln."

DFL: Bis Oktober nur neun Kontaktverfolgungen in den Stadien

Erhebungen der DFL unter den Vereinen scheinen diese These zu belegen. Denn bis zur Länderspielpause im Oktober gab es an den bis dahin absolvierten sieben Spieltagen der ersten und neun Spieltagen der zweiten Liga sowie dem Supercup rund zwei Millionen Besucher und lediglich in neun Fällen eine Kontaktverfolgung im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Zwar beziehen sich die Zahlen nur auf die Fans in den Stadien, aber da diese zuvor in den Schlangen vor dem Eintrittsbereich und in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen sind, können auch dort keine Infektionen entstanden sein.

"Wer jetzt noch sagt, Fußball-Spiele seien Superspreader-Events oder ein Stadionbesuch sei lebensgefährlich, sagt vorsätzlich etwas Falsches", hatte der scheidende DFL-Boss Christian Seifert schon bei der ersten Bekanntgabe von noch niedrigeren Zahlen Anfang September erklärt.

Infektionszahlungen seit der letzten Erhebung fünfmal so hoch

Damals lagen die Neuinfektionen deutschlandweit bei rund 10.000, Anfang Oktober bei der Länderspielpause sogar ein wenig darunter. Aktuell aber liegen sie mehr als fünfmal so hoch, entsprechend wenig belastbar für die aktuelle Lage sind die alten DFL-Zahlen - zumal die Gesundheitsämter ohnehin nicht mehr mit der Nachverfolgung der Fälle hinterherkommen.

Deshalb wirkt es wie ein Schutzargument der Fußball-Branche, dass ausgerechnet in den Stadien keine Infektionsgefahr drohen soll. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Denn die schon jetzt durch die Pandemie wirtschaftlich stark angeschlagenen Klubs brauchen jeden Cent, auch und vor allem durch die Zuschauer.

Ein Ausschluss der Fans ist "das große Schreckensszenario" (FAZ) für alle Sportarten. Daher traf sich Seifert nach Informationen des SID am Freitag zu einem Krisentreffen mit seinen Kollegen aus HBL, BBL und DEL.

FC Bayern: Pro Geisterspiel vier Millionen Euro Verlust

"Eine neuerliche, pauschale Reduzierung von Stadionkapazitäten würde unsere wirtschaftliche Situation existenziell verschärfen und wäre auch in Bezug auf die Pandemiebekämpfung der falsche Weg", sagte Stuttgarts Vorstandsvorsitzender Thomas Hitzlsperger dem kicker. Pro Geisterspiel haben die Schwaben in der Vergangenheit rund zwei Millionen Euro Einnahmeverluste verbuchen müssen, beim FC Bayern waren es sogar rund vier Millionen.

Entsprechend vehement wehrt sich die Liga gegen jegliche Einschränkungen, auch wenn sogar der kicker schon zu Wochenbeginn eine flächendeckende 2G plus-Regelung in allen Stadien forderte. "Der Profi-Fußball in Deutschland hat nun zwei Möglichkeiten: Er kann passiv abwarten, was die Politik - etwa bei der Ministerpräsidentenkonferenz am kommenden Donnerstag - beschließt. Oder er wird selbst aktiv und geht mit gutem Beispiel in der Gesellschaft voran", schrieb das Fachmagazin.

"Zugleich wäre die Regelung mit Vorbildcharakter ein potenzieller Schutz der Branche vor härteren Einschnitten bis hin zu erneuten Geisterspielen - wie es sie in den Niederlanden bereits wieder gibt." Und am Donnerstag kommentierte das Blatt: "Je mehr Sicherheit der Fußball vorsorglich anzubieten bemüht ist, desto mehr Vertrauen gewinnt er."

Fußball entscheidet sich für Passivität in der Krise

Leider hat sich der Fußball, um im obigen Bild zu bleiben, für Passivität entschieden, und gibt damit nicht zum ersten Mal in der Corona-Krise kein gutes Bild ab. Es wäre ja auch durchaus möglich gewesen, die Zuschauerkapazitäten aus eigenem Antrieb zu reduzieren und damit wie in der Vergangenheit den nötigen Abstand zu gewährleisten. Bei der DFL heißt es dazu, dass das reine Symbolpolitik sei.

Doch tatsächlich geht es in den größten Krisen auch immer genau darum. Anders ist auch der Vorstoß der Länderchefs kaum zu interpretieren, der künftig ungeimpften Profis wie dem sich aktuell erneut in Quarantäne befindenden Joshua Kimmich die Berufsausübung untersagen soll. Darüber sei man sich "sehr schnell einig" gewesen", sagte Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), "wenn Zuschauer im Stadion 2G beachten müssen, dass das nach unserer Auffassung auch für die Profis gelten soll". Nun sollen Bundesgesundheitsministerium und Bundesarbeitsministerium eine entsprechende Vorschrift erarbeiten.

2G für Zuschauer und 3G für Spieler - "Das ist doch nicht normal"

Arbeitsrechtler halten eine solche Impfpflicht zwar juristisch für nicht durchsetzbar, so lange in fast allen Berufen 3G am Arbeitsplatz gilt. Aber es ist eben auch eine Tatsache, dass die wenigsten Fans nachvollziehen können (und wollen), dass für sie bald 2G plus gilt, während die Spieler ungeimpft ins Stadion dürfen.

"Als Zuschauer gilt 2G und mein Angestellter sagt: Ich nicht. Das ist doch nicht normal", fasste Leverkusens Ex-Manager Rainer Calmund die allgemeine Stimmung im Doppelpass zusammen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärte am Freitag, eine Impfpflicht für Fußballprofis wäre "ein Riesensignal, dass eine Identität zwischen Fans und Spielern herrscht".

Diese relativ deutlich Absatzbewegung der Ministerpräsidenten der beiden größten Bundesländer mit den wichtigsten Vereinen lässt aufhorchen, denn vor eineinhalb Jahren hatte es der deutsche Fußball maßgeblich Söder und Wüsts Amtsvorgänger Armin Laschet zu verdanken, dass zahlreiche Erst- und Zweitligisten dank der frühen Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Pleite entgingen.

Politik verliert offenbar Geduld mit Hinhaltetaktik des organisierten Sports

Nun aber scheint die Geduld mit der Hinhaltetaktik des organisierten Sports dem Ende zuzugehen. Söder jedenfalls, in dessen Nachbarland Österreich ab Montag ein mindestens dreiwöchiger Lockdown inklusive Geisterspielen in der dortigen Bundesliga feststeht, hat am Freitag "harte Maßnahmen" zur Reduzierung der explodierenden Fallzahlen verkündet. Dazu gehören zunächst bis Mitte Dezember Obergrenzen von maximal 25 Prozent Zuschauerkapazität unter 2G plus-Regel bei allen Sportveranstaltungen.

Skeptiker verweisen ohnehin darauf, dass bislang nahezu alle verschärften Corona-Maßnahmen in Österreich wenig später auch in Deutschland unumgänglich waren. Und es bleibt leider eine Tatsache, dass am Ende offenbar wirklich nur noch die maximale Kontaktreduzierung durch einen Lockdown hilft, um das Virus in den Griff zu bekommen.

Geisterspiele bald bei RB Leipzig und Bayern München?

Auch Bayern wird daher in Kreisen mit Inzidenzen über 1000 Teil-Lockdowns verhängen, bei denen Veranstaltungen mit Publikum dann komplett untersagt werden sollen. München lag am Freitag bereits über 750, Tendenz rasch steigend - Geisterspiele in der Allianz Arena rücken also näher.

Auch in Sachsen, wo die Inzidenzen am höchsten sind, wird es schon ab kommender Woche mehrwöchige, drastische "Wellenbrecher"-Einschränkungen geben, die faktisch einem Lockdown sehr nahe kommen. RB Leipzig sowie die Zweitligisten Erzgebirge Aue und Dynamo Dresden werden in ihren Stadien künftig wieder mit Geisterspielen konfrontiert, den Amateurspielbetrieb hatte der Sächsische Landesverband schon zuvor eingestellt.

"Jede Veranstaltung, die nicht stattfindet, ist ein Gewinn", erklärte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) vielsagend. Entsprechend entgeistert zeigte sich RB-Coach Jesse Marsch über die Entwicklung. "Dass wir wieder über einen Lockdown reden, ist unmöglich zu verstehen", sagte er sichtlich erschüttert. "Die Situation ist sehr schwer zu akzeptieren."

Hätte der Fußball aktiver vorangehen können?

Vermutlich bleibt ihm und allen anderen Beteiligten aber nichts anderes übrig, wenn die Negativentwicklung so weitergeht. Da ist es dann auch zu spät, sich zu hinterfragen, ob der Fußball aktiver in der Pandemiebekämpfung hätte vorangehen können.

Etwa mit noch strikteren Eintrittsbeschränkungen, freiwilligen Kapazitätsbegrenzungen in den Stadien, vertraglichen Impfverpflichtungen für Spieler und Staff oder sogar einem Verzicht auf ungeimpfte Profis, wie es die Brooklyn Nets bei Kyrie Irving durchziehen. Geholfen, so viel kann man wohl zusammenfassen, hat die Passivität in jedem Fall nicht.

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