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Fussball

Schulabbruch und der überspannte Ehrgeiz-Bogen: Dortmunds neues Torwart-Monster Gregor Kobel

Von Dennis Melzer
Gregor Kobel wechselt aus Stuttgart zum BVB.

Gregor Kobel wagt den nächsten Schritt und schließt sich dem BVB an. Für die Karriere brachte der Schweizer schon als Jugendlicher große Opfer.

Borussia Dortmund hat eine große Schwäche. Eine Schwäche für Schweizer Torhüter. Mit Gregor Kobel wechselt nach Roman Bürki (kam 2015 vom SC Freiburg) und Marwin Hitz (kam 2018 vom FC Augsburg) der dritte Schlussmann aus der Alpennation binnen sechs Jahren zu den Schwarz-Gelben.

Darüber, dass Kobel nach einer starken Saison, in der er 34 von 37 möglichen Pflichtspielen für den VfB Stuttgart bestritt, den nächsten Schritt machen könnte, war bereits im Vorfeld spekuliert worden, am Dienstag wurde das Gerücht von offizieller Seite bestätigt. Kobel, für den die Borussen dem Vernehmen nach rund 15 Millionen Euro ins Schwabenland überweisen, erhält in Dortmund einen Vertrag bis 2026.

"Borussia Dortmund ist einer der größten und bekanntesten Vereine der Welt", schwärmte Kobel bei seiner Vorstellung und ergänzte: "Ein Klub, der den Anspruch hat, jedes Jahr um den Meistertitel und den DFB-Pokal zu kämpfen und in der Champions League zu spielen." Ansprüche, die ganz nach Kobels Geschmack sind. Der 23-Jährige gilt als extrem ehrgeizig, ordnete seiner Karriere schon als Jugendlicher quasi alles unter.

Kobels Vater Peter: "Das wäre mir als Stürmer nie in den Sinn gekommen"

Kobel machte in seiner Heimatstadt Zürich die ersten fußballerischen Gehversuche, im Alter von sieben Jahren schloss sich der Sohn des ehemaligen Eishockey-Profis Peter Kobel dem FC Seefeld Zürich an, später zog es ihn zum Schweizer Rekordmeister Grasshoppers Club. "Das wäre mir als Stürmer nie in den Sinn gekommen", sagte Vater Peter beim SWR bezüglich der Entscheidung seines Sohnes, eine Laufbahn als Torwart anzustreben.

"Ich weiß nicht, wieso, aber mir hat es schon immer Spaß gemacht, im Tor zu stehen und mich in die Bälle zu werfen", begründete Kobel einst im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung seine Leidenschaft fürs Bällehalten. Neben seinem Talent konnte sich Kobel auch auf sein Wachstum verlassen, der Keeper misst 1,94 Meter. Patrick Foletti, seit vielen Jahren Torwarttrainer der Schweizer Nationalmannschaft, arbeitete beim Grasshoppers Club bereits mit Kobel zusammen, als dessen Karriere noch in den Kinderschuhen steckte.

Was den jungen Torhüter schon im Alter von zwölf Jahren auszeichnete? "Vor allem sein Selbstbewusstsein und der unbedingte Wille, das Tor zu verteidigen", antwortet Foletti im Gespräch mit SPOX und Goal und ergänzt: "Zudem brachte er die optimalen körperlichen Voraussetzungen mit. Es war absehbar, dass er mal groß wird."

Am nötigen Ehrgeiz mangelte es Kobel offenbar bereits damals nicht. "Er war schon in jungen Jahren extrem fokussiert - für einen Zwölfjährigen damals vielleicht zu ehrgeizig", sagt Foletti schmunzelnd. "Er war sehr lernwillig und zielstrebig. Das hat sich bis heute durchgezogen."

"Ehrgeiz verleitet mich manchmal dazu, zu viel zu wollen"

Kobel bestätigte jüngst Folettis Eindruck, dass er dazu neigt, den Ehrgeizbogen mitunter zu überspannen. Im Schweizer Blick sagte der 23-Jährige: "Mein Ehrgeiz verleitet mich manchmal dazu, zu viel zu wollen. Dadurch kann ich nicht immer unbeschwert mein ganzes Potenzial abrufen."

Nach einem einjährigen Intermezzo beim FC Zürich kehrte Kobel zu GC zurück, ehe er mit 16 Jahren eine wegweisende Entscheidung traf: Kobel brach das Gymnasium ab und zog alleine nach Deutschland, um bei der TSG 1899 Hoffenheim anzuheuern.

"Der Schritt nach Deutschland war sehr gut überlegt", erklärt Foletti. "Ich würde nicht jedem 16-Jährigen empfehlen, so früh ins Ausland zu wechseln - aber in Gregors Fall ist es super aufgegangen, weil Hoffenheim einen ganz klaren Plan mit ihm entwickelt hatte. Sie haben ihn eng betreut, was Gregors persönlicher Entwicklung extrem gutgetan hat."

"Wenn ich so zurückschaue, sehe ich, dass es ein wirklich großer Schritt war. Das war mir damals aber gar nicht so bewusst", sagte Kobel später. "Ich wollte einfach nach Deutschland gehen und Fußball spielen." Die Ausbildung bei der TSG sei in der Folge "phänomenal" gewesen.

Entscheidung für den VfB genau richtig

Im Kraichgau arbeitete er mit Torwart-Coach Michael Rechner zusammen. Rechner sagte der NZZ: "Gregor war sehr fleißig, fast schon positiv besessen im Training." Kobel sei "ein sehr kompletter Torhüter, verfügt über eine sehr gute Spieleröffnung und Raumaufteilung sowie ein gutes Eins-gegen-Eins".

Zwei Jahre nach seinem Wechsel zum Bundesligisten gelang Kobel, der hauptsächlich in der Regionalliga West Spielzeit sammelte, erstmals der Sprung in den Profi-Kader. Nach einigen Einsätzen im DFB-Pokal und einer Partie in der Europa League debütierte er im September 2018 beim 3:1-Sieg gegen Hannover 96 unter Trainer Julian Nagelsmann in der deutschen Beletage.

Es sollte für Hoffenheim sein einziger Auftritt im Oberhaus sein, im Winter wechselte Kobel auf Leihbasis für eine halbe Saison zum FC Augsburg, bei dem er sich prompt gegen seine Konkurrenten durchzusetzen wusste und sich als Nummer eins etablierte.

Gleich im Anschluss ging es - abermals per Leihe - weiter zum abgestiegenen VfB Stuttgart. Laut Foletti eine gute Entscheidung: "In puncto Karriereplanung wählt Gregor seine Schritte aus meiner Sicht hervorragend. Seine Entscheidung, zum damaligen Zweitligisten und Traditionsverein nach Stuttgart zu gehen, war genau richtig." Ähnlich wie in Augsburg ergatterte der Keeper den Platz im Kasten und hatte erheblichen Anteil am VfB-Aufstieg.

Gregor Kobel sorgt beim VfB Stuttgart für Aufsehen

Sieben Millionen Euro Ablöse ließen sich die Cannstatter Kobels Dienste kosten, er unterschrieb im Sommer vergangenen Jahres einen bis 2024 datierten Vertrag. In der abgelaufenen Spielzeit parierte Kobel sich in den Fokus größerer Klubs, half dabei, dass der VfB die Runde im gesicherten Mittelfeld abschloss. Nur Rafal Gikiewicz (129, Quelle: Opta), Stefan Ortega (120) und Florian Müller (113) wehrten mehr Bälle ab als Kobel (106), prozentual verteidigte er 65,82 Prozent der Schüsse, die auf sein Tor kamen. Zum Vergleich: Manuel Neuer kam beispielsweise auf 65,85 Prozent.

"Er ist ein extrem ehrgeiziger Athlet, ein Monster im Tor", schwärmte Stuttgart-Trainer Pellegrino Matarazzo, Ex-Übungsleiter Julian Nagelsmann adelte seinen früheren Schützling, nachdem dieser gegen RB Leipzig auf ganzer Linie überzeugt hatte: "Gregor Kobel hat ein tolles Spiel gemacht und Bälle gehalten, die auch nicht jeder Torwart hält."

Eine von vielen Darbietungen, die unter anderem den BVB auf den Plan rief. "Er hat über weite Strecken bewiesen, dass er konstant auf höchstem Niveau spielen kann", sagt Foletti. "Wir freuen uns sehr, dass Gregor Kobel sich für Borussia Dortmund entschieden hat. In ihm sehen wir großes Potenzial. Gregors Zielstrebigkeit, sein Ehrgeiz und seine Konstanz sind bemerkenswert", lobte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc den Neuzugang.

Zu ehrgeizig? Kobel nicht im Schweizer EM-Kader

Umso überraschender, dass Kobel nicht zum EM-Kader der Schweizer Nationalmannschaft zählt. Nati-Trainer Vladimir Petkovic nominierte anstelle des Neu-Borussen Yvon Mvogo von der PSV Eindhoven und Jonas Omlin vom HSC Montpellier. Als Grund führte die Bild-Zeitung Kobels extremen Ehrgeiz an. Demnach befürchte Petkovic, dass der Zürcher sich nicht mit der Rolle als Backup Yann Sommers zufriedengeben würde.

Obwohl Kobel für das anstehende Turnier nicht berücksichtigt wurde, gilt er bei den Eidgenossen als Torhüter der Zukunft. "Das Potenzial und Talent ist sicherlich vorhanden", sagt Foletti mit Blick auf die Aussichten auf einen Platz im Tor der Nationalmannschaft. "Gregor ist noch sehr jung und hat bislang noch nicht so viel Erfahrung auf internationaler Bühne gesammelt. Mit seinem neuen Verein hat er nun die Chance, sich in der Champions League die ersten Sporen in Europa zu verdienen."

Während Kobel derzeit in der Nati (noch) nicht an Sommer vorbeikommt, wird er bei seinem neuen Arbeitgeber einen anderen Landsmann verdrängen. Bürkis Tage beim BVB neigen sich nach dem Kobel-Transfer dem Ende entgegen. Dortmunds langjährige Nummer eins, die von Interimstrainer Edin Terzic zwischenzeitlich zum Ersatzmann degradiert worden war, strebe - Bild-Informationen zufolge - einen Wechsel ins Ausland an.

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