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Fussball

Ex-BVB-Talent Christopher Nöthe im Interview: "Nach Zorcs Anruf saß ich in Arbeitskleidung im Zug"

Von Stanislav Schupp
Christopher Nöthe, BVB, Borussia DOrtmund

Seine ersten Schritte einer aufreibenden Fußballerkarriere absolvierte Christopher Nöthe unter anderem in den Jugendabteilungen der Revierrivalen Schalke 04 und Borussia Dortmund. Beim BVB stieg er zum Profi auf. Nach Stationen bei Rot-Weiß Oberhausen, Greuther Fürth, St. Pauli und Arminia Bielefeld musste der heute 33-Jährige seine Laufbahn aufgrund von zahlreichen schweren Verletzungen im Sommer 2019 beenden.

 

Im Interview mit SPOX und Goal blickt der frühere Stürmer auf seine Karriere zurück und spricht unter anderem über die kuriosen Umstände seines Bundesligadebüts beim BVB, ewige Passübungen unter Bert van Marwijk, Übergewicht in Oberhausen und wahllose Neuzugänge in Fürth.

Außerdem verrät er, wieso er sich mit dem Schwiegersohn von Ewald Lienen überwarf, bei welchem Verein ihm in der Wäschekammer der Laufpass gegeben wurde und welche Auswirkungen seine Verletzungen auf den Alltag haben.

Herr Nöthe, Sie haben in der Jugend für Ihren Heimatverein VfR Rauxel, Schalke 04, den VfL Bochum sowie Borussia Dortmund gekickt. Wie sind Sie zum Fußball gekommen?

Christopher Nöthe: Erst ziemlich spät, bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich mich gar nicht dafür interessiert. Dann wurde der Vater von Michael Esser, der aktuell bei Hannover 96 spielt und mit dem ich gut befreundet war, Trainer beim VfR Rauxel. Dort haben viele meiner Freunde gespielt - unter anderem der Ex-Dortmunder Marc-Andre Kruska. Deshalb bin ich dorthin. Zwei Jahre später haben wir ein Fünf-gegen-fünf-Turnier in Gelsenkirchen gewonnen und als Preis gab es ein Probetraining bei Schalke. Am Ende wollte Schalke uns alle behalten, aber nur ich bin gemeinsam mit einem Mitspieler gewechselt und habe dort vier Jahre in der Jugend verbracht. Kruska hat abgesagt, weil er als sehr großer BVB-Fan nicht zu Schalke konnte. (lacht)

Von welchem Klub waren Sie Fan?

Nöthe: Seit ich mich für Fußball interessiere, bin ich BVB-Fan. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mir ging es aber immer nur um den Spaß beim Fußballspielen. Ich bin auch bei Schalke ins Stadion gegangen.

Christopher Nöthe: "In Dortmund gab es einen Fahrdienst"

Profi wurden Sie aber in Dortmund. Weshalb hat das auf Schalke, wo Sie vier Jahre lang Kapitän in Ihren Teams waren, nicht geklappt?

Nöthe: Meine Mutter fuhr mich immer ins Training, hat dann aber wieder angefangen zu arbeiten. Viermal pro Woche von Castrop-Rauxel nach Gelsenkirchen zu pendeln war daher nicht mehr möglich. Das sind zwar nur knapp 25 Kilometer, aber früher gab es weder Fahrdienste noch Nachwuchsleistungszentren. Also bin ich nach Bochum gewechselt, weil ich dort mit dem Bus hinkam. Das war der einzige Grund. Nach einem Jahr beim VfL bin ich nach Dortmund gegangen, weil sie sich um mich bemüht hatten - und weil es einen Fahrdienst gab.

Ab wann war Ihnen klar, dass Sie Profi werden wollen?

Nöthe: Mit 15 oder 16 in der B-Jugend. Mittwochs gab es immer ein Talente-Training bei den Profis unter Bert van Marwijk. David Odonkor oder Nuri Sahin waren zum Beispiel auch dabei. Fünf bis sechs Spieler aus der Jugend durften bei den Profis, die am Wochenende wenig bis gar nicht gespielt haben, mitmachen. Ich habe schnell gemerkt, dass es zu den Profis kein allzu weiter Weg mehr ist. Allerdings war ich nie verbissen oder habe ausschließlich dafür gelebt. Es kann sein, dass das jetzt im Nachhinein gesehen ein Fehler war.

Inwiefern?

Nöthe: Ich bin mit 16 feiern gegangen und habe nicht so professionell gelebt wie die anderen. Dafür gab es auch das eine oder andere Mal Ärger. Das nahm ich aber in Kauf, weil ich mir nicht alles vorschreiben lassen wollte. Ich hatte keinen Traumberuf. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich die Schule beende und eine Ausbildung mache. Ich habe dann auch Industriekaufmann gelernt. Nach dem Talente-Training ging aber alles sehr schnell.

Wie ging es genau weiter?

Nöthe: Ich wurde hochgezogen und übersprang eine Altersklasse. Auf einmal spielte ich bei den Amateuren, obwohl ich noch für die A-Jugend hätte auflaufen können. Ich erinnere mich noch an ein Spiel in der Regionalliga gegen Magdeburg. Wir lagen 0:2 zurück, ich kam in der 72. Minute rein und haben zwei Tore geschossen. Danach stand ich plötzlich im Fokus und habe dann abwechselnd bei den Amateuren und in der U19 gespielt. Es lief zwar gut, aber damals dachte ich nicht, dass ich nah an der ersten Mannschaft wäre.

Was blieb Ihnen denn vom Training bei den Profis als Jugendspieler besonders in Erinnerung?

Nöthe: Unter van Marwijk haben wir mal fast 45 Minuten lang eine einzige Passübung durchgeführt. Damals wollten wir alle nur aufs Tor schießen. Dabei ist es das Wichtigste, ein gutes Passspiel zu beherrschen, weil das Spiel immer schneller wird.

Wie schwer fiel es Ihnen, sich für Ihre Ausbildung zu motivieren?

Nöthe: Sehr schwer. Die Ausbildung begann, als ich zwischen den Amateuren und den Profis gependelt bin. Freitags hatte ich Berufsschule. Wenn Auswärtsspiele anstanden, musste ich von dort direkt ins Mannschaftshotel fahren. Mein Betrieb hat es mir zum Glück auch ermöglicht, dass ich ins Training gehen konnte.

Wie ging es für Sie dann dauerhaft nach oben zu den Profis?

Nöthe: Das war unter Thomas Doll, als es zahlreiche Verletzte gab. Doll nahm ein paar Spieler von den Amateuren ins Training auf, um sie sich anzusehen. Er war von mir schnell überzeugt, da ich nicht viele Chancen vor dem Tor brauchte, kaum nervös war und einfach Spaß hatte. Ab dann war ich bei nahezu jedem Profi-Training dabei und saß bei den Bundesligaspielen auf der Bank. Leider kam ich nur auf drei Einsätze. Zu der Zeit wurde ein 18-Jähriger noch nicht so schnell reingeworfen wie heute.

Wurden Sie im Vergleich zu davor verbissener und ehrgeiziger, nachdem Sie regelmäßig bei den Profis dabei waren?

Nöthe: Ich habe mich vor allem einfach gefreut, dabei zu sein. Ich dachte aber nicht daran, damit auf Dauer meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich genoss es vielmehr, jede Woche in einer anderen Stadt zu sein, in einem neuen Stadion zu spielen, die Atmosphäre aufzusaugen und auf Spieler zu treffen, die ich zuvor nur aus dem Fernsehen kannte. Das ist ja wesentlich besser, als die Schulbank zu drücken oder lernen zu müssen.

Das erste Mal in den Profikader berufen wurden Sie im September 2007 gegen Werder Bremen. Wie erinnern Sie sich daran?

Nöthe: Es hing immer eine Kaderliste aus, der man entnehmen konnte, ob man dabei war. Gegen Bremen stand dann ein Kreuz neben meinem Namen. Nur einmal war das etwas anders, ein paar Wochen später gegen den Karlsruher SC.

Was war los?

Nöthe: Ich war im Betrieb. In der Mittagspause sah ich auf meinem Handy, dass mich Michael Zorc die ganze Zeit erreichen wollte. Ich dachte schon, ich hätte etwas verbrochen. Als ich zurückrief, sagte er, die Mannschaft sei bereits nach Karlsruhe geflogen und ich stünde im Kader. Das war mir überhaupt nicht klar, da diesmal keine Liste aushing. Wahrscheinlich hat Doll einfach angenommen, dass wir davon ausgehen, der Kader bleibe aufgrund der zahlreichen Verletzungsausfälle ohnehin derselbe. Ich saß also kurz darauf in Arbeitskleidung im Zug nach Karlsruhe. Als ich im Hotel ankam, bekam ich von allen Applaus spendiert. (lacht) Letztlich wurde es das Spiel, in dem ich mein Bundesligadebüt feierte.

Nöthe: "Bei den Amateuren wurden Wunderdinge von mir erwartet"

Und eine Woche später standen Sie im Heimspiel gegen Bochum im ausverkauften Stadion erstmals in der Startelf.

Nöthe: Das hat sich schön angefühlt, allerdings glaube ich, es war die falsche Zeit dafür. Wir Spieler bekamen nämlich keine Medienpräsenz, da es offensichtlich einen Maulwurf im Team gab, der interne Dinge an die Presse spielte. Daher hat uns der Verein mit einem Interviewverbot belegt. Ich durfte mich nach meinem ersten richtigen Spiel also nicht äußern, anschließend war auch kaum etwas darüber zu lesen. Das war sehr schade, weil ich nach der anschließenden Länderspielpause nicht mehr berücksichtigt wurde.

Wieso?

Nöthe: Früher hat man sich nicht die Zeit genommen, um dies gegenüber jungen Spielern zu begründen. Es war normal, dass man in einer Woche dabei war und in der nächsten wieder für die Amateure kickte. Damals stand der BVB auch schlecht da und Doll mit dem Rücken zur Wand, dazu war er ohnehin nicht sehr kommunikativ. Er hat mich jedenfalls nie im Training mal zur Seite genommen und mit mir gesprochen oder erklärt, ob ich am Wochenende spiele. Womöglich war das der Gesamtsituation geschuldet. Ich selbst habe das Gespräch auch nicht gesucht, weil ich einfach nur froh war, überhaupt dabei zu sein. Zurück bei den Amateuren war die Erwartungshaltung allerdings viel zu groß. Es wurden Wunderdinge von mir erwartet.

Weil Sie quasi schon Bundesliga spielten?

Nöthe: Genau. Nach einem Auswärtsspiel mit den Profis wurde ich mitten in der Nacht von einem Mitglied des Trainerteams der Amateure abgeholt und zum nächsten Spielort kutschiert. Dort wurde am nächsten Tag dann erwartet, dass ich das Spiel im Alleingang entscheide. Es hat keinen interessiert, dass ich zuvor bei den Profis war und die ganze Nacht im Auto saß.

Haben Sie dieses Problem dann angesprochen?

Nöthe: Nein. Sonst hätte es geheißen, ich würde mich weigern, bei den Amateuren zu spielen, da ich ja schon Profi sei und andere Dinge im Kopf hätte. Dabei habe ich die Spiele bei den Amateuren keinesfalls als Rückschritt gesehen, sondern mich über die Spielpraxis gefreut. Allerdings konnte ich unter den gegebenen Umständen keine Leistung bringen.

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