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Fussball

Ex-BVB-Talent Christopher Nöthe im Interview: "Nach Zorcs Anruf saß ich in Arbeitskleidung im Zug"

Von Stanislav Schupp
Christopher Nöthe, BVB, Borussia DOrtmund

 

Wenn Sie jetzt zurückblicken, was hat Ihnen zum dauerhaften Sprung zu den BVB-Profis gefehlt?

Nöthe: Die Konkurrenz war einfach zu groß. Alexander Frei, Nelson Valdez, Diego Klimowicz oder Mladen Petric haben im Sturm gespielt. Da war es schwer, auf Spielzeit zu kommen. Ich habe mich aber auch nicht mit einem Wechsel befasst oder mit anderen Vereinen gesprochen. Ich dachte, wenn es nicht reicht, dann spiele ich eben bei den Amateuren weiter. Heutzutage würde man da sofort nach einem neuen Klub Ausschau halten.

Welcher Spieler hat Sie denn in Dortmund am meisten beeindruckt?

Nöthe: Sahin war ein absolutes Ausnahmetalent. Er hat einen extremen Willen an den Tag gelegt, hatte enorme Fähigkeiten und war sehr weit für sein Alter. Auch Mesut Özil, mit dem ich in der Westfalenauswahl zusammenspielte, hat mich beeindruckt.

Im Sommer 2008 gingen Sie schließlich auf Leihbasis zum damaligen Zweitligaaufsteiger Rot-Weiß Oberhausen. Wie kam es dazu?

Nöthe: Am Saisonende habe ich mit Theo Schneider, dem damaligen Trainer der Amateure, über meine Zukunft gesprochen. Damals machte ich mir erstmals Gedanken darüber, ob ich mich bei den Amateuren weiterentwickeln kann und überhaupt Lust habe, dauernd zwischen Profis und zweiter Mannschaft zu pendeln. Ich wollte mich dann in der 2. Liga zeigen und anschließend entweder nach Dortmund zurückkehren oder woanders Fuß fassen. Oberhausen sollte mein Sprungbrett werden.

Nöthe über RWO: "Dort war die Pizza nach der Partie entscheidend"

Wie groß war die Umstellung vom BVB auf RWO?

Nöthe: Es war eine komplett andere Welt. Die Atmosphäre war zwar familiär, aber alles, was in Dortmund professionell war, war in Oberhausen amateurhaft: von den Umkleidekabinen über die Trainingsmöglichkeiten bis hin zu den Busfahrten und der Ernährung. Dort wog ich später knapp 90 Kilogramm. In Oberhausen war die Pizza nach der Partie im Bus entscheidend. Irgendwie war es auch spannend, wieder zu den Grundtugenden zurückzukehren und auf einem Aschenplatz zu trainieren. Wenn man bedenkt, wie wir trainiert und uns ernährt haben, grenzt es heute noch an ein Wunder, dass wir Neunter wurden.

Ihr Start verlief allerdings denkbar unglücklich. In der Hinrunde kamen Sie aufgrund eines Innenbandanrisses und einer Schulterverletzung gar nicht zum Einsatz.

Nöthe: Das Innenband riss ich mir in der Vorbereitung, nachdem mich ein Mitspieler im Training gefoult hatte. Ihm passte es nicht, dass ich als junger Hüpfer besser war als er. Im ersten Training nach meiner Rückkehr habe ich mir direkt die Schulter ausgekugelt. Die Reha absolvierte ich in Dortmund, daher hatte ich keinen richtigen Bezug zur Mannschaft. Nach der Sache mit der Schulter war ich auch niedergeschlagen, weil ich ankommen und mich beweisen wollte. Ich wusste, dass ich gut genug bin, um eigentlich in jedem Spiel in der Startelf zu stehen. Das war schon sehr frustrierend. Immerhin kam ich in der Rückrunde noch auf 14 Spiele und fünf Tore.

Anschließend wechselten Sie im Jahr 2009 zu Greuther Fürth, wo Sie Ihre erfolgreichste Zeit hatten.

Nöthe: Dort hat es am meisten Spaß gemacht, weil wir eine gute Truppe hatten und ich von Anfang an das Vertrauen von Trainer Benno Möhlmann bekam. Dabei wusste er erst nicht viel mit mir anzufangen. (lacht)

Weshalb?

Nöthe: Ich glaube nicht, dass er mich überhaupt haben wollte. In Fürth hat Präsident Helmut Hack Spieler verpflichtet, wenn sie ihm gefallen haben. Vor meinem Wechsel hatte ich lediglich mit ihm und Sportdirektor Rachid Azzouzi gesprochen. Möhlmann traf ich das erste Mal beim Training. Am zweiten Tag musste ich in sein Büro. Da fragte er mich, welcher mein starker Fuß sei und auf welcher Position ich am liebsten spielen würde.

In der ersten Saison wurden Sie mit 15 Ligatreffern erfolgreichster Torschütze des Vereins. Im zweiten Jahr warfen Sie aber erneut zwei schwere Verletzungen zurück, weshalb Sie ein Drittel der Spielzeit verpassten. Wie sind Sie damit umgegangen?

Nöthe: Ich habe nur auf den Tag hingearbeitet, an dem ich wieder spielen konnte und wie sonst auch zu keinem Zeitpunkt an mir gezweifelt. Das hätte ich vielleicht getan, wenn ich mir die Verletzungen ohne Fremdeinwirkung zugezogen hätte. Es passierte aber jedes Mal in Zweikämpfen, ich konnte nichts dagegen tun.

2012 stiegen Sie mit dem Kleeblatt als Spitzenreiter in die Bundesliga auf - es war der erste Aufstieg der Vereinsgeschichte. Wie waren die Feierlichkeiten?

Nöthe: Sehr emotional, weil die gesamte Stadt mit aufgestiegen ist. Zehntausende Menschen waren auf den Straßen und man hat in ihren Augen gesehen, dass die Freude von Herzen kam. Fürth galt zuvor immer als unaufsteigbar, dabei wussten wir von Anfang an, dass es diesmal klappen würde. Trainer Mike Büskens hat im Training als Motivation ein Steine-System eingeführt. Dafür rechneten wir im Vorfeld aus, wie viele Siege wir für den Aufstieg benötigen. Die einzelnen Tage wurden mit einem weißen, Siege mit einem grünen und Niederlagen mit einem schwarzen Stein dargestellt. Jeden Tag durfte dann ein anderer Spieler den entsprechenden Stein in einen Behälter legen, so dass wir gemeinsam darauf hinarbeiteten, so viele grüne Steine wie möglich zu sammeln. Büskens war richtig hungrig nach Erfolg und hat aus allem einen Wettbewerb gemacht. Die Gewinner wurden teilweise mit Schokolade belohnt. Das hat einen echt heiß auf Siege gemacht.

Nöthe über Zoff mit dem Schwiegersohn von Ewald Lienen

13 Tore steuerten Sie zum großen Ziel bei. Im Jahr darauf in der Bundesliga waren Sie jedoch außen vor und absolvierten lediglich 13 Partien ohne eigenes Tor. Wie kam das?

Nöthe: Der Verein hat seine Ansprüche angepasst und gemeint, man könne die Mannschaft umbauen. Wenn man aufsteigt, hat man dies eigentlich den Spielern aus dem Zweitligajahr zu verdanken. Wenn die allerdings kein Vertrauen mehr bekommen und stattdessen wahllos Spieler verpflichtet werden, die weder zum Verein noch ins Konzept passen, dann fällt man auf die Schnauze. Am Ende hätten wir sogar drei Teams aufstellen können. Es gab kaum noch Platz in der Umkleidekabine, weil die Verantwortlichen einen Transfer nach dem anderen getätigt haben. Ich glaube, wir haben kein einziges Spiel mit der Aufstiegsmannschaft bestritten.

Wie sahen Ihre Gefühle damals aus?

Nöthe: Es war schon sehr seltsam: Man schießt 13 Tore, steigt auf und soll auf einmal von jemandem ersetzt werden, der vor einigen Jahren mal fünf Millionen Euro Ablöse gekostet und einen gewissen Namen hat, aber dann nicht überzeugt. Mir wurden Spieler wie Djiby Fall oder Gerald Asamoah vor die Nase gesetzt, die es aber nicht besser gemacht haben. Es kamen so viele Neue, der Teamgeist aus den vergangenen Jahren ging bereits in der Vorbereitung verloren.

Wie hat Büskens Ihnen gegenüber begründet, dass Sie nicht spielen?

Nöthe: Er sagte, es sei körperlich zu wenig, die Gegner würden mich zu leicht wegdrücken. Ich bin natürlich nicht Jan Koller und wog immer zwischen 75 und 80 Kilogramm. Weder mein Gewicht noch meine Spielweise hätten sich während eines Trainingslagers verändern können. Man hätte letztlich in die Fähigkeit der Spieler vertrauen müssen, die da und aufstiegen waren. Es war kein Wunder, dass wir sang- und klanglos gescheitert sind.

Sie blieben bis Saisonende in Fürth. Warum sind Sie nicht bereits im Winter gegangen?

Nöthe: 1860 München zeigte Interesse an einer Verpflichtung, allerdings war mir die Situation rund um den Investor Hasan Ismaik zu unsicher. St. Pauli, wo Azzouzi mittlerweile Sportdirektor war, wollte mich ebenfalls. Ich hatte zwar keinen Spaß, habe aber noch nie mitten in der Saison aufgegeben. Ich wollte erst im Sommer nach Hamburg wechseln, das war im Winter für mich bereits klar. Fürth habe ich das allerdings nicht gesagt, da der Verein keine Gesprächsbereitschaft für eine mögliche Vertragsverlängerung zeigte. Ich wollte mir auch nicht die eventuelle Chance verbauen, noch einmal zu spielen. In der Rückrunde stand ich zwar ein paar Mal in der Startelf, war danach aber wieder völlig überraschend draußen. Ab dem Zeitpunkt war mir Fürth vollkommen egal, auch der Abstieg hat mich nicht interessiert. Ich habe bis heute kein Verständnis für den Umgang.

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