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Fussball

Superspreader, Grippesaison, keine Disziplin: Experte Fritz Sörgel warnt vor Fan-Rückkehr

Von Martin Volkmar, Philipp Schmidt
In der Bundesliga dürfen die Stadien zum Saisonstart bis zu 20 Prozent befüllt werden.

Der Pharmakologe und Sportmediziner Professor Fritz Sörgel sieht große Risiken durch die Rückkehr der Zuschauer in die Stadien und wirft der Deutschen Fußball-Liga Versäumnisse bei der Vorbereitung vor.

Rein statistisch sei die hohe Zahl an Fans die größte Gefahr für unkontrollierte Corona-Infektionen, sagte er im Gespräch mit SPOX und Goal: "Ein Superspreader ist immer möglich, sogar bei großen Abständen. Vor diesem Problem kann man sich nicht schützen, es gibt keine wissenschaftliche Grundlage. Da bringt auch das kontaktlose Messen der Temperatur nichts. Es ist enttäuschend, dass es der reichste Sportverband der Welt nicht geschafft hat, Dinge zu entwickeln, die darüber hinausgehen", erklärte Sörgel.

"Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass im Vorfeld - also bereits im März oder April - untersucht werden muss, wie sich die Aerosole in den Stadien verhalten. Das wurde nicht gemacht. Sechs- oder siebenmal wird bis Ende Oktober eine sechsstellige Zahl an Fans in die Stadien gehen. Das Risiko ist rein statistisch ganz klar da, dass etwas passiert."

DFL weist Vorwürfe zurück

Die DFL wies die Vorwürfe zurück. "Eine Untersuchung, wie sich konkret Aerosole unter freiem Himmel ausbreiten, ist unheimlich schwierig und derzeit kaum valide messbar. Von daher basieren die Konzepte der Klubs in erster Linie auf Abstand und das Tragen von Mund-Nasen-Schutz, deren Einhaltung konkret vor einer Ansteckung schützen soll", sagte DFL-Direktor Ansgar Schwenken bei einer Presserunde am Donnerstag auf Nachfrage.

Und Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer, Leiter der Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb von DFL und DFB, stellte generell den Sinn einer solchen Übung in Frage: "Alle, die von Fußball ein bisschen Ahnung haben, werden wissen, dass sich 5000 Komparsen bei einem Freundschaftsspiel ganz anders verhalten als Fans bei einem Bundesligaspiel. Von daher ist dieser Simulationsweg theoretisch nett, aber praktisch klappt er nicht."

DFL: Wissenschaftliche Untersuchungen der Zuschauer-Rückkehr

Stattdessen stellten DFL und DFB vier wissenschaftliche Studien vor, mit denen die Öffnung der Stadien begleitet werden. Untersucht werden die Ansteckungsgefahren in den Arenen, die Bewegung der Zuschauer innerhalb und außerhalb der Veranstaltungsorte, die Verbreitung von Aerosolen in geschlossenen Räumen (Logen, Bars etc.) und der optimale Einsatz von Corona-Schnelltestungen.

"Wir versuchen, so gut es uns möglich ist, das Ganze unter Kontrolle zu haben", sagte Meyer. Volle Fußballstadien werde es aus seiner Sicht aber erst wieder geben, wenn ein Impfstoff zur Verfügung stehe.

Sörgel warnt vor Grippesaison und nachlassender Disziplin

Sörgel glaubt aber, dass die Bundesligisten eher früher als später die Zuschauerzahl weiter erhöhen wollen - was dann genau in die kalte Jahreszeit fallen würde. "Die Grippesaison naht. Und dann sollen die Stadien möglicherweise bis zu 40 Prozent oder sogar mehr - das ist zu befürchten - gefüllt werden?", fragte der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Da fehle ihm auch eine konkrete Positionierung der führenden Virologen, die sich auffällig aus der Diskussion heraushalten würden.

Denn für Sörgel steht fest: "Ein Mehr an Zuschauern würde dann auf ein Mehr an Infektionsgefahr treffen. Hinzu kommt die nachlassende Disziplin in der Bevölkerung, das ist aber zutiefst menschlich. Die Infektionszahlen werden so gedeutet, dass die Gefahr nachlässt."

Sörgel: "Ab diesem Moment nicht mehr kontrollierbar"

Die aktuellen Entwicklungen mit steigenden Infektionszahlen in den meisten Bundesländern zeige aber in die entgegengesetzte Richtung. Generell könne man zwar die Ticketverteilung personalisieren und auch die Abstandsregelungen während der Anreise und des Einlasses reglementieren, erklärte Sörgel: "Aber ab diesem Moment ist die Situation nicht mehr kontrollierbar. Wie verhalten sich die Zuschauer?"

Seine Antwort: "Im Stadion sind sicherlich auch ein paar Leute, die dieser Thematik nicht sonderlich zugänglich sind. Die Fans an den Alten Försterei entsprechen nicht der High Society in der Allianz Arena. Auch ist der Stehplatzanteil nicht vergleichbar."

Den Kritikern an der Öffnung dienen vor allem Szenen aus dem DFB-Pokal als Beweis, als sowohl in Rostock als auch in Dresden teilweise massiv gegen die im Hygienekonzept vorgeschriebenen Abstands- und Maskenregelungen verstoßen worden war. Allerdings verwies Schwenken darauf, dass nicht die DFL, sondern die Klubs für die Umsetzung und die lokalen Gesundheits- und Ordnungsämter für Genehmigung, Kontrollen und mögliche Bestrafung zuständig seien.

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