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Fussball

Kevin Kuranyi im Interview: Schalke 04? "In unserer Kabine hätten die Wände gewackelt"

Gemeinsam eine Bank beim FC Schalke 04: Marcelo Bordon und Kevin Kuranyi.

275 Spiele absolvierte er in der Bundesliga, 52-mal trug er das Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Heute ist Kevin Kuranyi als Spielerberater tätig, um die Stars von morgen zu entdecken und zu fördern.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht der ehemalige Stürmer über seine Agentur "22 Sportsmanagement", gewährt Einblicke in das harte Beratergeschäft und erklärt, warum einer Vielzahl von Talenten der Durchbruch im Profibereich misslingt.

Außerdem analysiert der 38-Jährige die derzeitigen Situationen seiner früheren Vereine VfB Stuttgart und Schalke 04. Bei den Königsblauen sieht Kuranyi neben einem Anführer- auch ein Identifikationsproblem.

Herr Kuranyi, im Interview mit uns im März 2017 sagten Sie: "Trainer, Manager, Berater - ich muss jetzt ganz in Ruhe schauen, in welche Richtung es bei mir gehen könnte." Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, eine eigene Berateragentur zu gründen?

Kevin Kuranyi: Es gab viele Möglichkeiten, dem Fußball treu zu bleiben. Die Gründung einer Berateragentur war für mich am interessantesten, weil ich aus dem Fußball komme und nicht nur verstehe, wie das Geschäft läuft, sondern mich auch in die Spieler hineinversetzen kann. Ich kenne ihre Interessen, ihre Sorgen, ihre Ängste. Und ich werde schnell warm mit ihnen, weil der Altersunterschied nicht zu groß ist. Ein entscheidender Beweggrund war für mich auch: Ich hatte während meiner eigenen Karriere nicht immer das Gefühl, gut beraten zu sein.

Inwiefern?

Kuranyi: Ich hatte nur einen sportlichen Berater, der sich um Vertragsangelegenheiten und Vereinswechsel kümmerte. Rückblickend weiß ich, dass mir damals schon ein Medienberater gut zu Gesicht gestanden hätte. Dann wäre das mit der Nationalmannschaft wohl nicht passiert.

Kuranyi: "Was sie daraus machen, liegt an ihnen"

Sie sprechen das Qualifikationsspiel zur WM 2010 gegen Russland in Dortmund an, als Sie nach ihrer Nicht-Berücksichtigung einfach aus dem Stadion verschwunden sind und Joachim Löw Sie aus dem Kader geworfen hat.

Kuranyi: Fehler passieren und das war ein großer. Wichtig ist doch, wie man damit in der Öffentlichkeit umgeht. Ich wusste damals nicht, wie und wann ich etwas dazu sagen sollte. Mit einem Medienberater wäre meine Kommunikation nach dem Vorfall eine andere und wahrscheinlich eine bessere gewesen. Deshalb habe ich mir daraufhin einen geholt, mit dem ich bis heute zusammenarbeite - auch in meiner Agentur.

Geht es Ihnen also vor allem darum, Spieler medial zu beraten?

Kuranyi: Wie wichtig der Umgang mit den Medien ist, habe ich während meiner Zeit als TV-Experte bei der WM 2018 gemerkt. Es geht uns aber ums Gesamtpaket. Ich möchte junge Spieler in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen und ihnen mithilfe unserer Kontakte den Einstieg in den Profibereich ermöglichen. Was sie daraus machen, liegt an ihnen. Es gibt viele Talente, die den Durchbruch nicht schaffen, obwohl sie fußballerisch teilweise mehr drauf haben als ich in ihrem Alter.

Was fehlt der heutigen Generation?

Kuranyi: Mentalität. Viele junge Spieler sind nicht mehr kritikfähig, lassen sich wenig sagen. In meinem ersten Jahr als Profi beim VfB Stuttgart wurde ich in jedem Training vom Trainer und meinen Mitspielern angeschissen, selbst nach gelungenen Aktionen. Das gehört einfach dazu. Ich habe diese Kritik nicht in den falschen Hals bekommen, sondern angenommen. Heute habe ich den Eindruck, dass viele junge Spieler die Kritik von ihren Trainern oder älteren Mitspielern persönlich nehmen und dadurch ein paar Prozente weniger geben, die ihrer Entwicklung schaden.

Kuranyi: "Mit Verträgen kenne ich mich nicht aus"

Sie sehen sich also als eine Art Mentalcoach.

Kuranyi: Das würde ich so nicht sagen. Ich weiß, worauf es ankommt, um Profi zu werden und zu bleiben. Es ist ein Vorteil, dass ich mit der heutigen Generation vertraut bin. Mein Sohn zum Beispiel ist 15. Ich weiß genau, wie ich solche Jungs anpacken muss, wann und wie ich sie loben, aber auch kritisieren muss. Deshalb sehe ich mich in erster Linie als Betreuer und Ratgeber für die Spieler, die wir betreuen. Ich bin ehrlich: Mit Verträgen kenne ich mich nicht aus, darum kümmert sich unser Anwalt. Ich habe mir bewusst ein Team zusammengestellt, das alle Kernkompetenzen der Spielerberatung vereint.

Sie haben fünf Scouts in Ihrem Team. Von vielen Berateragenturen in Europa weiß man, dass Sie ihre Scouts teilweise zu Jugendturnieren schicken, um Spieler abzugreifen. Was halten Sie davon?

Kuranyi: Die eine Sache ist, jemanden beobachten, die andere, jemanden zu bedrängen. Ich sage unseren Scouts immer, dass sie gerne solche Turniere besuchen und Spieler sichten können, die Spieler selbst und ihre Eltern aber in Ruhe lassen sollen. Es bringt nichts, einen Zehnjährigen zu beraten. Wenn er 15, 16 ist, kann man langsam auf seine Eltern zugehen und sich kennenlernen. Dann hat man auch ein Gefühl dafür, ob der Spieler möglicherweise das Zeug zum Profi hat und externe Unterstützung benötigt. Wir setzen dann auch erst einmal keinen Vertrag mit dem Spieler auf. Das läuft auf Vertrauensbasis, bis man sich richtig kennt, die Volljährigkeit erreicht ist und die reelle Aussicht auf eine Profikarriere besteht.

Kuranyi: "Einige Berater verdrehen den Spielern den Kopf"

Birgt das nicht das Risiko, dass der Spieler einen Vertrag mit einem anderen Berater aufsetzt?

Kuranyi: Doch, aber ich bin der Meinung: Fühlt sich der Spieler bei mir nicht gut aufgehoben, soll er zu einem anderen Berater gehen. Egal ob mit oder ohne Vertrag, es besteht in dieser Branche sowieso immer das Risiko, dass ein Spieler von einem anderen Berater abgeworben wird. Einige Berater verdrehen den Spielern auch mit leeren Versprechungen den Kopf.

Werben auch Sie Spieler ab?

Kuranyi: Ich möchte den guten Ruf, den ich mir als Spieler erarbeitet habe, behalten. Ich verstehe mich mit den meisten anderen Beratern auch und werde respektiert. Wirbt einer aber einen Spieler von uns ab, merke ich mir das. Wer sich alles gefallen lässt, hat es schwer, sich in diesem Geschäft zu behaupten.

Sie sind im internationalen Fußball bestens vernetzt. In welchen Ländern scoutet Ihre Agentur hauptsächlich?

Kuranyi: Deutschland ist unser Hauptmarkt, wir sind eigentlich in allen Bundesländern mit unseren Scouts unterwegs. Und man sieht aktuell ja auch, dass der deutsche Fußball boomt. Die Nachwuchsleistungszentren sind hervorragend strukturiert, hierzulande werden Talente optimal gefördert und gefordert. Ich habe aber auch Kontakte in vielen anderen europäischen Ländern und auch in Südamerika, wo mir immer wieder junge Spieler empfohlen werden. In Brasilien etwa ist die Ausbildung eine ganz andere. Dort werden durch den Straßenfußball viel mehr Eins-gegen-eins-Spieler entwickelt, die besondere Fähigkeiten im Dribbling mitbringen und damit auch für uns interessant sind. Da sehe ich generell noch Nachholbedarf in Deutschland, obwohl die A-Nationalmannschaft mit Serge Gnabry und Leroy Sane endlich wieder solche Spielertypen hat.

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