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Fussball

Kevin Kuranyi im Interview: Schalke 04? "In unserer Kabine hätten die Wände gewackelt"

Gemeinsam eine Bank beim FC Schalke 04: Marcelo Bordon und Kevin Kuranyi.

 

Gnabry stammt wie Sie aus der Talentschmiede des VfB. Hätten Sie ihm eine solche Entwicklung zugetraut?

Kuranyi: Bei Serge war frühzeitig zu erkennen, dass er fußballerisch alles mitbrachte, um Profi zu werden. Entscheidend für seinen Durchbruch war sein Wille. Er hat nie aufgehört, an sich zu glauben, was er auch seinem Umfeld zu verdanken hat. Ohne seinen Vater, den ich persönlich sehr gut kenne, wäre er vermutlich abgestürzt, als es in England schlecht für ihn lief. Er war immer ehrlich zu seinem Sohn und spornte ihn an, weiter an sich zu arbeiten. Dass es jetzt bei Bayern so gut für ihn läuft, überrascht mich nicht. Es ist klar, dass er seine Qualitäten in dieser Weltklasse-Mannschaft noch besser abrufen kann als in Hoffenheim oder Bremen.

Sie haben auch einige VfB-Talente unter Ihren Fittichen. Wer hat das Zeug zum Profi?

Kuranyi: Fußballerisch gesehen fast alle. Viele müssen aber noch an ihrer Persönlichkeit arbeiten. Alexander Asewedo zum Beispiel gefällt mir sehr gut. Der Junge ist so alt wie mein Sohn und enorm ehrgeizig. Ich kenne wenige, die in diesem Alter schon so professionell auf ihr Training und auf ihre Ernährung achten wie er.

Viele Stuttgarter Eigengewächse wurden in der jüngeren Vergangenheit frühzeitig von anderen Vereinen abgeworben. Nicht nur Gnabry, auch Joshua Kimmich und Timo Werner. Liegt die Schuld hier auch beim VfB?

Kuranyi: Ich habe den Eindruck, dass Talente von außerhalb mehr Wertschätzung erhalten als welche, die direkt aus Stuttgart kommen und von klein auf dabei sind. Gnabry und Kimmich hätte man nicht so früh ziehen lassen müssen. Werner ist beim VfB immerhin noch zum Bundesliga-Spieler gereift und hat dann den nächsten Schritt gemacht. Er war einfach zu gut. Das muss man dann akzeptieren.

Kuranyi: "Der VfB-Mannschaft fehlt es an Erfahrung"

Gut möglich, dass der VfB bald einen neuen Torjäger braucht. Wird das Toreschießen in der neuen Saison das große Problem sein, sollte der nun allerdings verletzte Angreifer Nicolas Gonzalez noch gehen?

Kuranyi: Gonzalez hat es in der 2. Liga sehr gut gemacht, muss daran aber auch erst einmal in der Bundesliga anknüpfen. Sollte er gehen, bräuchte der VfB noch einen Stürmer. Generell glaube ich, dass es der Mannschaft an Erfahrung fehlt. Mit Holger Badstuber bricht ein Routinier weg. Umso besser finde ich es, dass Gonzalo Castro die Kapitänsbinde erhält. In der Mannschaft steckt viel Talent. Gerade in der Bundesliga braucht es aber auch Leitwölfe, die vorangehen und einige Spiele auf diesem Level auf dem Buckel haben.

Sportdirektor Sven Mislintat will den VfB langfristig zurück ins europäische Geschäft führen. Was ist in dieser Saison drin?

Kuranyi: Es wäre zunächst wichtig, die Klasse zu halten und sich dann Schritt für Schritt im gesicherten Mittelfeld festzusetzen. Auch wenn die VfB-Fans von Europa träumen: Von heute auf morgen geht das nicht.

Gleiches gilt wohl auch für Ihren anderen Ex-Bundesliga-Klub, Schalke 04.

Kuranyi: Es ist schade, was auf Schalke passiert. Ich leide mit den Fans, die für mich zu den besten der Bundesliga zählen, und wünsche mir, dass es in der neuen Saison bergauf geht. Schalke als Klub gehört eigentlich jedes Jahr nach Europa.

Kuranyi: "Wagner hat zwei Gesichter gezeigt"

Ist David Wagner der richtige Trainer dafür?

Kuranyi: Er hat in der vergangenen Saison zwei Gesichter gezeigt: in der Hinrunde ein positives, in der Rückrunde ein negatives. Es wird schwierig für ihn, das Ruder herumzureißen, aber er verdient noch eine Chance. Für die Gesamtsituation gibt es sowieso keinen Alleinschuldigen.

Wie bewerten Sie die Arbeit von Jochen Schneider, dem Sportvorstand und Kaderplaner?

Kuranyi: Er ist ein ruhiger Fachmann, was ich gut finde, denn Hektik bringt in der jetzigen Situation nichts. Es ist aber schon so, dass mit Clement Tönnies nicht nur der Geldgeber, sondern auch die Autoritätsperson im Verein fehlt. Ganz zu schweigen von der Hierarchie in der Kabine. Marcelo Bordon, Mladen Krstajic, Gerald Asamoah, Ebbe Sand: Wir hatten damals viele Anführer in unserer Mannschaft und im Verein, zu denen jüngere Spieler wie ich, aber auch blutjunge Eigengewächse wie Mesut Özil oder Benedikt Höwedes aufschauen konnten. Die Mentalität war eine ganz andere. Das waren Anführer, bei denen sich viele dachten: "Geil, so will ich auch werden, an denen kann ich mich orientieren." Wenn ich jetzt einen Blick auf den Schalker Kader werfe, frage ich mich: Zu wem soll ein Ahmed Kutucu bitteschön aufschauen?

Kuranyi: "Schalkes Kaderplanung war alles andere als optimal"

Hat Schalke ein Identifikationsproblem?

Kuranyi: Ja, ich denke schon, dass sich zu wenige Spieler mit Schalke identifizieren. Es gibt welche, die sich vermutlich denken: "Okay, wenn es hier nichts wird, dann kann ich wechseln und woanders mein Geld verdienen." Oder welche, die in Anbetracht ihrer Fähigkeiten zu viel verdienen und sich denken: "Okay, ich verdiene hier so viel, dass ich meinen Vertrag aussitze - wenn es klappt, klappt es und wenn nicht, nehme ich halt wenigstens die Kohle mit." Die Kaderplanung in den vergangenen Jahren war alles andere als optimal. Das Problem: Aufgrund der schwierigen finanziellen Lage wird sich in naher Zukunft wenig daran ändern.

Neuzugang Vedad Ibisevic wäre aufgrund seiner Erfahrung ein potenzieller Anführer.

Kuranyi: Das stimmt, aber es braucht mehrere davon, um alle mitzureißen. Wenn ich an die Typen zurückdenke, die wir damals hatten... Bei uns hätten die Wände in der Kabine gewackelt, wenn wir in einer Saisonhälfte kein einziges Spiel gewonnen hätten!

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