Fussball

Ex-Nationalspieler Malik Fathi im Interview: "Du kannst Außenstehenden kaum erklären, wie groß das Thema Druck im Fußball ist"

Neue Rolle: Co-Trainer Malik Fathi (2. von li.) neben seinem Cheftrainer Zecke Neuendorf und zwei Spielern der zweiten Mannschaft von Hertha BSC.

Als Spieler interessierte sich Malik Fathi nicht sonderlich für Taktik. Nach seiner Karriere machte er erst mal eine Ausbildung zum Mentaltrainer, nun ist der erste DFB-Team-Debütant unter Bundestrainer Joachim Löw Co-Trainer bei der zweiten Mannschaft von Hertha BSC.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Fathi über die Unterschiede zwischen Coaching und Training, den Druck im Profifußball, Thomas Tuchels Trainingsmethoden und seine Shisha-Bar auf Mallorca.

Herr Fathi, Sie haben nach Ihrem Karriereende 2018 eine Ausbildung zum Mentalcoach gemacht. In der vergangenen, wegen Corona abgebrochenen Saison, waren Sie Co-Trainer von Andreas "Zecke" Neuendorf bei der U23 von Hertha BSC. Was kommt als nächstes?

Malik Fathi: Ich bleibe Zeckes Co-Trainer in der U23. Hertha hatte früh signalisiert, dass sie mit mir weitermachen wollen und für mich ist auch klar, dass ich jetzt Fußballtrainer bin.

Das Mentalcoaching ist vorbei?

Fathi: Was ich in der Ausbildung zum Mentalcoach gelernt habe, das kann ich als Erfahrung jetzt in meine Arbeit mit einbringen. Vor allem die verschiedenen Kommunikationstechniken für die Gespräche mit den Spielern. Aber es ist nicht so, dass ich als Trainer bestimmte Methoden aus dem Mentalcoachingbereich anwenden würde. Man darf das auch nicht zu sehr verschmelzen.

Wieso nicht?

Fathi: Im Mentalcoaching geht es auch um andere Dinge als beispielsweise um Saisonziele. Das ist ganzheitlicher. Als Mentalcoach möchte ich das gute Gefühl in einem wecken. Wenn du in einer Mannschaft als Fußballtrainer 20 Spieler nach ihrem Ziel fragst, werden dir alle sagen, dass sie Stammspieler sein wollen. Also wirst du schon mal mindestens neun Spieler enttäuschen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie trotzdem Trainer werden wollen?

Fathi: Nach meinem letzten Profijahr bei Atletico Baleares habe ich mir bewusst ein Findungsjahr gegönnt. Ich hatte noch als Spieler Trainerscheine gemacht und auch schon Coachingseminare besucht und mich selbst coachen lassen. Die Idee war, dass ich entweder Fußballtrainer werde oder mich selbstständig mache und versuche, Einzelsportler oder auch Mannschaften zu coachen. Bei Atletico Baleares durfte ich dann in der Vorbereitung als Mentalcoach dabei sein, da habe ich mit jedem Spieler ganz persönliche Ziele festgemacht und besprochen, warum sie diese Ziele erreichen wollen und wie. Das hat Spaß gemacht.

Aber?

Fathi: Wenig später habe ich während eines Seminars eine Übung gemacht, in der mögliche Lebenswege durchgespielt wurden. Und da habe ich gesagt: 'Nee! Ich muss im Fußball bleiben!' Ich hatte bei Atletico auf dem Platz Blut geleckt.

Malik Fathi: "Als Spieler nicht mal die Sportschau geschaut"

Inwiefern Blut geleckt? An der Vermittlung von Taktik?

Fathi: Das zum einen. Als Fußballer habe ich mich dafür gar nicht interessiert. Ich war der Typ, der nach dem Training nach Hause gegangen ist und sich danach mit dem Fußball nicht mehr auseinandergesetzt hat. Da habe ich nicht mal die Sportschau geschaut.

Ernsthaft?

Fathi: Ich war in jedem Wettkampf zu hundert Prozent da, war voll im Moment, hatte sehr viel Biss und wollte unbedingt gewinnen. Und dazu gehörte, alles, was man im Training geübt hatte, so gut wie möglich umzusetzen. Aber ich konnte mir als Spieler ganz lange nicht vorstellen, dass es mich irgendwann mal interessieren würde, die Gegner im Detail zu analysieren oder die eine kleine Schwäche zu finden, in die man hineinstechen kann. Ich habe erst in diesem Findungsjahr gemerkt, dass mir diese Dinge sehr viel Spaß machen: Welche Systeme spielt der Gegner, welche will ich spielen lassen, welche Spieler stehen mir zur Verfügung, wie und wo kann ich diese am besten einsetzen, wo wollen wir pressen usw. Aber das ist nicht alles.

Bitte!

Fathi: Ich musste lernen, dass du diese Emotion, die dir der Fußball bringt, im normalen Leben nicht erreichst. Positiv und negativ. Die Energie im Fußball ist krass, die hast du in einem normalen Job nicht und die vermisst du, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Ich hoffe, dass ich sie im Trainerdasein wiederfinde.

Eine Sucht nach Wettkampf?

Fathi: Es darf nicht zur Sucht oder zu einem Zwang werden, das wäre langfristig nicht gesund. Aber ich mag den Wettkampf. Manchmal trainiere ich noch mit, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht zu sehr wieder Spieler werde. Diese Competition hat mein Leben ausgemacht und macht wahrscheinlich das Leben vieler Spieler aus. Dieser Wettkampf bringt auf der einen Seite den enormen Druck rein, den man als Fußballer aushalten muss. Aber der Wettkampf ist andererseits einfach geil, macht den Sport lebendig, treibt die Zuschauer ins Stadion.

Ich könnte mir vorstellen, dass es für einen Trainer viel schwieriger ist abzuschalten als für einen Spieler.

Fathi: Hunderprozentig. Für einen Trainer gibt es immer Stellschrauben, die er verbessern kann, als Trainer kannst du immer weiter optimieren. Bruno Labbadia fängt bei der Hertha gefühlt jeden Tag um acht an und geht fast nie vor 20 Uhr nach Hause, Zecke arbeitet auch nicht weniger. Und dann wird der Fußball immer komplexer. Was Pep Guardiola oder Thomas Tuchel an Zeit in die Gegneranalyse stecken! Das wird auch für mich interessant sein, wie ich das machen werde. Auch da ist Balance the Key. Du musst ein gutes Gleichgewicht finden zwischen Akribie und Akzeptanz.

Fathi: "Tuchels Training ist hochgradig komplex"

Erklären Sie das bitte!

Fathi: Das habe ich etwa bei Thomas Tuchel in Mainz gelernt. Der hat uns als individuell oft schlechtere Mannschaft immer so vorbereitet, dass wir mit allen Mannschaften auf Augenhöhe agieren konnten. Dementsprechend erfolgreich waren wir auch. Das erfordert ganz große Akribie bei der Suche nach der richtigen Strategie. Aber irgendwann muss man dann aufhören mit dem Suchen, irgendwann muss man loslassen und sagen: 'Ich hab mein Bestes getan, jetzt spielen wir Fußball.' Wie ich damit umgehen werde, ist auch für mich eine spannende Frage.

Wie konnte man als Spieler unter einem so fordernden Trainer wie Tuchel nach dem Training abschalten und nach Hause gehen?

Fathi: Tuchels Training ist hochgradig komplex, aber du trainierst es in dem Moment. Die Übungen sind auch zu verstehen. Es war nicht so, dass ich nach Hause gegangen bin und Wirrwarr im Kopf hatte. Der Trainer macht sich ja die Gedanken, er macht das Training, er überlegt sich den Matchplan. Als Spieler hörst du einfach nur zu und versuchst die Dinge dann umzusetzen. Vor den Spielen ist man ja im Hotel, da hat man genügend Zeit, sich den Matchplan durch den Kopf gehen zu lassen.

Aber hat man als Spieler das große Ganze im Blick? Versteht man den ganzen Matchplan?

Fathi: Einen Eindruck vom großen Ganzen gibt es schon, die Anweisungen sind ja hauptsächlich gruppen- und mannschaftstaktisch. Tuchel zeigte dir auch bei einem Gegner wie Bayern München gewisse Lücken und gab dir dann Methoden an die Hand, wie man auch gegen solche Mannschaften erfolgreich sein konnte. Das lief dann nach dem Motto, 'wenn wir da schnell umschalten, könnte dies und das passieren'. Und oft passierte ja auch genau dies und das. Oft ging der Plan auf, wir haben ja auch gewonnen gegen Bayern.

Das Training mit Tuchel hat aber nicht dazu geführt, dass Sie sich mehr mit dem Fußball als solchen beschäftigt hätten?

Fathi: Du ziehst natürlich Vergleiche mit deinen früheren Trainern, das passiert automatisch. Und natürlich war das etwas völlig anderes. Ich fand es generell total wichtig, wenn ich im Spiel eine Struktur hatte und ein ganz klares Konzept, aber eben auch Intuition und Phantasie zugelassen waren. Das war bei Tuchel immer so, das fand ich weltklasse. Aber ich verstehe erst jetzt wirklich, wie komplex das alles ist. Als Spieler ging es mir darum, die Anweisungen so gut wie möglich umzusetzen und so wenige Fehler wie möglich zu machen.

Fathi: "'Never change a winning team' gab es bei Tuchel nicht"

Tuchel hat mit Mainz immer wieder die Taktik des Gegners gespiegelt. War das das Erfolgsgeheimnis?

Fathi: Er hat nicht jeden Gegner gespiegelt. Das war nur eine von mehreren Strategien. Tuchel hat damals zum Beispiel auch viel rotiert, die Spieler eingesetzt, von denen er glaubte, dass sie gegen diesen und jenen Gegner anhand seines vorher erstellten Schwächenprofils des Gegners am besten funktionieren würden. Auch unabhängig von den Leistungen in den letzten Spielen. Ich glaube, das waren die zwei wesentlichen Erfolgsgeheimnisse Tuchels: die Mannschaft voll auf den Gegner einzustellen, den Gegner auch mal zu spiegeln und dann aber auch die eigenen Spieler so spielen zu lassen, dass es möglichst erfolgsversprechend war. 'Never change a winning team' oder sowas gab es bei ihm nicht.

Wie erklärt Tuchel einem Spieler, dass er heute auf der Bank sitzt?

Fathi: Mit dem großen Ganzen, mit seinem Matchplan. Und du siehst ja als Spieler, dass es nicht nur dir so geht, dass er wirklich nur aus taktischen Gründen rotiert und es nichts Persönliches ist, wenn du mal auf der Bank sitzt. Am Anfang magst du noch ein wenig sauer sein, aber irgendwann ist da einfach auch eine gewisse Akzeptanz da. Aber natürlich war das bei uns in Mainz einfacher: wir hatten keinen Über-Star, keinen, der immer spielen musste. Deswegen würde es mich sehr interessieren, wie er es jetzt in Paris macht. Wie er dort mit den Animositäten der Stars umgeht.

 

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