Fussball

Der Tenor in einer Heavy-Metal-Band: Als Jari Litmanen plötzlich bei Hansa Rostock anheuerte

Von Dennis Melzer
Weltstar Jari Litmanen wechselte 2005 überraschend zu Hansa Rostock

Weltstar Jari Litmanen wechselte 2005 überraschend zu Hansa Rostock. Im Gespräch mit SPOX und Goal schwärmt Ex-Kollege Rene Rydlewicz in den höchsten Tönen.

Im Januar 2005 blies der raue Ostseewind den Protagonisten beim FC Hansa Rostock im übertragenen Sinne noch unerbittlicher ins Gesicht als sonst. Lediglich elf magere Pünktchen hatten die Mecklenburger in 17 Spielen zustande gebracht, zwischenzeitlich sogar acht Heimspiele in Serie verloren und damit einen der unzähligen Negativrekorde der schlechtesten Bundesliga-Mannschaft der Geschichte, Tasmania Berlin, aus der Saison 1965/66 eingestellt.

Das Resultat der Rostocker Horror-Hinrunde: Platz 17, punktgleich mit dem aus geografischer Sicht entferntesten Konkurrenten aus Freiburg, der lediglich aufgrund der noch schlechteren Tordifferenz das Breisgau mit der Roten Laterne erleuchtete. Der Abstand zum rettenden Ufer, das im Winter von Borussia Mönchengladbach besetzt wurde, betrug bereits sechs Punkte.

Jari Litmanen als potenzieller Heilsbringer bei Hansa Rostock

Eine ausweglose Situation, die in der Vergangenheit bei Klubs in ähnlich misslicher Lage nicht selten zu Panikkäufen oder -leihen führte. Doch plötzlich, ohne großartiges Trara, ohne, dass es im Vorfeld brodelnde oder gar überkochende Töpfe in der Gerüchteküche gegeben hätte, präsentierten die Hansa-Verantwortlichen einen potenziellen Heilsbringer, mit dem wohl kaum jemand gerechnet hätte: Jari Litmanen. Jari Litmanen, wirklich? Ebenjener Jari Litmanen, der 1995 mit Ajax Amsterdam Champions-League-Sieger geworden war? Der Jari Litmanen, der im Starensemble des FC Barcelona mitunter die prestigeträchtige Nummer zehn auf dem Rücken trug und beim englischen Schwergewicht FC Liverpool gespielt hatte?

Fürwahr. Rostock hatte sich nicht versehentlich einen bis dato unbekannten Zwillingsbruder des Finnen unterjubeln lassen, sondern tatsächlich den hochdekorierten, schöngeistigen Mittelfeldmann von internationalem Format in die Hansestadt gelotst. "Der Hoffnungsträger ist da", freute sich Hansa-Boss Manfred Wimmer, als der Klub den Transfer-Coup bekanntgab. Wimmer führte aus: "Wir haben einen speziellen Typ für eine spezifische Position gesucht. Er muss Führungskraft haben, Erfahrung mitbringen und torgefährlich sein."

Eigenschaften, über die Litmanen hinlänglich verfügte. In 255 Pflichtspielen für Ajax hatte der Edeltechniker 133 Tore erzielt, nach seiner Zeit bei Barca standen in 32 Partien vier Treffer zu Buche und in Liverpool brachte Litmanen seinen Namen in 43 Spielen immerhin neunmal auf die Anzeigetafel. Außerdem schlug der damals 33-Jährige mit der Erfahrung aus 93 Länderspielen für Finnlands Nationalmannschaft an der Warnow auf.

Einer der drei Tenöre wechselt in eine Heavy-Metal-Band

Mit ihm habe sinnbildlich Luciano Pavarotti, einer der drei Tenöre, in einer mit Raubeinen gespickten Heavy-Metal-Band angeheuert, wurde damals medial gewitzelt. Mit dem nicht unpassenden Vergleich konfrontiert, sagte Litmanen im Interview mit der Tageszeitung Welt: "Ich kenne mich in Musik nicht so gut aus. Ich weiß aber, dass Hansa nicht so schlecht ist wie viele denken." Zwei Wochen habe er aber schon überlegen müssen, ob er sich der Mission Klassenerhalt anschließen wolle. Bescheidene Aussagen eines Altstars, der während seiner Karriere nie mit Eskapaden aufgefallen war. Ein Eindruck, den sein ehemaliger Teamkollege Rene Rydlewicz im Gespräch mit SPOX und Goal vollumfänglich bestätigt.

"Jari war damals mein Zimmerpartner", erinnert sich Rydlewicz, der seinen namhaften Neu-Mitspieler damals augenzwinkernd mit den Worten "ein Glück für ihn, dass er noch einmal mit mir zusammenspielen darf", begrüßt hatte. Rydlewicz schiebt nach: "Er war der Inbegriff des Musterprofis, bodenständig, fleißig und höchst professionell. Das war schon Wahnsinn. Jari war immer der Erste, der auf dem Trainingsgelände ankam und der Letzte, der ging. Er hat in jedem Training hundert Prozent gegeben und tatsächlich geschlafen, wenn Nachtruhe war."

Rene Rydlewicz: "Er war ein richtig guter Kerl"

Für den gebürtigen Lausitzer sei es dementsprechend nicht verwunderlich gewesen, dass Litmanen "in 1990er Jahren zu den besten Mittelfeldspielern der Welt gezählt hat." Das habe der Regisseur allerdings nie raushängen lassen: "Er war ein richtig guter Kerl."

Erstmals zum Einsatz kam Litmanen für Rostock am 20. Spieltag im Heimspiel gegen den Tabellenzweiten FC Schalke 04, bei dem immerhin ein 2:2 für den abstiegsbedrohten Klub aus dem Nordosten heraussprang. "All das, was man sich heutzutage von jüngeren Spielern wünscht, war bei ihm in Fleisch und Blut übergegangen", sagt Rydlewicz, mittlerweile als Co-Trainer von Manuel Baum bei der deutschen U20-Nationalmannschaft aktiv, mit Blick auf die fußballerischen Qualitäten Litmanens. "Es war offensichtlich, dass er die Ajax-Fußballschule, die damals schon einen sehr guten Ruf genoss, durchlaufen hatte. Wenn wir uns vor Trainingsbeginn den Ball hin und her gespielt haben, gab er selbst dabei stets hundert Prozent. Er hat immer eine Auftaktbewegung gemacht und sich im Anschluss im allerhöchsten Tempo angeboten."

Jari Litmanen hatte immer wieder mit kleineren Verletzungen zu kämpfen

Obwohl Litmanen den Rostockern mit seiner Klasse merklich weiterhalf, vermochte auch er nicht, die havarierende Kogge vor dem Untergang zu bewahren. Auch, weil er immer wieder von kleineren physischen Beschwerden zurückgeworfen wurde. "Für uns war es natürlich toll, mit einem solchen Spieler zusammenspielen zu dürfen", sagt Rydlewicz. Er ergänzt: "Ich muss aber leider auch sagen, dass er aufgrund seines gehobenen Fußballeralters immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Ich weiß noch, dass er häufig individuelle Trainingseinheiten absolvieren musste. Deshalb konnte er uns aus rein sportlicher Sicht auch nicht wirklich helfen."

Hansa holte in der zweiten Saisonhälfte zwar 19 und damit acht Punkte mehr als in der Hinrunde, am Ende der Spielzeit 2004/05 musste der Klub als Tabellen-17. aber dennoch den bitteren Weg in die Zweitklassigkeit antreten. Litmanen, dessen Vertrag nur für die erste Liga galt, beendete das halbjährige Intermezzo an der Ostsee mit einem Arbeitsnachweis von einem Tor und einer Vorlage (beide Scorerpunkte sammelte er beim 2:1 über Hertha BSC).

Bleibenden Eindruck hinterließ er bei Rydlewicz dennoch: "Ich fand vor allem seinen Fleiß so bestechend. Er hat manchmal im Individualtraining mehr gemacht als wir im Mannschaftstraining - einfach, weil er unbedingt wieder fit werden wollte. Viele andere Spieler lassen ihre Karriere in dem Alter in Ruhe ausklingen, aber bei Jari war das nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Das war extrem beeindruckend."

Litmanen konnte alles - außer Backgammon

An ein mögliches Karriereende war indes noch längst nicht zu denken. Nachdem Litmanen den Absteiger verlassen hatte, versuchte er sein Glück zunächst beim schwedischen Spitzenklub Malmö FF und später beim FC Fulham, für den er keine einzige Pflichtspielminute sammeln sollte. 2008 zog es ihn zurück in seine Heimat zum FC Lahti, ehe er 2011 ein letztes Mal seinen Arbeitgeber wechselte und bei HJK Helsinki unterschrieb. 23 Spiele, ein Tor und vier Vorlagen später stemmte er erstmals die finnische Meistertrophäe in die Höhe. Im Alter von 40 Jahren. Als quasi letzte Amtshandlung, ehe er seine ruhmreiche Laufbahn endgültig beendete.

Bei seiner Ankunft in Rostock im Januar 2005 hatte Litmanen Hoffnung verbreitet. "Ich habe meist um Titel gespielt. Aber das macht nichts. Diesmal wird der Titel der Klassenerhalt sein." Vielleicht war er, der die Zuschauer über viele Jahre lange mit der feinen Klinge begeistert hatte, einfach nicht gemacht für den traditionell brüsken Bundesliga-Abstiegskampf. Vielleicht kam dem Zauberer, der komplexe Dinge auf dem Platz anstellen konnte, das verhältnismäßig schlichte Spiel auch nicht entgegen.

"Es gab eine Sache, die ich besser konnte als er", sagt Rydlewicz und klärt auf: "Backgammon."

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