Fussball

Kampf um die Deutungshoheit: Debatte um Saison-Neustart spaltet den Fußball

Von SID
Die DFL will am 9. Mai den Spielbetrieb wieder aufnehmen.

Die Politik sendet positive Signale, die Kritiker verstummen dennoch nicht. Der Profifußball wandert auf einem schmalen Grat und muss am Donnerstag ein überzeugendes Konzept zum Neustart der Saison vorlegen.

Kurz vor dem Abbiegen auf die Zielgerade wird der Profifußball vom Druck der Kurve erfasst. Im Vorfeld der entscheidenden Corona-Krisensitzung am Donnerstag hat die einflussreiche Fan-Organisation "Unsere Kurve" die Unterstützung des anvisierten Saison-Neustarts an Bedingungen geknüpft und dabei Profitgier, Korruption sowie Misswirtschaft angeprangert. Dieser Vorstoß torpediert die Bemühungen der Deutschen Fußball Liga (DFL), die derzeit mit allen Mitteln eine Stimmung "Pro Geisterspiele" erzeugen möchte.

"Vereine und Verbände sind herausgefordert, jetzt verbindliche Schritte zur Gesundung des Profifußballs einzuleiten und zu gehen", hieß es am Dienstag in einer Stellungnahme der als gemäßigt geltenden Fan-Gruppierung: "Anders ist eine Akzeptanz für Maßnahmen zur Beendigung der laufenden Saison aus unserer Sicht nicht zu erreichen. Dies setzt voraus, dass der Profifußball anerkennt, dass er nicht erst seit der Coronakrise krank ist."

Der Streit um die Tests: DFL vs. RKI

Schon zuvor hatte sich der Zusammenschluss "Fanszenen Deutschlands" mit ähnlichen Formulierungen gegen den für Mai geplanten Wiederbeginn der seit März unterbrochenen Spielzeit inmitten der Pandemie ausgesprochen. Der Gegenwind kommt zur Unzeit. Schließlich hoffen die Chefs der 36 Profiklubs bei ihrer virtuellen Sitzung am Donnerstag auf den Befreiungsschlag in vielerlei Hinsicht.

Wenn es nach den Wünschen der Vereine geht, wird DFL-Boss Christian Seifert als erstes vom Eingang der letzten Rate der Mediengelder in Höhe von rund 300 Millionen Euro berichten - was die angeblich drohende Insolvenz für 13 Klubs erst einmal abwenden würde. Noch ist der Fluss der Gelder von Sky, DAZN, Sport1, ARD und ZDF nicht offiziell bestätigt.

Der zweite wichtige Punkt wird die Vorlage eines schlüssigen Konzepts für den Neustart sein, wie es von der Politik gefordert wird. Entscheidend ist dabei, dass durch die Ausführung der Spiele keine Gefahren einer Ansteckung bestehen und dass es keinen negativen Effekt für die Allgemeinheit geben wird. Das Szenario für einen Wiederbeginn wird von der Taskforce unter Leitung von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer erarbeitet.

Der Profifußball benötigt etwa 20.000 Corona-Tests für die ausstehenden Begegnungen. Die DFL geht in diesem Zusammenhang von einer deutschlandweiten Testkapazität von mindestens 550.000 pro Woche aus. Die Argumentation ist klar: Angesichts einer Kapazität von mehreren Millionen über mehrere Wochen hinweg sind 20.000 Tests für die restlichen neun Spieltage in diesem Zeitraum vertretbar. Das Robert-Koch-Instituts sieht das allerdings anders. "Ich denke, man sollte die Tests dort anwenden, wo es medizinisch sinnvoll ist", äußerte Vizepräsident Lars Schaade: "Ich sehe nicht, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen routinemäßig gescreent werden sollten."

Trotz PR-Offensive: Kritik verstummt nicht

Auch an anderer Stelle der Debatte um einen Neustart kämpft der Profifußball um die Deutungshoheit. Dabei schicken die Klubs alles an Prominenz nach vorne, was sie zu bieten haben. Schon kurz nach den positiven Signalen von einigen Ministerpräsidenten am Montag waren die wohlwollenden Reaktionen von Seifert, Karl-Heinz Rummenigge (Bayern München), Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund), Oliver Mintzlaff (RB Leipzig), Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt) und Kollegen im Umlauf.

Es scheint so, als ob vor allem die Wucht der Namen in Verbindung mit den prominenten Fürsprechern aus der Politik den Weg für die Austragung der ausstehenden Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit ebnen soll - noch vor der nächsten Konferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Länderchefs am 30. April.

Doch trotz der PR-Offensive verstummt die Kritik am einem möglichen Wiederbeginn der Spielzeit nicht - und diese Kritik kommt nicht nur aus dem Fanlager. So haben Gesundheitsexperten wie SPD-Politiker Karl Lauterbach, Vertreter anderer Sportarten und Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband wenig bis kein Verständnis für einen Sonderweg des Profifußballs.

Auch "Unsere Kurve" macht klar, dass die Fans sich abwenden könnten, falls es keine "tragfähigen Konzepte für einen nachhaltigen Fußball" geben sollte. "Wenn der Fußball ein Teil der Gesellschaft sein will, kann er nicht losgelöst von der gesamtgesellschaftlichen Situation handeln", hieß es: "Wenn das Spiel so weitergeht, sind wir raus!"

 

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